Kommentar

Der Scheinheilige mit dem Schlüssel

Von Michael Reinsch

26. März 2004 Hat Jürgen Emig nicht eigentlich einen weißen Bart? Und trägt er nicht ein weißes, bodenlanges Gewand? Und hält er nicht einen goldenen Schlüssel in der Hand? So jedenfalls kann man sich den Reporter vorstellen - wenn man ihn von der Tour de France kennt. Wenn er während drei heißer Wochen in der französischen Etappe aus dem "Kleinen Wermelinger" referiert, einer Gabe der Tour-Pressestelle, die den Blick auf all die Kulturgüter am Wegesrand lenken will. So mag sich der in dieser Woche abgelöste Tour-Kommentator und Sportchef des Hessischen Rundfunks auch selbst gesehen haben: Als Petrus mit Schlüsselgewalt über das, was der Sportler, der Sport und die Sponsoren als wirkliches Ziel ansehen. Die seligmachende Präsenz im Fernsehen.

Für einen Augenblick auf dem Bildschirm reißen sie sich nicht nur ein Bein aus. Dafür zahlen sie auch; im Fall Emig an eine Produktionsgesellschaft, mit deren Chef er befreundet ist; an eine Agentur, mit deren Chefin er verheiratet ist. TV-Präsenz ist die Basis, auf der Veranstaltungen vermarktet, finanziert, also ermöglicht werden.

So ein seltsamer Heiliger mit weiten Taschen ist kein Einzelfall. Er steht nicht allein vor einem Eingangstor. Er steht stellvertretend für ein System. Darin ist die Welt eine Scheibe. Ihre Währung ist Aufmerksamkeit. Bargeld hat einen schlechten Wechselkurs: Man muß ziemlich viel davon aufbringen, um Sendezeit und die Produktion von Bildern bezahlen zu können. Besser steht es mit Spektakel und Prominenz. Im Sport scheint das einfach: Wer Erfolg hat, Medaillen und Titel bringt, ist gern gesehen - im Prinzip. Im Einzelfall heißt das Paßwort: Quote.

Doch wie sich zeigt, hat der unabhängige Wächter als Ersatz für öffentliches Interesse und journalistische Pflicht den Mammon zum Maßstab seiner Entscheidungen gemacht. Sicher, Prominenz bringt Quote, und Quote macht prominent. Das dürfte der Grund dafür sein, daß Kommentator Emig vom Radsport trotz zunehmender Distanz nicht abließ. Sein Gesicht und seine Stimme blieben dem Zuschauer insbesondere mit der Tour verbunden. Doch Leidenschaft für ein Ereignis und seine Protagonisten sind, wenn überhaupt, nur ein Bruchteil der Interessen eines Vertreters der öffentlich-rechtlichen Sportberichterstattung. Auf dem Bildschirm zeigt sich nur die Spitze eines Eisberges. Verborgen bleiben die ungeheuer verführerischen Möglichkeiten, die daran hängen. Hier ist eine Veranstaltung anzusagen, dort eine Präsentation zu moderieren, heute ist ein bißchen zu beraten, morgen ein Sponsor zu vermitteln. Durchsetzungsfähige Fernsehredakteure sind auch Lobbyisten ihres Sports -- im Kleinen wie im Großen. Schließlich haben die Öffentlich-Rechtlichen die Rechte an der Fußball-Bundesliga nicht nur wegen der Quote für reichlich 60 Millionen Euro erworben - und sich damit die Hände gefesselt -, sondern auch im staatlichen Interesse an der Konkurrenzfähigkeit deutscher Kicker. Wo aus Prinzip derart journalistische Maßstäbe verschoben werden, wo Ranschmeiße und Selbstvermarktung, Marktschreierei und Liebedienerei als Ausdruck von Talent gelten, kann man sich schon mal im Tun und Treiben verstricken wie Emig. Hier sparend, dort Geld fordernd, als Hüter und Türöffner zugleich.

Gewiß ist Sport Teil des gesellschaftlichen, ja sogar des kulturellen Lebens, über das die von Millionen Haushalten mit monatlich je 16 Euro Gebühren ausgestatteten Anstalten zu berichten haben. Doch Sport will mitspielen im Unterhaltungsgewerbe. Und das ist ein Geschäft. Wer nicht auserkoren wird wie Skispringer, Boxer oder Radprofis, muß sich den Regeln des Genres unterwerfen; und gehöre dazu, sich einzukaufen mit der Unterstützung spendabler Freunde. Die Sender sollten ihre Regeln nicht nur transparent machen. Sie sollten auch deren Einhaltung überwachen. Sonst entpuppt sich der weißhaarige Petrus als dreiköpfiger Zerberus mit schwarzen Zähnen.

Die Welt ist eine Scheibe. Ihre Währung ist Aufmerksamkeit

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2004, Nr. 74 / Seite 31

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