Fast jeder kennt mittlerweile das böse Spiel mit unerwünschter Werbung am Telefon. Belästigende Anrufe, Stimmen vom Band, die einem alles mögliche versprechen: einen lukrativen Zweitjob, günstige Kredite und hohe Gewinne, wenn man nur eine dieser verflixten 0900-Abzock-Rufnummern wählt. 95 Prozent aller Deutschen waren nach einer Umfrage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen solchem Reklameterror bereits ausgesetzt. Diese Werbetelefonate sind ohne Wenn und Aber verboten. Trotzdem sieht Justizministerin Zypries keinen Handlungsbedarf. Es geht ja nur um eine läppische Zahl von 90 Millionen Telefonaten - allein im ersten Quartal dieses Jahres und nach Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung.
Auch wenn die Politik wieder einmal schläft, kann man trotzdem etwas tun. Beispielsweise eine Fangschaltung bei der Telekom beauftragen und damit gegen die illegalen Telefon-Spammer vorgehen. Auf diese Weise wird die Rufnummer des Täters sichtbar, selbst wenn sie "unterdrückt" ist. Viel zu fangen ist übrigens bei der "Schaltung" nicht, das Ganze geht rein elektronisch vonstatten, technisch gesehen ein Klacks. In diesem Fall wurde innerhalb von zwei Wochen etwa drei Dutzend Mal von ein- und demselben Telefonwerber angerufen: Terror rund um die Uhr. Nun mag man denken, daß hier kleine Gauner mit dubioser Vergangenheit in irgendeiner Hinterhofklitsche am Werk sind.
Weit gefehlt. Als die Daten der Fangschaltung auf dem Tisch liegen, zeigen sich die Kriminellen in Nadelstreifen: ein professioneller Internetauftritt mitsamt Fotos von drei promovierten Geschäftsführern. Ein mittelständisches Call-Center in Ostdeutschland mit hochkarätigen Kunden, darunter ein namhafter Automobilhersteller, ein ebenso bekanntes Versandkaufhaus, ein Großverlag und ein Fernsehsender. Kaum zu glauben, daß es solche Leute sind, die morgens Hausfrauen terrorisieren und abends Oma und Opa vor dem Fernsehapparat stören. Nun sind wir mal gespannt, wie Staatsanwaltschaft und Gericht auf die straf- und zivilrechtlichen Aspekte dieses Falls reagieren. Und der schikanierte Rechtsanwalt, der hier aktiv ist, schildert fleißig seinen Kollegen die Vorzüge einer Fangschaltung. Steter Tropfen höhlt den Stein. Und weckt vielleicht auch irgendwann Frau Zypries.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite V14
Bildmaterial: F.A.Z.