Nokia N96

Im zweiten Anlauf nicht überzeugend

Von Michael Spehr

Viel Schiebung: Nokias neues Flaggschiff N96

Viel Schiebung: Nokias neues Flaggschiff N96

14. Oktober 2008 Als Nokia vor anderthalb Jahren sein Flaggschiff N95 mit der Ausstattung eines kleinen Multimedia-PC auf den Markt brachte, kam Begeisterung auf. Innovativ war die Fülle der Möglichkeiten, neu der GPS-Empfänger und spektakulär die Geschwindigkeit. Nun ist der Nachfolger N96 im Handel, und in der Zwischenzeit viel passiert: GPS im Handy ist selbstverständlich. Apple hat zwei iPhones auf den Markt gebracht und damit neue Standards beim mobilen Surfen im Internet gesetzt. Das taiwanische Unternehmen HTC ist einer der wichtigsten Hersteller für Taschencomputer mit Windows-Betriebssystem geworden (es fertigt auch für Sony Ericsson und Palm) und setzt Maßstäbe mit hochauflösenden Displays: der HTC Touch HD etwa mit 480 × 800 Pixel.

Daher waren wir sehr gespannt, als Nokias N96 in der Redaktion landete, für 730 Euro ist es eines der teuersten Geräte der Finnen. Hinsichtlich der Bauform (5,5 × 10,3 × 1,8 Zentimeter, 125 Gramm) bleibt es bei dem doppelten Schiebemechanismus, der es erlaubt, die obere Gehäusehälfte mitsamt Display nach unten oder oben zu bewegen, um wahlweise Tasten für den Musikspieler oder die numerische Tastatur hervorzurufen.

Pluspunkte für Akku-Laufzeit und den vergrößerten Arbeitsspeicher

Die Mechanik des Sliders macht einen etwas besseren Eindruck als beim N95 und der Variante N95 8 GB, aber das verwendete Plastik wirkt billig, die Tasten knarzen. Kein Glas über dem Display, wie beim iPhone, sondern ein Kunststoff, auf dem sich schnell Fingerabdrücke und andere Spuren zeigen. Das halb so teure Nokia E66 mit seiner Metalleinfassung ist deutlich besser verarbeitet. Statt der Mini-USB-Buchse für Datenverbindungen kommt nun Micro-USB zum Einsatz, aber der Anschluss dient eben nicht, wie bei den HTC-Geräten, gleichzeitig zum Laden des Kleinen. Die Idee, unterwegs das Handy mal eben mit Strom aus dem Notebook zu versorgen, vor allem beim Einsatz als UMTS-Modem, ist damit hinfällig. Von der Anmutung her überzeugt das N96 also nicht.

Doch nun zu den inneren Werten. Die wichtigste Verbesserung ist die Verlängerung der Akku-Laufzeit. Überstanden die beiden N95-Modelle gerade mal einen Arbeitstag, muss das N96 erst nach zwei bis drei Tagen wieder ans Netzteil. Das ist ein klarer Gewinn. Der vergrößerte Arbeitsspeicher zählt ebenfalls zu den Pluspunkten, 16 Gigabyte als interne „Festplatte“ lassen sich durch Micro-SD-Karten noch weiter ausbauen. Ferner hat Nokia die Zugangspunktverwaltung überarbeitet. Wenn man alles richtig einstellt (das dürftige 70-Seiten-Handbuch hilft dabei nicht), ist der Zugang zum Netz mit wechselseitiger Nutzung von Wireless Lan und Mobilfunk einfacher geworden. Ferner ist DVB-H für den mobilen Fernsehempfang eingebaut.

Armutszeugnis für die Display-Auflösung

Wir konnten im Probebetrieb von Betreiber „Mobile 3.0“ ARD und ZDF in ordentlicher Qualität empfangen, aber nur im Ballungsraum Frankfurt. Da das Konsortium bislang keine Vertriebspartner für sein geplantes kostenpflichtiges Angebot hat und einer sehr unsicheren Zukunft entgegensieht, hat dieser mobile Fernsehspaß vermutlich schon bald ein Ende, und das kostenlose Überallfernsehen mit DVB-T empfängt das Nokia nicht.

Weitere Schwachstellen der Vorgängermodelle hat Nokia leider nicht beseitigt. Die 5-Megapixel-Kamera wurde etwas verbessert, aber beim Durchdrücken des Auslösers ist so viel Kraft erforderlich, dass die meisten Aufnahmen verwackeln. Das Display hat nach wie vor nur eine Auflösung von 240 × 320 Pixel, ein Armutszeugnis bei diesem hohen Preis, vor allem im Vergleich zu gängigen Windows-Geräten, bei denen 640 × 480 Pixel gehobener Standard sind, oder mit dem iPhone und seinen 320 × 480 Pixel.

Ein gewaltiger Rückschritt

Was beim Surfen im Internet geboten und gezeigt wird, ist kümmerlich und nicht mehr Stand der Technik. Die Brillanz und Helligkeit der Anzeige fällt sogar schlechter aus als beim N95. Etwas besser arbeitet hingegen der GPS-Empfänger, aber auf zwei Vergleichsfahrten à 50 Kilometer mit dem Nokia E71 zeigten sich schnell Grenzen: Während das E71 nahezu ununterbrochen den Kontakt zu den Satelliten hielt, war das N96 ein Drittel der Zeit mit der GPS-Suche beschäftigt.

Ein gewaltiger Rückschritt gegenüber vielen älteren Nokias mit Symbian Serie 60 oder den Windows-Produkten ist die fehlende Option, selbst auszuwählen, welche Programme oder Module auf dem Standby-Bildschirm erscheinen, so dass man etwa mit einem Blick die neue E-Mail sieht. Das entsprechende Menü „Plugins im aktiven Standby“ wurde ersatzlos gestrichen. Das allein ist ein Grund, das N96 nicht zu kaufen. Vollends unbrauchbar wird die Bereitschaftsanzeige, wenn man sich mit „Mail for Exchange“ an den Unternehmensserver anbindet: Wir sahen nur eine Liste mit 15 unerledigten Aufgaben, aber nicht einen einzigen Eintrag aus dem Terminkalender. Weitere Minuspunkte hat das N96 wiederum mit anderen Nokias gemeinsam: Dazu gehört, dass in den Anruflisten stets das Mobiltelefon-Symbol auftaucht, selbst dann, wenn man zum Festnetz oder Büro telefoniert hat, was ungemein verwirrt und stört.

Wichtige Entwicklungen wurden verschlafen

Die sprecherunabhängige Sprachwahl ist ferner auf nur einen Kontakttyp beschränkt. Die Chat-Funktion ist wie bei allen Nokias unbrauchbar, sie funktioniert nicht. Menüeinträge finden sich doppelt an unterschiedlichen Orten, und fest programmierte Ordner sowie Lesezeichen für Nokia-Seiten im Internet, die teils gar nicht vorhanden sind, waren ein weiteres Ärgernis im Testprotokoll. Bei der ersten Inbetriebnahme will das Gerät zudem eine Kurzmitteilung mit der eigenen Mobilfunknummer an „My Nokia“ schicken, damit man fortan mit Nokias SMS-Reklame beglückt werden kann.

In der Fülle der Möglichkeiten gewiss beeindruckend, scheitert Nokias neues Top-Modell für Multimedia & Co. an den Details. Es zeigt, dass in den vergangenen anderthalb Jahren wichtige Entwicklungen verschlafen wurden. Wer auf einen „iPhone-Killer“ hoffte, wird schon in Sachen Materialauswahl, Verarbeitungsqualität und Displayauflösung bitter enttäuscht. Das N96 ist nur ein zweiter Aufguss, und es ist viel zu teuer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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