Google navigiert

Kostenlos kann teuer werden

Von Michael Spehr

Wer Google Maps kennt, wird sich auch hier bestens auskennen

Wer Google Maps kennt, wird sich auch hier bestens auskennen

11. November 2009 Das Thema hat uns seit Jahren beschäftigt: Die Fahrzeugnavigation mit dem Handy, sie ist neben dem Internetzugang der wichtigste Pluspunkt moderner Smartphones. Alle großen Hersteller haben in diesem Bereich viel investiert, kluge Köpfe angeworben und etliche Millionen Euro in die Hand genommen. In diesem Herbst begeisterte ein nahezu perfektes Navi-System für das iPhone: Man nehme dazu den „Mobile Navigator“ des deutschen Herstellers Navigon. Die Software kostet 70 Euro mit Kartenmaterial für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das Programm ist kinderleicht zu bedienen und bietet fast sämtlichen Komfort der großen und teureren Nachrüstsysteme. Die Bildschirmdarstellung auf dem Apple-Kleinod ist klar, präzise, und im Wirrwarr der fremden Großstadt findet man sich gut zurecht.

Es fehlen im Vergleich mit den besseren Nachrüst-Kopiloten nur die Sprachwahl und Verkehrsinformationen. Letztere kann man aber seit kurzer Zeit ebenfalls dazu kaufen. Traffic Live kostet derzeit einmalig 20 Euro, vom Dezember an fünf Euro mehr. Mit diesem Modul kommen Informationen über Staus, Verkehrsdichte und Baustellen via Mobilfunk ins Handy. Und schließlich verwenden wir eine Fahrzeughalterung der Konkurrenz, nämlich das „Car Kit“ des niederländischen Navi-Herstellers Tom Tom. Es beseitigt einen kleinen Mangel des iPhone, nämlich die geringe Empfindlichkeit seines eingebauten GPS-Empfängers. Ohne zusätzliche Unterstützung kommt es immer wieder zu kurzen Aussetzern bei der Routenführung, deshalb bringt das Car Kit ein eigenes GPS-Modul mit. Kostenpunkt: 100 Euro. Das hört sich zunächst teuer an, aber die Halterung hat weitere Pluspunkte: Sie übernimmt die Stromversorgung des Handys, bietet eine für den Gelegenheitseinsatz allemal ausreichende Freisprechanlage und überträgt mit einem Kabel die Musik vom Handy zur HiFi-Anlage des Autos.

Ein Meilenstein der Handy-Navigation

Google zeigt bei seiner Handy-Navigation die Umgebung mit realen Bildern

Google zeigt bei seiner Handy-Navigation die Umgebung mit realen Bildern

Alles in allem sind mindestens 190 Euro fällig. Zugegeben: Für diesen Preis bekommt man bereits kleine Nachrüstsysteme, aber der Charme der iPhone-Lösung besteht darin, dass man den Kopiloten stets dabei hat. Das ist ein Meilenstein der Handy-Navigation. So steht die Navigon-Software seit Wochen ganz weit oben in den Charts von Apples Handy-Laden „App Store“. Nokia bietet für seine Telefone ebenfalls ein Navi-Paket an. „Ovi Karten 3.0“ lässt sich kostenlos laden, unentgeltlich ist ferner Kartenmaterial aus allen Ländern der Welt, nur für die eigentliche Routenführung verlangen die Finnen einen jährlichen Obolus von 60 Euro sowie weitere 18 Euro für Verkehrsdaten.

Ein florierender Markt, zufriedene Kunden, tolle Programme und erkleckliche Einnahmen. In Europa werden in diesem Jahr rund 20 Millionen Navigationsgeräte verkauft, die Umsätze liegen im Bereich einiger Milliarden Euro. Die Investitionen der Unternehmen haben sich gelohnt, jetzt können sie ihre Ernte einfahren.

Doch nun wird alles anders. Das Stichwort heißt „Free“, und damit zieht für die europäischen Navi-Hersteller ein Gewitter heran. Es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen. Google bietet in den Vereinigten Staaten für das „Droid“-Handy von Motorola, das in Deutschland „Milestone“ heißen wird, eine unentgeltliche Straßennavigation an: die „Google Maps Navigation“. Sie berechnet die Route und gibt akustische Richtungsansagen. Eine dreidimensionale Darstellung der Umgebung ist ebenso vorhanden wie die Einbindung realer Straßenfotos aus dem „Street View“-Projekt von Google. Als Ziel kann man nicht nur Adressen, sondern auch Sonderziele wie Kaufhäuser oder Museen angeben. Auf der Strecke zeigt das Programm Staus und zähen Verkehr in Echtzeit, es gibt Fahrspurassistenten, und es hat eine Spracherkennung, die weit über das bislang Übliche hinausgeht, weil sie „online“ auf Google-Daten aus dem Internet zurückgreift. Sie versteht zum Beispiel, wie ein Google-Video demonstriert, das Kommando „Navigiere zu dem Museum mit der Tutenchamun-Ausstellung in San Francisco“ und nimmt automatisch die Adresse „15-75 Tea Garden“ als Ziel.

Der Kunde zahlt allein für die erforderliche Internetverbindung

Das gesamte Paket ist kostenlos und vorerst werbefrei, selbst für die Kartenaktualisierung verlangt Google nichts. Der Kunde zahlt allein für die erforderliche Internetverbindung. Google Maps Navigation lässt sich derzeit nur in Amerika und nur mit Android in der brandneuen Version 2.0 einsetzen. Android ist wie Web OS von Palm ein mit dem iPhone vergleichbares Betriebssystem, es ist eine offene Plattform, und Google ist an der Android-Entwicklung maßgeblich beteiligt.

Schon die Ankündigung der kostenlosen Google-Routenführung hat die gesamte Branche in Unruhe versetzt, an den Börsen gaben die Aktien von Garmin und Tom Tom deutlich nach. Wenn Google Maps Navigation nach Europa kommt und nur halb so gut ist wie versprochen, erodiert der Markt für die alten Platzhirsche.

Navigation aus der Vogelperspektive

Navigation aus der Vogelperspektive

Warum macht Google das? Natürlich um das Android-Betriebssystem nach vorn zu bringen. Aber das ist nicht alles. Aus dem bisherigen Google-Portfolio ergibt sich der Schritt zur Straßennavigation nahezu zwangsläufig: Auf jedem besseren Handy läuft bereits Google Maps (in Europa mit den Karten von Tele Atlas), das die Umgebung zeigt, eine Suche nach Sonderzielen erlaubt und sogar Routenvorschläge macht. Es fehlen eigentlich nur die Sprachkommandos. Google Maps auf dem Handy ist wiederum nur ein Teil dessen, was schon lange im Internet geboten wird: die Kartendarstellung, auch mit Satelliten- und Geländeansicht, die Freitextsuche (“Restaurant Thai Frankfurt“) und die Karten-Overlays, die es erlauben, mit einer Programmierschnittstelle quasi Schablonen für eigene Anwendungen über das Ausgangsmaterial zu legen. Google Maps ist allgegenwärtig - und ebenfalls kostenlos. Wer zehn Jahre zurückblickt, mag sich daran erinnern, dass man früher für die Routenplanung am Computer eigene Software mitsamt Karten auf CD oder DVD kaufte. Dieser Markt ist bereits zusammengebrochen.

Hierzulande rollen die Google-Kamerawagen immer noch

Google hat die Vermessung der Welt wie kein anderes Unternehmen vorangetrieben, es hat Satelliten mitfinanziert (Geo Eye 1) und die Menschen mit detailreichen Aufnahmen in Google Earth begeistert. Auf der Erde wird das Straßenbild mit speziellen Kamera-Fahrzeugen fotografiert. In den Vereinigten Staaten sind bereits nahezu alle Städte mit Google Street View in Panorama-Aufnahmen erfasst und lassen sich virtuell am PC abfahren. Hierzulande rollen die Google-Kamerawagen seit dem Sommer vergangenen Jahres durch die Städte, noch sind allerdings die Bilder nicht öffentlich. Und wer sehen will, wo sich seine Freunde gerade aufhalten, startet Google Latitude, das ebenfalls auf dem Handy läuft.

Motorolas “Milestone“ gibt es jetzt auch in Deutschland

Motorolas "Milestone" gibt es jetzt auch in Deutschland

Dass Google Maps Navigation kommen würde, hat also niemanden überrascht. Dass es vollkommen kostenlos ist, erstaunt ebenfalls nicht. Google ist mehr als eine Suchmaschine, es ist ein Nachrichtendienst, ein E-Mail-Provider, ein Multimedia- und Text-Archiv, ein Werbevermarkter, ein Software-Anbieter mit „Text und Tabellen“ und in Amerika eine Telefongesellschaft (Google Voice). Eins greift ins andere, alles ist untereinander vernetzt, und im nächsten Jahr kommt das Google-Betriebssystem, auf dass man endgültig Abschied nehme von Microsoft und allen anderen. Die geographischen Informationsdienste sind nur ein Teil des Google-Imperiums, aber stets verfährt das Unternehmen nach demselben Prinzip: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Digitalisierung der Welt. Aber Google nimmt nur solche Projekte in Angriff, die teure Ressourcen (wie Personal) nicht dauerhaft binden, sondern in einem einmaligen Kraftakt und mit viel Rechenleistung und Rechnerspeicher zu bewältigen sind.

Sie sind „free“, damit sie möglichst viele Menschen erreichen

Basieren herkömmliche Geschäftsmodelle auf der Lieferung von Produkten oder Inhalten gegen Geld, also auf der Verknappung des Angebots, auf der Steuerung seiner Verbreitung und dem Verbot ungenehmigter Verbreitung, geht Google davon aus, dass eine möglichst ungehinderte und weite Verbreitung seiner kostenlos bereitgestellten Dienste letztlich wirtschaftlich erfolgreicher ist. Sie sind „free“, damit sie möglichst viele Menschen erreichen: wie Lockvogelangebote ohne zeitliche Begrenzung, und die Attraktivität der Google-Produkte ist hoch. Bei allem Unbehagen an Google sei doch erwähnt, dass es bei den Amerikanern keine Hintertürchen in den Geschäftsbedingungen gibt, keine Abo-Fallen und keine Abmahn-Anwälte. Wer Googlemail oder andere Produkte nutzt, ist meist rundum zufrieden und empfiehlt sie weiter. Die Werbung, die das Ganze finanziert, ist weitaus weniger aufdringlich als bei den Mitbewerbern, und damit ist der zweite Punkt der Google-Ökonomie angedeutet: Bei vielen Produkten könnte das Unternehmen „Kasse machen“ und beispielsweise monatliche Nutzungsgebühren verlangen, zumal dort, wo Google seine Mitbewerber bereits verdrängt hat, etwa beim Google Reader.

Das tut Google aber nicht, und so wird nicht nur die Konkurrenz kurzgehalten, sondern auch eine nahezu unüberwindbare Eintrittsbarriere gegenüber neuen Herausforderern errichtet. Das wenige, was Google mit dem Kostenlos-Prinzip verdient, reicht ihnen aus. „Free“ bedeutet in den Worten von Chris Anderson, dass milliardenschwere Branchen in millionenschwere umgewandelt werden. Und das ist noch sehr positiv ausgedrückt. Aus analogen Dollar werden digitale Pennies, meint der Wired-Chefredakteur. Und von diesen Pennies werden Navigon, Garmin und Tom Tom, Navteq und Tele Altas, Nokia, Blaupunkt, Falk, Route 66, Via Michelin und die anderen traditionsreichen Hersteller definitiv nicht leben können.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Hersteller

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