Von Rainer Seele
04. Juli 2008 Man wird Sterne sehen an diesem Wochenende, ganz bestimmt. Jahr für Jahr greifen französische Radsportexperten schließlich gerne darauf zurück, sie vergeben Sterne an die aussichtsreichsten Profis bei der Tour de France. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass in dieser Rangordnung ein Australier, ein Spanier und ein Russe ganz oben zu finden sein werden.
Also die Herren Evans, Valverde und Mentschow - ihnen wird bei der bevorstehenden Großen Schleife durch Frankreich sehr viel zugetraut. Aber darf man ihnen auch trauen? Man könnte das französische Spielchen vor der Tour einfach ein bisschen modifizieren - und Sternchen hinter die Namen von Evans, Valverde und Mentschow setzen als Hinweis auf gewisse Erläuterungen zu diesen Radrennfahrern.
Zweifel über Zweifel bezüglich der Favoriten
Bei Valverde, man weiß das, fällt das nicht allzu schwer: Der Spanier wurde mit dem spanischen Doping-Ring um den Arzt Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht und darf trotzdem unbehelligt seinem Beruf nachgehen. Bei dem Russen Mentschow ließe sich festhalten, dass sein Rennstall - das niederländische Team Rabobank - im Zusammenhang mit möglichen Manipulationen in einer Wiener Blutbank erwähnt wurde.
Eine Unbedenklichkeitserklärung wäre also auch in diesem Fall nicht zu unterschreiben. Und Evans? Ein schneller Mann, gewiss, im vergangenen Jahr war er bei der Tour Zweiter hinter dem nun unfreiwillig abwesenden Alberto Contador. Aber der ehemalige Mountainbiker Evans, der in belgischen Diensten steht, gehörte einst dem Team Telekom an, in dem Doping auf breiter Basis praktiziert wurde.
Endlich wieder ein sauberer Sieger?
So ist das also mit den Profis, die diese 95. Tour beherrschen könnten - jeder ist mit einem Schuss Skepsis zu betrachten, mancher auch mit großem Argwohn. Und mit ihnen auch die Rundfahrt selbst, die natürlich endlich wieder mal einen "sauberen Sieger" präsentieren möchte - ein höchst schwieriges Unterfangen, mancher Kritiker mag das gar für unmöglich halten.
Zweifelsohne sind die Bemühungen, Doping im Radsport zu bekämpfen, intensiviert worden. Die Zahl der Kontrollen ist erheblich gestiegen, bei der Tour soll nun erstmals auf Wachstumshormon getestet werden. Auf manchen Profi mag das wohl auch abschreckend wirken, die Risiken für Doping-Sünder sind offensichtlich größer geworden.
Die Geständigen sind die Dummen
Ob der Betrug damit aber tatsächlich wesentlich eingedämmt werden kann, ist fraglich angesichts der Skandale der vergangenen Jahre, die ein weitgreifendes Manipulationssystem offenbarten. Zudem werden die Zweifel an einem grundsätzlichen Wandel im Radsport erhärtet durch die erfolglosen Bemühungen von Kronzeugen wie Jörg Jaksche oder Patrik Sinkewitz, im Peloton wieder Fuß zu fassen. Sie haben geredet - und stehen nun wie Ausgestoßene da.
Natürlich könnte diese Tour Ende Juli in Paris enden, ohne dass es auch nur eine einzige positive Doping-Probe gegeben hätte. Aber wäre dies wirklich als Indiz für mehr Sauberkeit im Radsport zu betrachten? Zynisch könnte man in einem solchen Fall auch sagen: niemand ertappt worden, wahrlich eine Tour der Erneuerung also - dahin gehend, dass neue, noch nicht nachweisbare Mittel des Missbrauchs eingesetzt worden sein müssen. Das ist das Dilemma der Tour, des Radsports. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP