Telekommunikation

Der GSM-Weltkongreß läuft der Cebit den Rang ab

Von Fritz Jörn und Marion Kamp

Sony Ericssons K600i ist dank UMTS und Musikwiedergabe zukunftssicher

Sony Ericssons K600i ist dank UMTS und Musikwiedergabe zukunftssicher

02. März 2005 Es war einmal ein kleiner Kongreß mit einer überschaubaren Besucherzahl: die GSM-World in Cannes. Während man früher die Handys hier wie Gräten in der französischen Fischsuppe suchte, wurden in diesem Jahr mehr als 50 neue Modelle allein für den europäischen Markt präsentiert. So ist die GSM-World mit rund 40000 Fachbesuchern zu einer Messe herangewachsen, die als Präsentationsplattform für Telekommunikation der Cebit den Rang abläuft. Marktführer Nokia beispielsweise stellte drei neue Mobiltelefone vor und will dafür auf der Cebit auf eine Pressekonferenz verzichten. Das ist typisch: Die Experten versammeln sich auf dem GSM-Kongreß, die Cebit wird zur Schaumesse für das breite Publikum.

Die zweite Überraschung der Finnen: ihre Kooperation mit Erzfeind Microsoft. So sind die neuen Nokia-Handys mit dem Windows Media-Player ausgestattet, der digitale Musik abspielt. Doch nicht nur hier lag Musik in der Luft. Denn lange vor der GSM-World hatte Motorola seine Kooperation mit Apple angekündigt: Die Amerikaner wollen mit ihren Mobiltelefonen an den Erfolg von Apples iPod anknüpfen. Dem hechelt nun die ganze Branche hinterher. So will auch Sony Ericsson aus dem Handy einen "ernstzunehmenden" Musikspieler machen, - was immer Unternehmenschef Miles Flint damit meinte. Im selben Atemzug kündigte er für die kommenden Monate die ersten Walkman-Handys an. Parallel dazu schreitet die Entwicklung des Mobiltelefons als "ernstzunehmende" Digitalkamera voran. Panasonic präsentierte sieben neue Handys mit Megapixel-Auflösung, davon drei mit Zwei-Megapixel-Kameras wie das äußerst schlanke und schicke VS7. Das UMTS-Smartphone A1010 von Motorola kann ebenfalls mit dieser Auflösung dienen, wird aber noch übertrumpft vom hauseigenen E1120 mit UMTS und drei Megapixel. Ist das alles? Nein, denn mit dem SCH-S250 zeigte Samsung, daß künftig sogar fünf Megapixel möglich sind.

Wer etwas auf sich hält, hat mindestens ein UMTS-Handy im Programm - selbst Hersteller Siemens, der seiner defizitären Mobilfunksparte adieu sagen will, präsentierte mit dem SXG 75 ein neues Mobiltelefon der dritten Generation (3G). Besonders angesagt sind 3G-Handys mit Klappe wie das neun Zentimeter kurze SGH-Z500 von Samsung, das 8180 und 8210 von LG oder das Z800 von Sony Ericsson. Ebenso en vogue sind Smartphones, die Handy und Organizer in sich vereinen und dank UMTS nun turboschnell kommunizieren. Neben Modellen im klassischen Handy-Format wie dem Nokia 6680 trumpfen hier vor allem Geräte mit vollwertiger Tastatur auf - sei es das bereits erwähnte Motorola A1010 oder der von T-Mobile präsentierte MDA IV, der Wireless-Lan mitbringt und wie ein Mini-Notebook aussieht.

Für HSDPA (High Speed Downlink Packet Access), den Geschwindigkeitsturbo von UMTS, gab es erste Produkte zu sehen. So wollen Motorola, Siemens und Sierra HSDPA-Karten anbieten, die das Notebook auf Trab bringen - wenn die Netzbetreiber mitspielen. Dank der neuen Technik lassen sich zwei bis drei Megabit in der Sekunde laden, ähnlich wie bei DSL-Verbindungen im Festnetz. Gleiches gilt für "Flash OFDM" - von Flarion beeindruckend vorgeführt. Dieses neue Mobilfunk-Datenübertragungsverfahren konkurriert mit UMTS. Entwickelt von einer früher bei den Bell-Laboratorien arbeitenden Gruppe von Ingenieuren, vermeidet es die IP-störenden Latenzzeiten von UMTS oder HSDPA. Übliche Internet-Datenübertragung läuft damit trotz Funkstrecke wesentlich besser. Es soll seine Stärke in neu freigegebenen Frequenzbändern zeigen - in Deutschland möglicherweise schon bald auf den früheren C-Netz-Bändern. Mit frischen hohen Frequenzen arbeitet auch WiMAX, eine Art weitreichendes Wireless-Lan. Welche Technik sich durchsetzt, wird die Nachfrage zeigen. Ein großes Thema in Cannes war IMS - ein auf dem Internet-Protokoll basierendes Multimedia-Subsystem. Dabei handelt es sich um eine standardisierte Plattform, die es Netzanbietern erlaubt, in kurzer Zeit individuell neue Dienste wie Push-to-talk, Push-to-view oder Videokonferenzen anzubieten sowie diese miteinander zu kombinieren, und zwar in Mobilfunk- wie in Festnetzen. Bislang war das ein recht zeitaufwendiger Prozeß. Zudem befolgt IMS das Sitzungsinitiierungsprotokoll SIP aus der Welt der Internettelefonie.

Courage bewies manches mittelständische Unternehmen wie Coremedia aus Hamburg. 1996 gegründet und als "bester Innovator Deutschlands" ausgezeichnet, hat sich Coremedia zum Wahrer digitaler Rechte entwickelt und steckt seit Jahresbeginn in jedem Vodafone-live-fähigen Handy. Die Tendenz zu DRM, dem digitalen Rechtemanagement, steigt leider unaufhaltsam. Die Rechte des Kunden an der von ihm erworbenen Musik einschränken: Das wollen nun immer mehr Netzbetreiber. Jeden MP3-Ton soll man noch einmal kaufen, auch wenn man die CD schon besitzt. Vodafone ist hier wieder einmal Vorreiter. Gegenüber dem Vorjahr konnte die Messe ein deutliches Plus an Besuchern melden: 25 Prozent Zuwachs. Weil in Cannes alles aus den Nähten platzt, findet die GSM-World 2006 in Barcelona statt.

Text: F.A.Z., 01.03.2005, Nr. 50 / Seite T2
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