Von Michael Spehr
21. November 2007 Nur ein halbes Jahr nach dem Start seines Flaggschiffs N95 legt Nokia eine verbesserte Version nach. Da fühlt man sich doch irgendwie veralbert, wenn man im April stolze 800 Euro für ein Gerät ausgegeben hat, dessen Preis jetzt mit der Ankündigung des Neuen auf rund 450 Euro gefallen ist. Es heißt N95 8GB. Damit ist die wichtigste Änderung bereits angedeutet: Es hat keinen Leseschacht für Micro-Secure-Digital-Karten, sondern einen Flash-Festspeicher mit 8 Gigabyte.
Ist das ein Gewinn? In diesen Tagen sind die ersten 8-Gigabyte-Karten für weniger als 80 Euro im Handel, und sie lassen sich kommod wechseln oder in andere elektronische Geräte einsetzen. Wir sehen hier keinen Vorzug. Die vielen Pluspunkte des verbesserten N95 8GB für 770 Euro entdeckt man erst auf den zweiten Blick. So ist das Display ein bisschen größer geworden, und Nokia hat auf die harsche Kritik an dem nach oben und unten aufzuschiebenden Slider reagiert. Viele Kunden mussten ihr N95 der ersten Stunde zur Reparatur geben, der Schiebemechanismus war Murks.
Ein Multimedia-Computer, kein Telefon
Das Neue hat nach wie vor den Doppel-Slider, dessen Sinn sich nicht offenbart. Nach oben geschoben öffnet sich die Tastatur. Eine Bewegung nach unten bringt indes vier Musiktasten zum Vorschein, die man ohne diese aufwendige Mechanik gern anderswo hätte unterbringen können. Die Verarbeitungsqualität ist nun etwas besser. Aber wenn man das N95 8GB kritisch in die Hand nimmt, ist sie meilenweit entfernt von einem halb so teuren Apple iPhone. Die Tasten wirken billig, der Slider hat noch immer etwas Spiel, und das Display ist nicht aus kratzfestem Glas, sondern aus billigem Kunststoff. Kurzum: Die Hardware vermag nicht zu faszinieren, es ist vielmehr die Software, die dieses Handy einzigartig macht. Kein anders Mobiltelefon kann und bietet so viel, es ist ein Multimedia-Computer, kein Telefon. Wir beschränken uns auf die wesentlichen Punkte: Digitalkamera mit 5 Megapixel und Carl-Zeiss-Objektiv, UMTS mitsamt HSDPA, Wireless-Lan, GPS-Empfänger plus Nokia-Navigation.
Gegenüber dem Vorgänger wurde vor allem das Multimedia-Menü überarbeitet. Nun lassen sich Podcasts abonnieren und Wiedergabelisten programmieren. Ferner ist der Zugriff auf den neuen Nokia-Musikladen im Internet vorgesehen. Dank des großen Speichers lässt sich das N95 8GB wie ein MP3-Player nutzen, allerdings stören dann etliche Kleinigkeiten. Etwa der langsame Zugriff auf den Festspeicher, wenn man Dutzende von Alben im MP3-Format via USB-Kabel auf das Handy überträgt. Auch die Übersichtlichkeit hat unter der Neugestaltung gelitten. Soll man jetzt seine Podcasts über das gleichnamige Menü oder über den RSS-Reader verwalten? Vieles ist doppelt und dreifach vorhanden und an unterschiedlichen Stellen aufrufbar. Die früher konsistente Menüstruktur fehlt, die Bedienungsoberfläche wirkt verwildert. Da müsste man mit strenger Hand Ordnung schaffen, und dazu gehört auch: dass sich die unzählbaren Nokia-Links und Ordner (etwa im Internet-Menü) löschen lassen. Überall stößt man auf diese lästige Eigenreklame.
Keine DVD Qualität, dennoch beachtlich
In Sachen Video ist das N95 8GB wie das Vorgängermodell bestens gerüstet für eigene Aufnahmen, aber auch zur Wiedergabe von Fernsehsendungen und Kinofilmen. Das ist kein Scherz. Wir hatten die Spiderman-Edition des Handys bekommen, auf der sich die dritte Episode im komprimierten MPEG-4-Format befand. Mit dem beiliegenden Cinch-Kabel lässt sich das N95 8GB ans Fernsehgerät anschließen, und die Filmqualität liegt zwar nicht auf DVD-Niveau, ist aber beachtlich. Seine eigenen DVDs für das Nokia zu "rippen" ist kompliziert und ein Thema für sich. Darauf kommen wir noch zurück. Es geht aber. Neu ist ferner das N-Gage-Menü für Spiele und die erweiterte Suche, die man schon vom E90 kennt. Viele Software-Fehler des Vorgängers hat Nokia leider nicht ausgemerzt. Dazu gehört, dass in den Anruflisten stets das Mobiltelefon-Symbol auftaucht, selbst dann, wenn man zum Festnetz oder Büro telefoniert hat.
Die sprecherunabhängige Sprachwahl ist leider auf nur einen Kontakttyp beschränkt, und das Wireless-Lan läuft so instabil wie beim alten Gerät: Häufig wird das Netz nicht als Zugangspunkt angezeigt, obwohl es vorhanden ist. Lässt man manuell suchen, erscheint es. Dann soll man aber den Sicherheitscode abermals eingeben, es ist zum Verzweifeln. Die Chat-Funktion ist wie bei allen Nokias unbrauchbar, sie funktioniert nicht. Ein neu hinzugekommener Fehler ist der stets ins Querformat gedrehte Bildschirmschoner. Manche Programme für das ältere N95 laufen nicht mehr. Dazu gehört etwa die Navigationssoftware von Navigon. Sie meldet, dass kein Wechseldatenträger gefunden wurde.
In wenigen Sekunden zum Erdtrabanten
Das ungemein praktische Mail for Exchange für den direkten Zugriff auf Outlook im Büro startet erst mit der Version 2.1 auf dem N95 8GB, und der Hersteller weist darauf hin, dass nicht alle Sicherheitsfunktionen von Exchange unterstützt werden. Derzeit bestünde die einzige Lösung darin, die Sicherheitsanforderungen des Servers zu reduzieren, eine nebulöse Aussage. Mit unserem F.A.Z.-Server ließ sich das N95 8GB jedenfalls nicht verbinden. Als großer Vorzug der neuen Modellvariante wird von Nokia die erhöhte Akkukapazität erwähnt. Sie beträgt nun 1200 statt 950 Milliamperestunden. In der Praxis ist das spürbar, aber die noch immer kümmerliche Bereitschaftszeit bleibt ein Problem: Wird das N95 8GB intensiv genutzt, muss es jeden Abend an die Ladestation. Dass Nokia eine utopische Betriebszeit von 280 Stunden angibt, ist skandalös und ein Fall für die Verbraucherschützer.
Das Update des GPS-Empfängers ist deutlich besser geraten. Brauchte die Einheit im N95 bis zu 5 Minuten, um den Erstkontakt zu den Erdtrabanten herzustellen, sind es jetzt nur wenige Sekunden. Dafür ist Assisted GPS verantwortlich, das via Mobilfunknetz Hilfsdaten übermittelt, um dem Empfänger die Positionsbestimmung zu erleichtern. Alles in allem begeistert das neue N95 mit seiner Software und Ausstattung. In dieser Hinsicht gibt es momentan nichts Besseres. Wir haben es im Auto als MP3-Spieler und Navi-System eingesetzt, zu Hause via Wireless-Lan unsere Lieblings-Podcasts aufgespielt und natürlich E-Mail und Internet intensiv genutzt. Wenn der Akku länger hielte und das Gerät so hochwertig verarbeitet wäre, wie es sein Preis nahelegt, würden wir es kaufen.
Text: F.A.Z., 20.11.2007, Nr. 270 / Seite T2
Bildmaterial: Hersteller
