Von Hans-Joachim Waldbröl
13. August 2004 Das Laufen und der Herzschlag - so lauteten die kompositorischen Leitmotive der olympischen Eröffnungsfeier in Athen. Das Weglaufen und geschlagene Herzen - das waren die kompromittierenden Leidmotive der bewegten Griechen an einem schwarzen Freitag, der trotz strahlenden Himmels und durchdringenden Sonnenscheins nicht lichter werden wollte.
Für 10.500 Sportler aus 202 Ländern in aller Welt sollte das globale Fest zwar mit einer Gala im Olympiastadion beginnen. Aber für alle Anhänger des athletischen Nationalhelden Konstantinos Kenteris war der Feiertag von vornherein als Trauertag verdorben. Ihr "Kostas", der allseits geliebte Junggeselle, religiöse Mitmensch und soziale Wohltäter, ist zu Fall gekommen. So oder so. Entweder hat ihn tatsächlich ein Sturz mit dem Motorrad daran gehindert, sich endlich mal wieder einem seiner seltenen Sauberkeitstests zu unterziehen und als einer der letzten Flammenträger für die olympischen Ideale zu entflammen. Oder er ist wirklich auf großer Bühne, beim angestrahlten Heimspiel, auf einer Ausflucht ertappt worden, die den schnellsten Griechen - und seine flotte Begleiterin auf dem Sozius - eines Dopingvergehens überführt.
Allergisch und ausweichend
Was seine Landsleute schlimmer trifft, das können ihre internationalen Gäste schwer abschätzen. Enttäuschte Hoffnungen, verletzte Gefühle, angegriffener Stolz, all das scheint die Griechen an Leib und Seele zu treffen. Ihr erster Mann hat in den letzten Tagen ein beredtes Beispiel für die Empfindlichkeit gegeben, wie heftig die Hellenen auf Angriffe von außen reagieren. Staatspräsident Konstantinos Stefanopoulos hat den "boshaften und ironischen" Kritikern der griechischen Leistungsfähigkeit in der vorauseilenden Gewißheit, daß diese Spiele an den antiken Originalschauplätzen ein hochmoderner Erfolg werden, schon Wort für Wort die ausgesprochene Skepsis heimgezahlt: Kümmert euch um eure eigenen Probleme, und glaubt endlich, daß wir unsere schon selbst lösen können.
Die beiden Vornamensvettern Stefanopoulos und Kenteris können sich in ihrer vaterländischen Stärke verbunden fühlen, doch sie sehen sich auch in ihrer Schwäche für das Mutterland der Spiele ähnlich. Gegen ausgesprochene Zweifel leisten sie anhaltenden Widerstand, in Worten wie in Werken. Auf Kritik des Auslands reagiert der eine allergisch, auf Kontrolle durch die Internationale der Dopingbekämpfer der andere ausweichend. Schon die Skepsis erscheint ihnen als unzumutbare Unterstellung.
Ins rechte und gerechte Licht rücken
Gemeinsam haben sie dieses Streben nach Unabhängigkeit vom Urteil der anderen mit der "Mutter der Spiele": Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki antwortete im vergangenen Jahr während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris erst gar nicht auf die Anfrage dieser Zeitung, ob sie sich angesichts der verbreiteten Testallergie griechischer Athleten nicht um das Ansehen der Spiele sorge. Man habe in ihrem Heimatland Tränen der Rührung geweint, als die Hellenen 2000 in Sydney Goldmedaillen gewonnen hätten, und man hoffe wieder Tränen der Freude vergießen zu dürfen, wenn Griechen auch in Athen 2004 ihre Siege feierten. Affektartige Abwehrreflexe lange unterdrückter Selbstständigkeit oder ausgesprochene Arroganz dick aufgetragenen Selbstbewußtseins?
Das eine wie das andere erschwert den Glauben daran, daß die Griechen es den Dopingbekämpfern aus der Fremde erlauben, ihren verherrlichten Olympiasieger, Weltmeister und Europameister über 200 Meter, jenen als "weißen Michael Johnson" verehrten Konstantinos Kenteris, ins rechte und gerechte Licht zu rücken, kritisch zu durchleuchten und das Nationaldenkmal zu demontieren. Selbst wenn er es verdient hätte.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2004, Nr. 188 / Seite 29
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