Handy im Netz

In die Datenfalle getappt

Von Michael Spehr

Das Nokia E51: Mehr als ein Apparat zum Telefonieren

Das Nokia E51: Mehr als ein Apparat zum Telefonieren

02. Juni 2008 Der Handy-Akku ist defekt. Er hält nur noch zehn bis zwölf Stunden, früher waren es drei bis vier Tage. Ein bisschen ärgern wir uns, weil er erst wenige Monate alt ist und ein neuer ein Fünftel des Gerätepreises kostet. Aber es sollte schon ein Original von Nokia sein, für stolze 50 Euro. Der frische Kraftspender wird die ganze Nacht im E51 geladen, und am Nachmittag kommt die nächste Überraschung: Er ist so gut wie leer. Die Sache kommt uns komisch vor. Ist vielleicht das Handy kaputt? Wir organisieren ein zweites E51, setzen es auf die Werkseinstellungen zurück, und in ihm arbeiten beide Akkus klaglos.

Nun ist ein modernes Top-Handy mehr als ein Apparat zum Telefonieren, sondern eher ein Mini-Computer. Auf dem Gerät laufen Dutzende von Zusatzprogrammen, von der Navigation bis zur Internettelefonie und natürlich auch ein Mail-System, das alle Nachrichten aus dem Büro empfängt. Um einen Hardware-Fehler des ersten Geräts auszuschließen, kopieren wir sämtliche Software auf das zweite, was mit einem SpeicherkartenBackup reibungslos funktioniert. Dort wird alles zurückgespielt, und abermals läuft die Testprozedur mit dem Ergebnis, dass nicht die Hardware, sondern die Software das Akkuproblem verursacht.

Das neue Programm zieht mehr als 8 Megabyte

Also sind weitere Experimente angesagt: Alles, was nicht offiziell von Nokia kommt, wird über Bord geworfen und deinstalliert. Aber kein Erfolg bei der Spurensuche. Übrig bleiben Nokias Sports Tracker für die GPS-Aufzeichnung von Joggingtouren und langen Spaziergängen sowie Mail for Exchange. Letzteres stellt die Verbindung zum Exchange-Server im Büro her und versorgt uns mit der E-Mail im Push-Verfahren: Für Geschäftskunden eines der wichtigsten Programme, wir haben es seit einem Jahr im Einsatz.

Und nun kommt nach mehrtägiger Recherche die Wahrheit langsam ans Licht: Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als der Akku defekt zu sein schien, hatten wir die alte Version 2.00 durch die neue 2.03 ersetzt. Ein Blick in den Online-Verbindungsnachweis zeigt Erschreckendes: Unser Datenverbrauch ist von bisher weniger als 500 Kilobyte am Tag auf fast 30 Megabyte angestiegen. Wie kann das sein? Wir installieren das alte Mail for Exchange auf dem ersten und das neue auf dem zweiten Handy. Und beobachten regelmäßig den Datenzähler: Während das alte Programm alle halbe Stunde ein paar Kilobyte konsumiert, zieht das neue in drei Stunden mehr als 8 Megabyte. Das ist die Ursache für die schnelle Akku-Leerung. Obwohl nur ein paar kurze Text-E-Mails ohne Anhänge transportiert werden, erzeugt die Nokia-Software ein unfassbar großes Datenvolumen.

Die Lösung ist ein Update

Nun könnte man es sich einfach machen und dem finnischen Hersteller die Schuld in die Schuhe schieben, denn erst mit dem Update tritt das Problem auf, und es ist reproduzierbar. Wir testen indes das Nokia-Programm mit zwei weiteren Exchange-Servern und stellen keine Auffälligkeiten fest. An unserem F.A.Z.-Server liegt es ebenfalls nicht, wie ein neu eingerichtetes Konto zeigt. Irgendetwas läuft nur mit diesem einen Outlook-Postfach schief, und danach fahnden nun die Experten der IT-Abteilung: Das Postfach zieht auf einen neuen Server um, aber keine Besserung. Es werden die Filter-Regeln und der Spamschutz ausgeschaltet sowie sämtliche Unterordner in eine Archivdatei verschoben. Gleiches dann mit 1300 Nachrichten im Posteingang. Alle Versuche scheitern.

Der Vorgang zieht sich zwei Monate hin, aber es gibt offenbar keine Lösung, bis die Nokia-Pressestelle den Kontakt zu einem Exchange-Experten in Finnland herstellt. Der kennt das Problem. Es tritt selten auf und ist von Microsofts E-Mail-Server verursacht. Wie Microsoft auf seiner Support-Seite im Internet schreibt: Der Server meldet fortwährend und irrtümlich, dass es etwas zu synchronisieren gibt. Damit wird das mobile Gerät auf Trab gehalten. Die Lösung ist ein Update, das von unserer IT-Abteilung aufgespielt wird. Und damit ist der Fehler endlich beseitigt.

Eine effektive Kostenkontrolle fehlt

In jedem Fall ist die Episode ärgerlich, zumal die Netzbetreiber Wucherpreise für die Datennutzung erheben. Ein Megabyte kostet beispielsweise bei Vodafone im Business-Data-Tarif bis zu 20 Euro, wir haben unlängst berichtet (F.A.Z. vom 13. Mai). Wir brauchten rund eine Woche, um die Datenfalle zu entdecken. In dieser Zeit sind rund 200 Megabyte angefallen, die schlimmstenfalls mehr als 4000 Euro kosten. Vor einigen Wochen bekam ein britischer Vodafone-Kunde eine Rechnung über 14.300 Euro, weil seine Ehefrau versehentlich eine komplette Fernsehsendung auf das Handy geladen hatte.

Drei Punkte sind festzuhalten. Wenn das Handy ein Mini-Computer mit umfangreicher Zusatzsoftware wird, dann sind über kurz oder lang die gleichen Probleme aufgeworfen wie bei einem PC mit Windows. Das System wird intransparent, man weiß nicht mehr, welche Komponente was macht, und die Fehlersuche ist ebenso aufwendig wie am Rechner. Zweitens kann im Unterschied zu einem PC ein einziges Programm horrende Gebühren verursachen, wie dieses Beispiel zeigt. Während die Handy-Hersteller jeden nur denkbaren Schnickschnack in ihre Geräte einbauen, fehlt jedoch eine effektive Kostenkontrolle.

Warum warnt das Telefon nicht, wenn ein bestimmtes Limit überschritten wird? Im Gegenteil: Mit ungünstig plazierten Schnellzugriffstasten für den Wap-Browser wird sogar dafür gesorgt, dass man möglichst oft nach einem versehentlichen Tastendruck ungewollt Kosten produziert. Es bleibt also nur, fortwährend den Datenzähler selbst im Auge zu behalten, sofern er überhaupt vorhanden ist. Schließlich kann drittens die Kopplung von zwei komplexen Systemen vollkommen aus dem Ruder laufen, und zwar mit Konsequenzen und Auswirkungen, die selbst Experten ratlos lassen. So viel zum Thema „kontrollierbare Technik“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Spehr

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