Von Michael Spehr
05. Mai 2007 Das Handy von heute ist ein Alleskönner und Multimedia-PC. Viele der Funktionen und Möglichkeiten sind überflüssiger Schnickschnack, aber manches Detail setzt sich durch. An erster Stelle die E-Mail auf dem Mobiltelefon. Die elektronische Post ist für Büromenschen das Kommunikationsmittel schlechthin, schon fast eine Plage, aber es geht nicht mehr ohne sie. E-Mail auf dem Handy hat eine ganze Gerätegattung populär werden lassen - die Blackberry-Taschencomputer -, und mittlerweile kann man sich mit jedem besseren Telefon abends in der Straßenbahn flink über persönliche Neuigkeiten im eigenen Postkörbchen informieren. Für uns Anlass, einen Blick auf unterschiedliche Techniken und Verfahren zu werfen.
Zunächst sollte man sich darüber klar sein, was man überhaupt auf seinem Handy lesen möchte. Sämtliche Eingangspost aus dem geschäftlichen Anschluss im Büro? Oder nur die privaten Nachrichten von Freunden und Bekannten, die auf dem Web.de-Konto einlaufen? Der E-Mail auf dem Mobilgerät sind Grenzen gesetzt: Das betrifft nicht nur die beschränkten Möglichkeiten von Display und Gerätespeicher, sondern auch das Arbeitstempo bei der Bewältigung umfangreicher Postfächer und schließlich die Kosten für den Datentransport in den Mobilfunknetzen. Wer jeden Tag 200 berufliche Mails empfängt, wird mit der Standardausstattung eines Mittelklasse-Telefons nicht glücklich.
Ausgereift, zuverlässig und schnell
Beginnen wir zunächst beim Manager, der unterwegs auf Reisen stets auf dem Laufenden bleiben will. Hier ist ohne Wenn und Aber ein Blackberry-System angesagt, das sich direkt in den Post-Server des Unternehmens einklinkt und sämtliche Eingangspost kontinuierlich und in kleinen Datenpaketen überträgt. Angehängte Office-Dateien wie Word-Dokumente oder Excel-Tabellen werden umgewandelt, damit sie ohne Formatierung lesbar sind.
Das alles funktioniert sogar hinreichend schnell, wenn UMTS nicht zur Verfügung steht. Was man unterwegs ändert, wird unmittelbar mit Outlook im Büro synchronisiert. Das Blackberry-System ist ausgereift, zuverlässig und schnell. Dank der Mini-Tastatur lassen sich E-Mails halbwegs kommod beantworten. Für diesen Komfort zahlt man bei den vier Netzbetreibern bis zu 18 Euro im Monat an zusätzlicher Grundgebühr, und es gibt etliche Nachahmer für diese sogenannte Push-Technik.
Kostenlose SMS bei Eingang neuer Post
Zum Glück muss nicht jeder Angestellte jederzeit sämtliche Post lesen. Wer sich nicht als Sklave der E-Mail sieht und ein handelsübliches Handy bevorzugt, profitiert trotzdem von mobiler E-Mail. Das Stichwort lautet: Filterung und Weiterleitung der Post an ein privates Konto, also das Aussortieren von Unwichtigem. Man wird heutzutage von unnützen, wertlosen, ärgerlichen Nachrichten geradezu erschlagen - gerade weil die E-Mail so simpel ist. Berge von Belanglosigkeiten möchte man nicht auf dem mobilen Gerät mit seinen knappen Ressourcen sehen. Dazu richte man ein Konto bei einem der bekannten Freemail-Anbieter ein und achte darauf, dass dieses möglichst spamfrei ist.
GMX ist ein schlechtes Beispiel: Hier bekommt man unerträglich viel unerwünschte Reklame (die Spam-Filter arbeiten schlecht), und es gibt jede Menge Eigenwerbung des Unternehmens. Wir empfehlen deshalb AOL oder Gmail. Auch bieten die vier Netzbetreiber eigene E-Mail-Dienste an. Bei E-Plus gibt es sogar eine kostenlose SMS bei Eingang neuer Post. Das Outlook im Büro wird mit den Filterregeln so programmiert, dass beispielsweise nur Nachrichten weitergeleitet werden, die an einen persönlich gerichtet sind oder deren Absender im eigenen Adressbuch eingetragen ist.
Wap ist nur eine Notlösung
Um nun im nächsten Schritt mit dem Handy auf ein herkömmliches E-Mail-Konto zuzugreifen, gibt es verschiedene Verfahren. Zum einen via Wap, den Wireless Application Protocol, das auf den meisten Geräten vorkonfiguriert ist. Der Aufwand hält sich in Grenzen, allerdings auch der Nutzwert: Je nach Gerät und Netzbetreiber wird viel Überflüssiges zusätzlich übertragen, meist Werbung des Mobilfunkanbieters, und bis man endlich die Post lesen kann, vergehen etliche Minuten. Wap ist also nur eine Notlösung.
Effektiver arbeitet man mit dem eingebauten E-Mail-Client: Diese Software ist eine Art Mini-Outlook. Hier werden einmalig die Kontendaten gespeichert. Anschließend lässt sich die E-Mail auf Knopfdruck manuell oder (bei vielen Geräten) automatisch in Intervallen abholen. Hier sind an zwei Punkten die Parameter einzustellen: für den Zugang zum Internet (meist Internetkonto oder Zugangspunkt genannt) und zum E-Mail-Konto. Das Internetkonto richtet sich nach dem Netzbetreiber. Bei den meisten aktuellen Geräten ist es bereits eingerichtet. Wichtig ist dabei, den Zugangspunkt für eine allgemeine Datenverbindung auszuwählen. Also nicht den Wap-Zugang, auch nicht den MMS-Zugang.
Mit Wireless-Lan billiger
Für den Zugriff auf die private Mailbox benötigt man ein zweites Parameter-Set. Bei einigen Handys führt ein Assistent durch die Einrichtung und fragt der Reihe nach die erforderlichen Angaben ab. Sie finden sich auf der WWW-Seite des Mail-Anbieters. Die wichtigsten sind: der Benutzername und das Kennwort, der Name des Servers für Eingangs- und Ausgangspost, der Mailbox-Typ (Pop oder Imap) und die verwendete Port-Nummer, jeweils getrennt für Eingang und Ausgang. Mit diesen Angaben lässt sich das Konto definieren und die E-Mail auf dem Handy abrufen. Wenn man so weit gekommen ist, sollte man sich ans Feintuning machen. Fast alle Geräte bieten die Möglichkeit eines automatischen Abrufs in Intervallen. So ist das Postkörbchen stets aktuell, und man erhält einen Hauch von Blackberry-Komfort. Allerdings fallen dabei Datenkosten an. Bei einem Imap-Konto beherrscht möglicherweise das Handy die Funktion Imap Idle. Besteht eine Datenverbindung, landet neue Post automatisch im Gerät: voller Blackberry-Komfort also. Das funktioniert etwa mit den Top-Modellen von Sony Ericsson und einem AOL-Konto.
Die zweite Feinabstimmung betrifft Nutzer solcher Geräte, die Wireless-Lan eingebaut haben. Damit ist der Datenabruf im Büro, zu Hause oder im Hotelzimmer deutlich günstiger. Bei den Taschencomputern mit dem Windows-Mobile-Betriebssystem in der Version 5 oder 6 wird Wireless-Lan automatisch genutzt, sobald es eingerichtet ist und zur Verfügung steht. Kommt hingegen ein Nokia E61 oder N95 zum Einsatz, sind die E-Mail-Einstellungen so zu modifizieren, dass das Gerät vor jeder Abfrage nach dem zu verwendenden Internetkonto fragt. Hier wählt man dann das Wireless-Lan, falls vorhanden.
Ein Megabyte für 20 Euro oder 24 Cent
Was man auf dem Bildschirm des Mobiltelefons sieht, lässt sich übrigens auch individuell einstellen. Kostensparend ist beispielsweise ein Limit bei der Zahl der übertragenen Nachrichten (etwa nur die 30 neuesten) und beim Umfang jeder einzelnen, etwa beschränkt auf 5 Kilobyte. Die ersten 5000 Zeichen reichen meist vollkommen aus. Wer mehr sehen will, holt die gesamte Nachricht auf Knopfdruck vom Server. Auch die Anhänge - Word-Dateien oder PDF-Dokumente - muss man nicht ans Mobiltelefon übertragen. Die meisten können damit ohnehin nichts anfangen. Dass es aktuelle Business-Mobiltelefone gibt, deren E-Mail-Client die deutschen Umlaute nicht ordentlich wiedergibt (etwa das Samsung SGH-i600), sei nur am Rande angemerkt. Auch kann UMTS seine Tempovorteile im Datenverkehr bei den meisten Handys nicht richtig ausspielen: Der E-Mail-Client und die Prozessorgeschwindigkeit wirken hier als Bremse.
Dass wir hier mehrfach auf einen kostenbewussten E-Mail-Abruf hingewiesen haben, geschieht nicht ohne Grund. Wenn es um die Datentarife geht, herrscht in den Mobilfunknetzen ein heilloses Chaos. Es gilt folgende Faustregel: Wer einen Laufzeitvertrag bei den vier Netzbetreibern hat, zahlt zwischen 0,6 Cent pro Kilobyte (bei E-Plus) und 19 Cent pro zehn Kilobyte (bei Vodafone). Ein Megabyte kostet also bis zu 20 Euro! Diese Preisgestaltung ist umso absurder, wenn man berücksichtigt, dass Discounter wie Simyo, Blau und Aldi mit ihren Prepaid-Karten ohne Vertrag und Grundgebühr nur 24 Cent pro Megabyte verlangen.
Keine Fummelei mit Pop3-Adressen
Für diese eklatanten Preisdifferenzen gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, und wenn die Europäische Kommission neuerdings gegen überhöhte Roaming-Gebühren vorgeht, müsste sie ebenso energisch gegen den Wucher bei den Datenkosten einschreiten. Für mobile E-Mail benötigt man bei moderater bis mittelmäßiger Nutzung zwischen 5 und 15 Megabyte im Monat. Bei Simyo zahlt man dafür zwischen 1,20 und 3,6 Euro, bei T-Mobile und Vodafone hingegen 45 bis mehr als 140 Euro. Als Kunde mit Laufzeitvertrag empfiehlt sich also der Abschluss eines zusätzlichen Datentarifs. Dann sinken auch die Kosten, nämlich auf rund 10 Euro im Monat für 30 Megabyte in den beiden D-Netzen. Ein Zeittarif mit der Abrechnung nach Nutzungsdauer ist weniger empfehlenswert.
Abschließend sei hier noch auf eine interessante Alternative zum E-Mail-Abruf via Pop3 und Imap hingewiesen: Wer ein Konto bei Google Mail hat - es ist schnell erstellt und kostenlos (www.gmail.com) -, kann darauf nicht nur via Internet-Browser, sondern auch mit einem kleinen Java-Programm zugreifen. Hier gibt es keine Fummelei mit Pop3-Adressen oder Portnummern. Man muss nur einmalig den Benutzernamen und das Kennwort eingeben. Fortan zeigt sich sämtliche Eingangspost auf dem Handy.
Excel- oder PDF-Dateien auf gewöhnlichen Handys
Es gibt zwei Extras, die spektakulär sind - zum einen die schnelle Suchfunktion, die in weniger als zehn Sekunden einen beliebigen Begriff findet, selbst unter Tausenden von E-Mails. Die Inhalte werden bei Google in ruhigen Rechnerzeiten indiziert, das heißt, eine Tabelle wird aufgebaut, aus der für jedes Wort hervorgeht, wo es vorkommt. Bei der eigentlichen Suche muss dann für den Abfragenden nur noch in dieser Tabelle nachgeschlagen werden.
Sie ist die umgekehrte Datenbank, in der hier nicht hintereinander Mails voller Wörter stehen, sondern hintereinander Wörter mit Indizes zu Mails. Und zum anderen die Anzeige von Word-, Excel- oder PDF-Dateien. Nicht nur auf Taschencomputern, sondern auch auf gewöhnlichen Handys für jedermann. Wir haben das mit einigen Modellen von Sony Ericsson und Motorola ausprobiert - und waren immer wieder begeistert, dass so etwas überhaupt möglich ist. Was nicht geht, ist das Anhängen von Bildern beim Versenden von Mails oder der Zugriff auf das Handy-Adressbuch - aber das GoogleMail-Adressbuch im Netz steht natürlich zur Verfügung.
Pop und Imap
Die beiden Bezeichnungen Post Office Protocol und Internet Message Access Protocol stehen für unterschiedliche Verfahren zum Austausch elektronischer Nachrichten. Beides sind Protokolle für den Empfangsserver.
Das ältere Pop ist einem Postamt mit lagernden Briefen nachempfunden. Alle eintreffenden Nachrichten werden im Postamt zwischengelagert, bis man sie dort abholt. Der Pop-Client wählt sich auf dem Server ein, identifiziert sich mit Benutzername und Kennwort, holt die neue Mail auf den lokalen PC (oder das Handy) und meldet sich wieder ab. Beim Mail-Abruf via PC werden die Nachrichten auf dem Pop-Server gelöscht. Beim Einsatz mit dem Handy bleiben sie dort stehen, wenn man das eingestellt hat. Jede weitere Nachrichtenbearbeitung erfolgt auf dem Endgerät, etwa das Verschieben der Post in verschiedene Ordner. Die Pop-Lösung geht also davon aus, dass man seine Post primär mit einem Endgerät verwaltet, und das ist ihr größter Nachteil.
Imap bietet demgegenüber mehr Flexibilität. Man kann direkt auf dem Server verschiedene Ordner anlegen und mit diversen Endgeräten arbeiten. Also beispielsweise aus der Ferne mit einem Handy die E-Mails in Ordner verteilen. Weiterhin lassen sich die Kopfzeilen einer Nachricht mit Absender, Thema und Empfänger auf dem Endgerät anzeigen, ohne dass die gesamte Nachricht geladen wird. Auch kann man E-Mails direkt auf dem Server durchsuchen, und es gibt einen selektiven Mail-Transfer zum Endgerät. Dank der Funktion Imap Idle wird eingehende Post bei bestehender Datenverbindung automatisch zum Endgerät geschickt. Bei Pop muss man hingegen einen manuellen Abruf starten oder ein Abrufintervall programmieren. Nicht alle Imap-Funktionen werden von jedem Handy unterstützt. Die E-Mail-Software am PC - etwa Outlook oder Thunderbird - und der E-Mail-Client im Handy beherrschen in der Regel beide Protokolle. Welches der beiden genutzt werden kann, bestimmt hingegen der E-Mail-Server des eigenen Kontos. Die meisten Freemail-Anbieter nutzen Pop, eine Ausnahme sind unter anderem AOL und Web.de.
Text: F.A.Z., 30.04.2007, Nr. 100 / Seite T1
Bildmaterial: Peter Thomas