Von Thorsten Schönfeld und Michael Spehr
13. Juni 2008 Klappe, die erste: Nachdem wir das LG-Handy HB 620 T aus unzähligen Schichten von Verpackung befreit haben, interessiert zunächst nur eins - der eingebaute Fernsehempfänger. Denn das neue Klapphandy von LG empfängt das digitale Antennen-Fernsehen DVB-T, wie man es von zu Hause kennt. Das ist auch mit dem Handy kostenlos, soll problemlos mobil zu empfangen sein und könnte verhindern, dass man auch nur eine Minute der Fußball-Europameisterschaft verpasst. Die Ernüchterung: Der Bildschirm fällt mit einer Größe von 4,1 × 3,1 Zentimetern klein aus. Aber er liefert dank einer Auflösung von 240 × 320 Pixel und einem Chip zur Verbesserung der Bildqualität gestochen scharfe Bilder.
In deren Genuss zu kommen gestaltet sich allerdings schwierig, denn das Überallfernsehen, wie es in der Werbung gepriesen wird, funktioniert mit dem Handy alles andere als überall. In geschlossenen Räumen scheint die TV-Antenne, die auf der Rückseite des Handys herausgezogen wird, oft zu schwach zu sein. In einer Frankfurter Wohnung fanden wir nur drei Kanäle, Eurosport, Rhein-Main-TV und Tele 5. Fußball-Liveübertragung auf ARD oder ZDF: Fehlanzeige. Im Büro nebenan und draußen im Park waren es dann immerhin 17, außer den öffentlich-rechtlichen waren auch private Sender wie Pro Sieben, RTL und Vox dabei.
Weiche Formen und angenehme 103 Gramm
Im fahrenden Auto wiederum ist der Empfang im Ballungsraum Frankfurt - von gelegentlichen Aussetzern und Störungen einmal abgesehen - ordentlich. Zumindest bei langsamer Fahrt unter 130 km/h. Je schneller wir auf der Autobahn fahren, desto schlechter wird das Bild. Im Hochtaunuskreis bricht dann der Empfang im Auto mehrmals ganz ab. Wir müssen einen neuen Sendersuchlauf starten, dann klappt es wieder. Draußen im Grünen probieren wir es stationär im Biergarten: Vier private Programme entdeckt das LG nach wiederholter Sendersuche, aber nur eins lässt sich halbwegs störungsfrei sehen. Das VHF-Band von DVB-T empfängt das LG übrigens nicht, hier tummeln sich beispielsweise in Berlin einige öffentlich-rechtliche Sender.
Klappe, die zweite: Im Intercity auf der Fahrt nach Stuttgart bleibt der Bildschirm die ganze Strecke über schwarz. Wer in diesem Fall auf das Radio ausweichen will, bleibt auch außen vor, denn Hörfunk empfängt das Handy ebenfalls über DVB-T. So bleibt zumindest Zeit, das LG und dessen weitere Ausstattungsmerkmale genauer unter die Lupe zu nehmen. Zugeklappt macht das elegante Mattschwarze eine gute Figur. Weiche Formen, die von keinen sichtbaren Schnittstellen unterbrochen werden, und angenehme 103 Gramm Gewicht schmeicheln sowohl dem Auge wie auch der Hand des Benutzers. Aufgeklappt erfreut besonders das aufgeräumte Bedienfeld, dessen große Tasten es selbst Menschen mit größeren Fingern erlauben, zielsicher zu tippen.
Kleines Display, tolles Bild: Selbst Untertitel sind lesbar
Das Handy vermag auch mit inneren Werten zu überzeugen: Von UMTS über HSDPA, Bluetooth bis hin zu Edge - alles dabei. Kamera (2 Megapixel) und MP3-Player gehören bei heutigen Geräten mittlerweile zum guten Ton. Der interne Speicher von 60 Megabyte bietet ordentlich Platz, um Bilder oder Musikdateien zu horten. Wem die Kapazität nicht reicht, der kann zusätzlich eine Micro-SD-Karte mit bis zu vier Gigabyte einstecken, muss dazu allerdings den Akku entfernen. T-Mobile, die uns das Testgerät zur Verfügung stellte, hat dem LG sogar eine Ortungsfunktion ohne GPS spendiert. Sie funktioniert allein über die Mobilfunknetze und zeigt beispielsweise die Adressen von Apotheken in der Nähe. Zum Lieferumfang gehört außerdem eine Windows-Software, um Mobiltelefon und Microsoft Outlook zu synchronisieren.
Klappe, die dritte: In Stuttgart starten wir im Freien den nächsten Fernseh-Versuch. Nun stehen acht Kanäle zur Verfügung. ARD und ZDF finden sich in der Auswahlliste, beim Zweiten sieht man allerdings nichts. Wie eingangs gesagt, ist die Darstellungsqualität des kleinen Bildschirms eine Wucht. Sogar die Logos der Sender und eingeblendete Untertitel kann man ohne Probleme lesen. Selbst den Spielstand während eines Fußballspiels zu entziffern macht keine Mühe. Den Ball und die 22 Akteure - darauf kommt es ja an - hat man stets perfekt im Blick. Die Akkuleistung reicht bei diesem Anlauf für zwei Stunden und 28 Minuten, so dass einem auch Vor- und Nachberichterstattung nicht entgehen. Zu jedem Kanal gibt es eine Programmübersicht für den jeweiligen Tag.
In 16 Ländern zwischen Erprobung und Markteinführung
Telefonieren während des Fernsehvergnügens geht übrigens auch, die Kommunikation erfolgt dann über den Lautsprecher. Auf die Videotelefonie im UMTS-Netz, die das LG ebenfalls beherrscht, muss man bei laufendem TV-Empfang allerdings verzichten. Im Fernseh-Menü lässt sich außerdem konfigurieren, ob eingehende Nachrichten angezeigt werden sollen. Falls das erwünscht ist, erscheinen neue SMS- oder MMS-Mitteilungen transparent auf dem Schirm. Im Hintergrund läuft das Fernsehprogramm weiter. Ohne Vertrag kostet das LG HB 620 T rund 320 Euro, womit sich auch Käufer für das Handy finden dürften, die sich nicht nur für DVB-T interessieren. Festzuhalten bleibt vor allem eins: Was mit stationären DVB-T-Receivern plus größerer Antenne in weiten Teilen Deutschlands klappt, funktioniert mit dem Mobilgerät nicht immer und mit allen Programmen. Für den gelegentlichen Fernsehkonsum ist das LG also gut gerüstet, aber man kann sich auf die Technik nicht verlassen. Die Bildqualität wiederum ist top, da gibt es nichts zu meckern.
Klappe, die vierte: Eigentlich darf es so ein Gerät wie das LG gar nicht geben. Denn mit dem Thema Handy-TV soll man den europäischen Standard DVB-H verbinden, der eigens für kleine oder mobile Geräte entwickelt wurde. Derzeit befindet sich die Technik in 16 Ländern zwischen Erprobung und Markteinführung. In diesen Tagen startete der Versuchsbetrieb in Hamburg, München, Hannover und Frankfurt. Allerdings ohne Geräte, ohne Zuschauer und ohne EM-Übertragung. Man kann ARD und ZDF empfangen, aber die privaten Programme werden verschlüsselt. DVB-H soll einen stabileren Empfang bieten und weniger Strom benötigen.
Auf dem Land macht das LG schnell schlapp
Das DVB-H-Programm wird vom Konsortium Mobile 3 betrieben, dem unter anderem die Medienunternehmen Hubert Burda und Georg von Holtzbrinck angehören. 14 Fernseh- und drei Hörfunkprogramme sind angekündigt. Das alles hört sich gut an, aber DVB-H soll im Monat fünf bis zehn Euro zusätzlich kosten. Noch hat Mobile 3 keine Vertriebspartner, und die großen Platzhirsche räumen dem Konsortium geringe Überlebenschancen ein. Das Geschäftsmodell sei schwierig, sagt der deutsche Vodafone-Chef Friedrich Joussen und gibt - wie T-Mobile - mit den jetzt sehr aktiv beworbenen DVB-T-Handys einen Warnschuss ab.
Das Konsortium wiederum betont, dass es im Handy-Fernsehen mit DVB-T keine ernsthafte Konkurrenz sieht, biete doch DVB-H die bessere Technik, ganz neue Inhalte sowie die Möglichkeit, mit einem Rückkanal den Kontakt zwischen Sendeanstalten und Zuschauern herzustellen. Das mag alles gut und richtig sein, aber wir erinnern uns an die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, als Debitel für zehn Euro im Monat das erste Handy-Fernsehprogramm in Deutschland startete. Trotz WM-Fieber fanden sich nur einige tausend Kunden für dieses Abo-Modell, mittlerweile wurde das Programm eingestellt. Was aus dem Handy-Fernsehen in Deutschland wird, bleibt also spannend.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller