Von Hans-Joachim Waldbröl
10. August 2004 Carl Lewis. Florence Griffith-Joyner. Michael Johnson. Marion Jones. Punkt für Punkt eine willkürliche Interpunktion, die einen Superstar vom anderen trennt. Denn hinter jedem dieser Namen, mit denen die Amerikaner in den letzten zwei Jahrzehnten ein Highlight in die Welt der olympischen Leichtathletik setzten, könnte genausogut ein dickes Ausrufezeichen stehen.
Statt dessen sind an dieser Stelle riesige Fragezeichen groß geworden, die der Sportnation Nummer eins allmählich über den Kopf zu wachsen, ihre Selbstherrlichkeit zu zerstören drohen. Schon bevor ihre aktuellen Nachfolger, die während der vergangenen Monate des langjährigen Dopings verdächtigt, beschuldigt, überführt worden sind oder es, wie die degradierte Doppel-Weltmeisterin von Paris 2003, Kelli White, sogar ohne biochemischen Beweis gestanden haben, das letzte Vertrauen in die schnellsten und besten Athleten aus den Vereinigten Staaten verspielten, hatten ihre namhaften Vorläufer das internationale Mißtrauen nachhaltig genährt.
Aufgeputschter Prediger
Carl Lewis sammelte, angefangen 1984 in Los Angeles und Atlanta 1996 eingeschlossen, neun Goldmedaillen über 100 und 200 Meter, mit der Sprintstaffel und im Weitsprung - soviel wie bei den offiziellen Spielen der Neuzeit seit 1896 nur noch der legendäre finnische Langläufer Paavo Nurmi! Aber lieferte der selbsterklärte Saubermann, der brav in die Kirche ging, von der Kanzel herab sogar Fair play predigte und 1988 in Seoul den nach 100 Metern auf frischer Dopingtat ertappten Kanadier Ben Johnson beerbte, nicht 1988 eine erst 15 Jahre später veröffentlichte positive Probe auf ein Aufputschmittel ab?
Florence Griffith-Joyner sprintete im selben Jahr zu drei Olympiasiegen und rannte zwei fabulöse Weltrekorde, die noch heute unangetastet sind: 10,49 Sekunden über 100 und 21,34 Sekunden über 200 Meter! Aber hatte ihre atemraubende Verwandlung von weiblicher Athletik zu männlicher Power innerhalb von zwölf Monaten tatsächlich so natürliche Gründe wie angeblich auch ihr früher Tod 1998 im Alter von 38 Jahren?
Michael Johnson ergatterte fünf Goldmedaillen und schaffte 1996 bei den Heimspielen in Atlanta das bestaunte Double über 200 und 400 Meter! Aber waren es wirklich nur Fleiß und Begabung, die ihn auf unfaßbare 19,32 Sekunden über 200 und 43,18 Sekunden über 400 Meter beschleunigten - zwei Bestleistungen, die in Marmor gemeißelt erscheinen wie die Zeiten von Florence Griffith-Joyner?
Nachgewiesener Kraftfutterkonsum
Marion Jones, die ihre hoffentlich unnachahmliche Landsfrau lauthals zum Vorbild erkoren hatte, kam ihr schon vor ihrem olympischen Triple 2000 in Sydney in 10,65 und 21,62 Sekunden tatsächlich bis auf wenige Meter nahe! Aber kann man der mädchenhaft Lächelnden abnehmen, daß sie vom nachgewiesenen Kraftfutterkonsum ihres verflossenen Ehemannes C. J. Hunter und der höchstwahrscheinlich betrügerischen Leistungssteigerung ihres jetzigen Lebensgefährten Tim Montgomery nichts gewußt hat - und auch selbst nicht, wie der einst überführte Hunter heute behauptet, von der verbotenen Frucht naschte?
Allein diese naheliegende Frage aus dem Munde von Jacques Rogge hat sich Marion Jones, die nach ihrem Mutterschaftsurlaub nicht mehr zu alter Stärke zurückgefunden hat und in Athen nur im Weitsprung und eventuell als Aufrückerin in der Sprintstaffel auftreten wird, energisch verbeten: Sie nannte den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) einen "Ignoranten" - nur weil der belgische Mediziner bei seiner Meinungsbildung auch verdachterregende Umstände berücksichtigt und nicht so naiv ist, zu glauben, "daß lauter negative Dopingproben schon ein positiver Beleg für die Sauberkeit eines Athleten sind". Zur voreiligen Vorverurteilung neigt Comte Rogge dennoch nicht: "Für jeden, der nicht nach allen Regeln des Dopings überführt ist, gilt die Unschuldsannahme. Deshalb kann Marion Jones bei den Spielen ja auch starten - trotz der massiven Vorwürfe, die in ihrem eigenen Land gegen sie erhoben werden."
George W. Bush macht Druck
In ihrem eigenen Land, dem Land der einstmals unbegrenzten Doping-Möglichkeiten, weht seit wenigen Monaten nämlich ein anderer Wind - seit George W. Bush Wind davon bekommen hat, daß "seine" Athleten im Rufe stehen, den Rest der Welt mit Produkten aus dem berüchtigten Bay-Arena-Labor in Kalifornien zu hintergehen. Die verharmlosende Hausmacht des amerikanischen Leichtathletikverbandes, der sich stets als Schutzmacht der Doper verstand, war gebrochen, als der Regierungschef das Heft in die Hand nahm. Die schon drei Jahre alte nationale Anti-Doping-Agentur (Usada) wurde mit zehn Millionen Dollar pro Jahr befeuert und fuhr endlich scharfe Geschütze gegen Ärzte und Athleten, Biochemiker und Betreuer auf, die den sportlichen und finanziellen Erfolg mit allen möglichen Mitteln suchten.
Mitteln, die in den Kontroll-Laboratorien die längste Zeit nicht nachweisbar waren: dem Blutdoping durch Erythropoietin (Epo), auf dessen Mißbrauch erstmals in Sydney getestet wurde; einem Designersteroid wie Tetrahydrogestrinon, eigens komponiert, um die Test-Raster auszutricksen, und erst im vergangenen Jahr durch eine hilfreiche Indiskretion enttarnt; dem Wachstumshormon, nach dem bis zum heutigen Stichtag noch nicht mit zugelassenen Methoden gesucht wird. Wer dieses Zeug schluckte oder schluckt, dem verhalfen und verhelfen natürlich keine negativen Kontrollen zum positiven Erscheinungsbild.
So viel zur ausdauernd dementierenden Marion Jones, die ihren 100-Meter-Titel wegen fehlenden Tempos in Athen wohl nicht verteidigen kann; zu ihrer überraschend geständigen Schwangerschaftsvertretung Kelli White, die für zwei Jahre von der Laufbahn ausgesperrt wurde. Aber eben auch zu all jenen, die nun, rückblickend auf die Zeiten unkontrollierten Muskelwachstums in den Vereinigten Staaten, in einen ähnlichen Generalverdacht geraten sind wie jeder einzelne Athlet aus der DDR-Ära des systematischen sportlichen Betrugs. Die superschnellen Amerikaner sind von den eigenen Dopingfahndern eingeholt worden, auf ihre vielen Goldmedaillen ist ein langer Schatten gefallen. Das mag die Fans der Stars and Stripes traurig stimmen. Der Rest der Welt findet, daß den Heuchlern nur recht geschieht. Sorry, Carl Lewis, Florence Griffith-Joyner, Michael Johnson, Marion Jones.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2004, Nr. 184 / Seite B4
Bildmaterial: dpa
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