Von Marion Kamp
20. Februar 2007 Die Schlange ist schier endlos. Hunderte von Menschen warten am Flughafen auf ein Taxi. Überall sind Kamerateams. Warum? Besucht der Papst die Sagrada Famiglia - Barcelonas berühmteste Kirche? Nein, der Grund für die Menschenmenge ist ein ganz anderer: der 3GSM World Congress. Vor nicht allzu langer Zeit war dies eine beschauliche Veranstaltung, die in Cannes knapp 10.000 Mobilfunk-Freaks und -Fachleute vereinte.
Doch die Zahl der Besucher verdoppelte sich jährlich, und der kleine Kongress entwickelte sich rasch zu der Telekommunikationsmesse schlechthin. Als die Kongresshallen in Cannes aus allen Nähten platzten, wurde die Messe 2006 nach Barcelona verlagert. Mit ihr das gesamte Chaos. Mittlerweile ist die 3GSM die Leitmesse der Telekommunikation schlechthin. Handy-Hersteller wie Nokia, Motorola und andere zeigten alle Neuheiten in Barcelona - und verzichten künftig auf einen Cebit-Messestand. Warum die teure Gemischtwarenveranstaltung in Hannover buchen, wenn in Barcelona genau die richtigen Leute am richtigen Ort sind?
144 Mbit/s für unterwegs?
So quetschten sich in diesem Jahr in Spanien neben den 1300 Ausstellern rund 60.000 Besucher in die heiligen Hallen an der Placa Espanya. Eifrig buhlten sie um die Wette, wenn es darum ging, neue Geräte zu erspähen, in der Mittagspause ein Bocadillo zu ergattern oder bei einer Pressekonferenz einen Sitzplatz zu bekommen. Im Fokus der Messe standen indes mobile Datendienste wie etwa der Highspeed Downlink Packet Access - kurz HSDPA. Während man mit UMTS gemächlich durchs Netz fährt, beschleunigt HSDPA den mobilen Download auf bis zu 3,6 Megabit pro Sekunde (Mbit/s). Das entspricht etwa der DSL-Geschwindigkeit im Festnetz und bedeutet: Unterwegs kann man endlich so flink surfen und Daten abrufen wie zu Hause oder im Büro.
Die Mobilfunknetze werden bereits entsprechend ausgebaut. Dabei drückt vor allem Vodafone auf die Tube: In deutschen Ballungsgebieten wollen die Düsseldorfer das Tempo auf bis zu 7,2 Mbit/s hochschrauben. Wer glaubt, damit sei das Ende der Fahnenstange erreicht, irrt. Ericsson zeigte in Barcelona LTE (Long Term Evolution), einen Übertragungsstandard, der theoretisch bis zu 144 Mbit/s erlaubt. Ob und wann sich LTE durchsetzen wird, steht allerdings in den Sternen.
Internet-Telefonie per Handy
Musste man im vergangenen Jahr HSDPA-Handys im Wortsinne suchen, hält jeder große Hersteller nun mehrere Modelle zur Auswahl. Das wohl ausgefallenste ist das Z8 von Motorola. Der schwarze Slider nimmt beim Öffnen plötzlich eine gebogene Form an, die dem Gesicht schmeichelt. Mit der Banane - wie einige Besucher das Gerät tauften - lässt sich multimediales Futter nicht nur flink aus dem Netz fischen (maximal 3,6 Mbit/s), sondern dank des großen Displays mit 16 Millionen Farben auch bestens betrachten. Samsung lockt indes mit dem F700, einem der schnellsten und vielseitigsten Highspeed-Modelle. Es erlaubt Ausflüge mit bis zu 7,2 Mbit/s, bietet einen großzügigen Touchscreen, eine vollwertige Qwertz-Tastatur und trumpft obendrein mit einer 5-Megapixel-Kamera auf.
Wenn es um erstklassige Ausstattung geht, ist Nokia stets mit von der Partie. Die Finnen zeigten auf der Messe eine Vielzahl neuer Business-Geräte, die jede Menge Tempo und Komfort offerieren. Handys der sogenannte E-Serie wie das neue E65 beispielsweise warten neben HSDPA zusätzlich mit Wireless Lan auf. Damit halten sie nicht nur einen zweiten Datenturbo bereit, sondern erlauben dem Anwender, sich über einen Hotspot ins Netz einzuwählen und besonders günstig via Internet zu telefonieren (Voice over IP - kurz VoIP). Die erforderliche Software ist schon installiert (von Cisco, Avaya und Alcatal).
Der Blackberry zeigt wo's langgeht
Für die Netzbetreiber bedeutet das jedoch: ihnen gehen Gebühren flöten. Manch einer versuchte daher in der Vergangenheit, der mobilen Nutzung von VoIP einen Riegel vorzuschieben. Sie sehen aber mittlerweile ein, dass sich diese Entwicklung nicht aufhalten lässt, meint Timo Lukka, Leiter des Produkt-Marketings von Nokia. Eine weitere Besonderheit der E-Serie ist ihr One Touch Button - eine Schnellzugriffstaste, die mit einem Knopfdruck eine Konferenzschaltung mit mehreren Teilnehmern herstellt. Außerdem unterstützen die Geräte alle gängigen Push-E-Mail-Dienste, so dass Nachrichten automatisch auf dem Gerät landen. Rund 80 Prozent aller Handys, die neu in den Handel kommen, sollen E-Mail-fähig sein.
Navigation entwickelt sich ebenfalls zu einer Standardanwendung, die in immer mehr mobile Geräte Einzug hält. So auch in den Blackberry 8800, den Vodafone und T-Mobile fast zeitgleich auf der Messe ankündigten. Konzentrierten sich die ersten Blackberrys ausschließlich auf den Empfang und Versand von Nachrichten, ist in dem 8800 ein GPS-Modul sowie Software integriert, die zeigt, wo's langgeht.
Mal Mini-Computer, mal Handy, mal Wegweiser
Wer einen Wegweiser sucht, darf sich ferner auf den 6110-Navigator freuen. Das Nokia-Handy wurde eigens für die mobile Navigation konzipiert und bietet mit einem speziellen Knopf auf der Front direkten Zugriff auf entsprechende Funktionen. Sucht man beispielsweise ein bestimmtes Restaurant, wird nicht nur dessen Position auf der Karte angezeigt, sondern auch die zugehörige Telefonnummer und Internetseite. Ebenso problemlos kann man den Kartenausschnitt und die GPS-Koordinaten an Freunde senden oder sich zu Adressen aus seinem Telefonbuch leiten lassen.
Bei Nokias neuem Communicator E90, dem Spitzenmodell für Geschäftsleute, sind Antenne und Navigationssoftware ebenfalls integriert. Doch damit nicht genug: Der Tausendsassa hat auch eine 3,2- Megapixel-Kamera mit eingebautem optischen Zoom und bietet etliche Anwendungen für Freizeit und Beruf. Mit seiner aufklappbaren Tastatur ist er zudem eines der wenigen Mobiltelefone, die das Notebook ersetzen sollen. An derartigen Geräten besteht offenbar Bedarf. Das veranschaulichte der Andrang bei T-Mobile rund um den Ameo: ein neuartiges Gerät mit Tastatur, die sich je nach Bedarf abnehmen oder anschließen lässt. Ein magnetischer Kontakt macht's möglich. So ist der Ameo mal Mini-Computer, mal Handy, mal Wegweiser. Dafür aber rund 300 Gramm schwer. Wir haben ihn in der Sonntagszeitung vom 11. Februar bereits ausführlich vorgestellt. Pocket-PC: Geballte Technik im Taschenbuchformat
Dem mobilen Fernsehen fehlt nur der Standard
Äußerst schleppend geht es beim mobilen Fernsehen voran: Die Übertragungstechniken für Live-Fernsehen - DVB H und T DMB - konkurrieren und finden unterschiedliche Befürworter. Schon auf der vergangenen 3GSM forderte René Obermann von der Telekom einen einheitlichen Standard, der bis heute fehlt - und vor 2008 vermutlich nicht gefunden wird. An entsprechenden Handys mangelt es keineswegs. Im Unterschied zu den ersten TV-Handys, die meist als klobige Knochen daherkamen, sind die neuen Modelle wesentlich kleiner, schlanker und schicker.
Bei Geräten wie dem My Mobile TV von Sagem ist die Antenne unsichtbar eingebaut. Für einen möglichst komfortablen Fernsehgenuss bietet das Klappen-Handy ein Display, das sich einmal um die eigene Achse drehen lässt. Seine eigentliche Besonderheit aber ist der eingebaute Bewegungssensor. Er lässt das dargestellte Bild wie von Zauberhand mitwandern, sobald man das Handy in die Vertikale oder Horizontale schwenkt. Die Programme kann man nach eigenem Gusto sortieren, und der Akku soll bis zu 4 Stunden im TV-Modus durchhalten. Mit dem KU950 von LG kann man während des laufenden Programms telefonieren sowie einzelne Szenen festhalten. Und mit dem N77 von Nokia ist es gar möglich, die letzten 30 Sekunden einer Sendung zurückzuspulen und sich vor Augen zu führen.
Flexibel reagieren und Nischen besetzen
Angeblich unterstützen alle vorgestellten Mobiltelefone interaktives Fernsehen, das gerne als Mitmachfernsehen bezeichnet wird und der nächste große Schritt in der Entwicklung des Mobile TV sein soll. Die Idee: Per Knopfdruck soll der Zuschauer an Quiz-Shows, Gewinnspielen oder Abstimmungen im Fernsehen teilnehmen können. Bis es jedoch so weit ist, steht vermutlich die nächste 3GSM mit noch längeren Besucherschlangen vor der Tür.
Besonders voll war es bei den Herstellern, die früher nur ein müdes Lächeln ernteten: bei den Koreanern LG und Samsung. Sie haben erkannt, wie wichtig es ist, flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren und Nischen zu besetzen. Genau vor einem Jahr, wiederum auf der 3GSM, präsentierte uns LG - quasi unter dem Tisch - klammheimlich das Chocolate. Obwohl das Mobiltelefon technisch zu wünschen übrigließ, war das dunkle Touchscreen-Handy wenige Monate später der Renner, denn mit seiner sinnlichen Ansprache und seiner planen Oberfläche traf es wortwörtlich ins Schwarze.
Teurer Alleskönner von Prada
Nun haben die Asiaten Mut gefasst und wollen ihren Umsatz verdoppeln. Beispielsweise mit dem in Barcelona vorgestellten Prada-Handy. Wie bitte? Prada? Ist das nicht eine italienische Modemarke, die für ihre schlichte Schönheit Unsummen verlangt, aber nicht mal eine funktionierende Internetseite hat? Genau. Ebendieses Prada- Handy zählte zu den Highlights der Messe. Genau wie das jüngst angekündigte iPhone von Apple verzichtet das Fashion- Modell auf eine Tastatur. Statt dessen bietet der schwarze Flachmann ein großes Display, das mit den Fingern bedient wird.
Die sonstige Ausstattung kann sich ebenso sehen lassen: Videos werden im Querformat mit 30 Bildern pro Sekunde flüssig dargestellt, und für die Aufnahme eigener Fotos und Filme gibt es eine 2-Megapixel-Kamera mit Schneider-Kreuznach-Objektiv. Mit an Bord sind ferner Klingeltöne von einem französischen Komponisten, eine 256-MB-Speicherkarte, der Datenturbo EDGE, ein Radio sowie eine TV- und USB-Schnittstelle. Allerdings hat der Spaß seinen Preis: Stolze 600 Euro muss man in den Prada-Shops dafür berappen - bei O2 soll das Gerät mit Vertrag für zirka 200 Euro zu haben sein (ab Anfang April).
Superlative von Samsung
Auch mit dem Shine zog LG die Aufmerksamkeit zahlreicher Messebesucher auf sich. Das im schimmernden Metallgehäuse verpackte UMTS-Handy hat auf seiner Front einen großen Spiegel, der sich bei Aktivierung des Geräts automatisch in ein Display verwandelt. Das ausgefallene Gerät wird in zwei Varianten in den Handel wandern - zunächst als Slider (mit Schiebemechanismus und versteckter Tastatur) sowie im klassischen Handy- Format. Ein weiterer Garant für trickreiches Design ist Samsung. Die Koreaner zeigten auf der 3GSM erstmals die Handys ihrer neuen Ultra Edition wie das F300 und das F500, die gleich zwei Fronten mitbringen: Von der einen Seite sehen sie aus wie herkömmliche Handys, von der anderen wie Musik- oder Video-Player.
Das F500 kann man zudem in der Mitte drehen und waagerecht auf den Tisch stellen. Auf diese Weise lassen sich die Videos besonders komfortabel betrachten. Ein 400-MB-Speicher und ein Schacht für Micro-SD-Karten halten für Derartiges multimediales Futter ausreichend Platz bereit. Wie üblich machte Samsung auch durch Superlative von sich reden: Sein U100 ist nur 6 Millimeter dünn und das derzeit flachste Handy. Gut, dass seine Tasten vibrieren, wenn man sie drückt. Sonst würde man vermutlich gar nicht mehr merken, dass man ein Telefon in der Hand hält.
Text: F.A.Z., 20.02.2007, Nr. 43 / Seite T1
Bildmaterial: Hersteller
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