Nokia N95

Multimedia-PC für die Hosentasche

Von Michael Spehr

“Das kann alles“, behauptet zumindest Nokia vom N95

"Das kann alles", behauptet zumindest Nokia vom N95

20. April 2007 „Das kann alles“, sagt Nokia über sein neues Handy-Flaggschiff N95. Und bei uns darf es an diesem Sonntag zeigen, was es wirklich auf dem Kasten hat. Mit dem Fahrrad wollen wir den Silbersee südlich von Worms bei Bobenheim-Roxheim umrunden. Das N95 passt prima in die Hosentasche. Es ist nicht größer als ein herkömmliches Gerät (99 x 53 x 21 Millimeter) und wiegt nur 120 Gramm. Aber auf die inneren Werte kommt es an. Das N95 bietet alles, was derzeit denkbar und möglich ist. Zunächst probieren wir am Silbersee die Kamera-Abteilung aus und machen uns mit dem eigenwilligen Schiebemechanismus vertraut.

Die Abdeckung mitsamt Display lässt sich nach unten schieben, so dass an der Oberseite vier berührungsempfindliche Tasten für die Musikabteilung auftauchen. Bewegt man das Ganze aber nach oben, ist die Zifferntastatur zu sehen, und so lässt sich der Apparat für Fotos am besten halten. Nun den Objektivschutz an der Rückseite entfernen, damit sich das Carl-Zeiss-Objektiv zeigt. Anschließend wird aus dem brillanten 6,5-Zentimeter-Display der Sucher, das dauert einige Sekunden, und der Autofokus lässt sich ebenfalls Zeit. Unser erster Eindruck: keine Schnappschusskamera für schnelle Aufnahmen. Auch sieht man auf dem Display bei hellem Sonnenschein so gut wie nichts. Indes überzeugen die Fotos.

Im Netz browsen wie mit einem Desktop-PC

Navigation mit unangenehmer Wartezeit und Aussetzern

Navigation mit unangenehmer Wartezeit und Aussetzern

Der stecknadelkopfgroße Sensor löst mit 5 Megapixel auf, mehr braucht eigentlich kein Mensch. Die meisten Aufnahmen draußen in der freien Natur sind gut geworden, die typische Kompaktkamera für 200 Euro könnte es nicht besser. Es gibt Motivprogramme, beispielsweise für Nahaufnahmen, Portraits, Sport und Landschaft. Und das N95 hat jede Menge Software an Bord, um Fotos nachträglich zu bearbeiten. So entstehen dank „Movie Director“ aus zwei, drei Aufnahmen lustige Filmchen mit witzigen Effekten. Alle Schnappschüsse lassen sich gleich online zu Flickr oder einem anderen Bilderdienst hochladen. Zu Hause nimmt man aus Kostengründen Wireless-Lan, für unterwegs hat das Nokia UMTS mitsamt dem Datenturbo HSDPA eingebaut.

Das N95 nutzt als Betriebssystem Symbian S60 3rd Edition und folgt hier anderen Oberklasse-Geräten der Finnen. Wenn man es mit älteren Nokias vergleicht, fallen jedoch viele Verbesserungen im Detail auf. Da kann man etwa auch bei den RSS-Feeds jeden beliebigen Zugangspunkt zum Internet einsetzen, es gibt einen neuen Browser und ein ebenfalls neues Quickoffice zum Betrachten von Office-Dateien. Ansonsten gilt: Es ist wirklich alles an Bord. Bemerkenswert ist auch das hohe Arbeitstempo. Wir haben noch nie ein Handy in der Hand gehabt, das herkömmliche Internetseiten so schnell anzeigt wie dieses. Von der beschränkten Display-Größe (Auflösung: 240 x 320 Pixel) einmal abgesehen, kann man mit dem N95 so geschwind im Netz browsen wie mit einem Desktop-PC. Kein Vergleich jedenfalls mit älteren Handys.

Unpraktisches Aufladen

Doch zurück zu den Fotos: Bei genauer Betrachtung haben etliche einen leichten Rotstich oder leiden unter der sehr starken Bildkomprimierung, die hier vorgenommen wird. Kaum ein Foto ist größer als ein Megabyte, die typische Datei erreicht 500 Kilobyte. Bei Innenaufnahmen arbeitet der Blitz im Nahbereich zu stark, in der Entfernung zu schwach. Ein optischer Zoom fehlt. Als Speichermedium dient das Micro-SD-Format, mitgeliefert wird ein 512-Megabyte-Medium, maximal sind 2-Gigabyte-Karten einsetzbar. Auch der Kamkorder liefert gute Ergebnisse, ist aber weit von der versprochenen DVD-Qualität entfernt.

Zwischendurch setzen wir auf unserem Ausflug das N95 als Musikspieler ein, hier bewähren sich die Schnellwahltasten oberhalb der Anzeige, störend ist ein leichtes Grundrauschen des Players. An den Außenseiten ist jeweils ein Lautsprecher angebracht, ferner lässt sich ein hochwertiger Kopfhörer dank 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse anschließen. Wie beim iPod von Apple gibt es Wiedergabelisten. Die MP3-Bestände auf der Speicherkarte sind fein säuberlich nach Interpreten, Alben, Genre und Komponisten unterteilt. Und wer noch mehr Komfort sucht, schließt einen Bluetooth-Kopfhörer mit dem neuen A2DP-Profil für HiFi-Übertragung an.

Zum Datentransport hat das N95 eine standardisierte USB-Buchse. Aber sie ist leider nur für Daten zuständig und nicht - wie etwa bei Motorola oder den Blackberrys - zugleich für die Stromversorgung. Dafür braucht man noch immer ein eigenes Ladegerät. Die Idee, unterwegs das Kleine mal eben mit Strom aus dem Notebook zu versorgen, vor allem beim Einsatz als UMTS-Modem, ist damit hinfällig. Die Verarbeitungsqualität ist ordentlich, aber bei einem Gerät dieser Preisklasse erwartet man eigentlich mehr: Dieses Kleinod kostet stolze 760 Euro!

Ein vollwertiges Navi ist das nicht

Bemerkenswertes Arbeitstempo: Das N95 ist fit fürs Internet

Bemerkenswertes Arbeitstempo: Das N95 ist fit fürs Internet

Als der Silbersee mit dem Rad schneller umrundet ist, als wir dachten, bleibt noch viel Zeit für weitere Kilometer auf dem Mountainbike. Wir fahren am Rhein entlang Richtung Worms und testen die Navigationsabteilung. Das N95 hat einen GPS-Satellitenempfänger eingebaut, und Kartenmaterial aus aller Welt lässt sich kostenlos laden. Wer eine Navigation von A nach B mit gesprochenen Anweisungen braucht, muss allerdings ein paar Euro extra zahlen. Nokia verwendet die Software Smart2go von Gate 5, und wir haben hier alles Wichtige schon beschrieben (F.A.Z. vom 6. März). Leider haben die Finnen ein sehr empfangsschwaches GPS-Modul gewählt, und das bedeutet: Bis nach dem Programmstart die Ortung erfolgt, vergehen durchweg drei Minuten.

Die Antenne ist unter der Tastatur angebracht, das Gerät muss also aufgeklappt sein. Diese Wartezeit ist für den gelegentlichen Einsatz hinnehmbar, im Auto aber sehr unangenehm. Man fährt los und hält nach 3 Minuten an, um die Navigation zu starten. Bei anderen Systemen beginnt die Routenführung automatisch, sobald das Satellitensignal erfasst ist. Als wir Worms erreichen, sind auch im Stadtgebiet wieder Aussetzer zu bemerken. Immerhin führt uns das System zum nächsten Schnellimbiss für eine ausgedehnte Mittagspause. Aber ein vollwertiges Navi ist das nicht.

Hält nicht was der Preis verspricht

Fünf-Megapixel-Sensor stellen jeden zufrieden, die lange Auslösezeit nicht

Fünf-Megapixel-Sensor stellen jeden zufrieden, die lange Auslösezeit nicht

Auf dem Rückweg nach Bobenheim-Roxheim stoßen wir auf das nächste Problem: Auch beim Akku hat Nokia gespart. Im Unterschied zu den Business-Modellen kommt nur eine kleine Variante mit 950 Milliamperestunden zum Einsatz. Bei aktiver Navigation ist ein voll geladener Akku nach ungefähr zwei Stunden leer. Im „normalen“ Einsatz fordern das große Display und der schnelle Prozessor ebenfalls ihren Tribut: Wer sich intensiv mit dem N95 beschäftigt, leert den Kraftspender in weniger als fünf Stunden, die typische Betriebszeit liegt bei ungefähr 20 Stunden. Der Hersteller gibt hingegen bis zu 230 Stunden an. Das ist vollkommen utopisch.

So bleibt am Ende des Tages ein zwiespältiger Eindruck: Auf der einen Seite kann dieses Handy mehr als jedes andere, es ist verflixt schnell und die Software arbeitet zuverlässig. Obwohl die Ausstattung geradezu „erschlagend“ ist und man sich zunächst an die vielen Möglichkeiten gewöhnen muss, bleibt die Bedienung insgesamt einfach. Aber das N95 ist auf der anderen Seite sehr teuer, und hinsichtlich Akku-Leistung und GPS-Empfang hält es nicht, was es verspricht. Trotzdem wird uns das N95 noch einige Zeit begleiten. Wir haben noch während der Radtour die besten Fotos ins Internet gestellt, auf dem Rückweg im Auto einen Podcast gehört und zu Hause dann sehnsüchtig zwei Stunden gewartet, bis der Akku wieder gefüllt - und das Kleine damit für neue Abenteuer bereit war.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite V12
Bildmaterial: AFP, Spehr

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