Nokia, HTC und Samsung

Drei Handys und zwei tote Betriebssysteme

Von Michael Spehr

04. Juli 2009 Mit dem iPhone ist alles anders geworden. Vor allen Dingen einfacher. Vor uns liegen drei Handys, die es mit ihm aufnehmen wollen. Jedes hat andere Talente, aber eins ist ihnen gemeinsam: Sie sind ganz neu und wirken doch wie aus einer alten Welt. Sie kosten unendlich viel Aufwand und Nerven bei der Einrichtung, und was am Ende dabei herauskommt, ist unbefriedigend. Ihnen fehlt die Leichtigkeit und Raffinesse, mit der das iPhone ans Werk geht, sie sind nicht intuitiv zu bedienen, bieten aber deutlich mehr als das Kleinod von Apple – nur ist die Frage, ob man dieses Mehr wirklich braucht, und welche Kompromisse man dafür eingeht.

Der Erfolg des iPhone hat die alteingesessenen Hersteller voll erwischt. Sie krempeln ihr Portfolio um und setzen auf berührungsempfindliche Anzeigen mit Gestensteuerung. Indes erreicht keine Kopie bislang die Qualität des Originals. Wer mit einem Smartphone liebäugelt und dabei an Internet und E-Mail für den Einsatz unterwegs denkt, sollte sich beim Händler seines Vertrauens zwei Dinge zeigen lassen: erstens den Aufruf einer beliebigen Internetseite und die Navigation darin. Zweitens das Blättern durch einen umfangreichen Posteingang und das Öffnen angehängter Dateien. Bei diesem Lackmus-Test gibt es nur einen Gewinner.

Nokias neues Flagschiff: das N97
Nokias neues Flagschiff: das N97

Preisklasse zwischen 500 und 600 Euro

Wir haben das Samsung Omnia 8910 HD, das Nokia N97 und den HTC Touch Pro 2 geprüft, jeweils Geräte in Handy-Übergröße mit einem riesigen Display, alle in der Preisklasse zwischen 500 und 600 Euro. Ihre Bildschirmauflösung übertrifft die des iPhone locker: 360 × 640 Pixel bei Samsung und Nokia und üppige 480 × 800 Pixel bei HTC. Das unzweifelhaft schönste und am besten verarbeitete Gerät ist das sehr hohe Samsung, das zudem ein brillantes und mit Glas geschütztes Display in Amoled-Technik mitbringt. Wie beim iPhone ist es kapazitiv, reagiert also allein auf Fingerdruck. Das Samsung sieht schick aus, das Design überzeugt – vom Äußeren und der Anmutung her ein Traumgerät.

Das N97 ist das neue Top-Modell in Nokias N-Reihe, den Spezialisten für Multimedia & Co. Wie bei den Vorgängern N95 und N96 ist die Verarbeitungsqualität eher bescheiden. Das verwendete Plastik wirkt nicht gerade hochwertig, und die hauchdünne Abdeckung auf der Rückseite muss mit viel Kraft geradezu abgerissen werden, um eine Sim-Karte oder den Akku einzusetzen. Das Display ist wie beim HTC resistiv, es akzeptiert also Stift oder Finger. Die zweite Gemeinsamkeit mit dem taiwanesischen Kollegen ist die Seitentastatur und die Option, das Gerät wie einen Mini-Notebook im Querformat einzusetzen. Allerdings müssen sich bei Nokia alle Buchstaben drei Reihen teilen, bei HTC sind es fünf inklusive einer eigenen für die Ziffern. Erwartungsgemäß kann man also mit dem das Touch Pro 2 deutlich schneller und besser tippen, aber es ist mit 175 Gramm schon ein ziemlicher Brocken. Seine Verarbeitungsqualität ist befriedigend, das Display lässt sich im hellen Sonnenschein kaum ablesen.

Eine überragende Ausstattung

Alle drei Kandidaten bringen eine überragende Ausstattung mit: UMTS inklusive HSDPA bis 7,2 MBit/s, nur das Nokia bleibt mit 3,6 MBit/s etwas zurück. GPS, Wireless-Lan und Bluetooth sind an Bord, alle drei beherrschen das Sim-Access-Profil für perfekte Telefonie mit hochwertigen Auto-Freisprecheinrichtungen. Eine Sprachsteuerung hat nur das N97, allerdings mit den Nokia-typischen Einschränkungen, nämlich ohne Ziffernwahl und nur zur Wahl der Handy-Nummer des Gesprächspartners. Das Nokia bietet den üppigsten Speicher: 32 Gigabyte. Das Samsung hat immerhin 8 Gigabyte, das HTC muss man mit Micro-SD-Karten selbst aufrüsten. Gemeinsam ist den Moppelchen ein kurzer Atem trotz dicker Akkus: Am längsten, rund zwei Tage, hält das Samsung durch, die beiden anderen schaffen gerade mal einen.

Bedienung und Betriebssystem sind bei allen drei Geräten die Schwachpunkte. HTC setzt auf das alte Windows Mobile 6.1, das demnächst mit einer Version 6.5 leicht überarbeitet wird. Um das betagte Windows etwas aufzuhübschen, gibt es bei den Taiwanesen wie immer die Touch-Oberfläche, die als Zusatzprogramm das eigentliche Betriebssystem gut versteckt, eine ordentliche Fingerbedienung erlaubt und wirklich nett gemacht ist. Aber die Präzision und Eingängigkeit des iPhone wird nicht erreicht. Und viele Dinge sind gar nicht zugänglich, etwa eine Liste des gesamten Posteingangs oder Detailinformationen zum Akkustand. Dass man zu einzelnen Kontakten mit Touch die zugehörige Kommunikation in E-Mail und SMS sieht, ist hingegen ein Pluspunkt.

Aber der intensive Nutzer wird Touch nach einiger Zeit abschalten und landet dann bei den Verrücktheiten von Microsoft. Etwa, dass man ungeachtet der immensen Displayauflösung mit dem Stift auf kleinste Schaltflächen klicken muss. Oder die unbefriedigende Darstellung des Kalenders. Der Internet-Explorer wie auch der mitgelieferte Opera-Browser sind beim Surfen im Netz umständlich zu bedienen und zeigen WWW-Seiten bei Weitem nicht so wie am PC. Abendliches Sofa-Surfen macht damit keinen Spaß, obwohl der Bildschirm, um das noch einmal zu wiederholen, mit seiner hohen Auflösung eigentlich viel mehr offerieren könnte als Apples Pretiose.

HTC hat klare Vorzüge für Geschäftskunden

Ungeachtet der Kritik hat das HTC klare Vorzüge für Geschäftskunden: Es bietet eine nahezu perfekte Anbindung an den Exchange-Server im Unternehmen, in vielen Details haben sich die Taiwanesen richtig Mühe gegeben. So wird etwa der Bildschirm automatisch entsperrt, wenn man den Stift herauszieht, es gibt einen leichten Ruckler des Vibrationsmotors, sobald ein Gespräch zustande gekommen ist, und neu bei diesem Modell sind zwei Mikrofone sowie eine verbesserte Freisprecheinrichtung für Konferenzgespräche. Geradezu genial: Dreht man das Gerät auf die Vorderseite, aktiviert sich automatisch der Freisprecher. Software für Office-Dokumente und PDF-Dateien gehört ebenfalls dazu.

Die Kamera mit 3 Megapixel verzichtet auf einen unterstützenden Blitz, die Bildqualität ist bescheiden. Hier trumpfen Nokia und Samsung auf. Bietet das N97 5 Megapixel mit Blitz, Makro- und Videomodus, kann das Samsung mit seinen 8 Megapixel als erstes Handy sogar HD-Videos in einer Auflösung von 1280 × 720 Pixel drehen. Die Qualität von Foto und Film überzeugt beide Mal, hier sind die Geräte richtig gut.

Alles andere als ausgereift

Aber das Betriebssystem Symbian Serie 60 in der „5th Edition“ ist leider alles andere als ausgereift und kein Fortschritt gegenüber dem Vorgänger. Kurz und knapp: Die alten Nokia-Probleme wie etwa die irreführend falschen Symbole in der Anrufliste oder das sinnlose Chat-Programm sind nicht behoben. Die beworbene Internettelefonie, die in der „3rd Edition“ mit dem Sip-Protokoll einwandfrei läuft, funktioniert jetzt nicht mehr. In den Details bringt einen vor allem das Nokia mit seiner widersinnigen und unlogischen Bedienung zur Raserei. Da reagiert der Bildschirm mal auf den feinen Hauch eines Fingerstreichs, dann muss man wieder fest zudrücken. Man löst ständig und unbeabsichtigt irgendwelche Aktionen aus, zumal bei wichtigen Kommandos (ein Bild zu Flickr hochladen) jedwede Rückfrage unterbleibt.

Da werden etwa auf dem Hauptbildschirm, der sich nun mit Mini-Programmen („Widgets“) bestücken lässt, maximal zwei neue Nachrichten der elektronischen Post angezeigt, auch wenn noch hinreichend Platz für vier oder sechs zur Verfügung steht. Das N97 ist zwar bis obenhin vollgepackt mit Funktionen und Programmen, aber manches sinnvolle Detail wie das Zeigen von geokodierten Fotos auf einer Landkarte fehlt. Werbe-Software ohne Ende ist installiert, und wenn man nicht aufpasst, landet man in den Abo-Fallen eines gerichtsbekannten Klingelton-Anbieters, der sich hier breitmachen darf. Die größte Idiotie ist, dass man mit einem Fingerstreich über den E-Mail-Text nicht etwa nach unten „scrollt“, sondern den Markiermodus startet. Um mehr von der Mail zu sehen, muss man mit dem Fingernagel einen hauchfeinen Rollbalken auf der rechten Seite verschieben. Dass ein reibungsloses Hin- und Herschalten zwischen Mobilfunk und Wireless-Lan bei Datenverbindungen noch immer nicht gelingt, sei nur am Rande erwähnt. Wer ein Handy und kein Spielzeug sucht, ist hier jedenfalls falsch beraten.

Das HTC als Business-Handy hat am besten gefallen

Samsung hat mit dem Symbian-Betriebssystem ebenfalls keinen guten Griff getan. Aber das Omnia 8910 HD ist tendenziell einfacher in der Bedienung, weil es mit seinem kapazitiven Display allein auf den Fingereinsatz zugeschnitten ist. Indes gibt es auch hier Verrücktheiten ohnegleichen. Etwa, dass sich die Menüs bei gedrehtem Bildschirm nicht mitdrehen, wohl aber eine virtuelle Bildschirmtastatur stets im Querformat erscheint. Für den Office-Einsatz ist das Samsung gar nicht geeignet. Nokias „Mail for Exchange“ läuft auf ihm nicht (und etliche andere Symbian-Software ebenfalls nicht), als Alternative ist Road Sync von Data Viz aufgespielt, das aber mit zwei von uns erprobten Exchange-Servern keinen Kontakt herstellen wollte. Nun gut, dachten wir, dann holen wir eben Adressen und Termine mit dem Sync-ML-Protokoll ins Gerät. Das scheitert aber daran, dass das zugehörige Profil fest auf ein Samsung-Studio verdrahtet ist – eine Zumutung. Beide Symbian-Modelle bringen Software für Office-Dateien und PDF nur als Demoversion mit, bei beiden ist die Darstellung von und Navigation in WWW-Seiten kilometerweit entfernt von dem, was das iPhone bietet. Als GPS-Software ist Route 66 eingebaut, allerdings muss man die Karten nachkaufen. Beim Nokia gibt es eine Lizenz für drei Monate Navigation mit „Maps“, die Software ist vollständig installiert.

Alles in allem hat uns das HTC als Business-Handy am besten gefallen. Mit der Tastatur lässt sich unterwegs manche E-Mail beantworten, es ist ein ordentliches Windows-Gerät, an dessen Schwächen man sich gewöhnen kann. Das Samsung besticht mit seinem erstklassigen Display, der hochwertigen Verarbeitung sowie tollen Videos und Fotos. Empfehlenswert ist es für jene, die keine Office-Funktionalität benötigen. Das Nokia N97 lässt uns irgendwie ratlos zurück, es ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Wir meinen: Nach dem iPhone muss man sich solche Geräte eigentlich nicht mehr antun. Es geht anders, Apple macht es vor.

Kein Überflieger, aber bei der Auflösung geht es hoch hinaus: das Samsung Omnia 8910 HD
Kein Überflieger, aber bei der Auflösung geht es hoch hinaus: das Samsung Omnia 8910 HD

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller

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