Doping-Kommentar

Der gläserne Spitzensportler

Von Evi Simeoni

Spitzenathleten müssen sich inzwischen einem aufwendigen Kontrollprogramm unterwerfen

Spitzenathleten müssen sich inzwischen einem aufwendigen Kontrollprogramm unterwerfen

28. Februar 2009 Wie schwer eine Krankheit ist, erkennt der Laie manchmal erst an der Medizin, die dagegen eingesetzt wird: je gravierender die Bedrohung, desto massiver das Gegenmittel. Genauso ist es mit dem Doping-Problem im Hochleistungssport. Wie alarmierend seine Ausmaße sind, kann man am besten an den Gegenmaßnahmen erkennen, die der Sport selbst ergriffen hat. Das Mittel - Rundumüberwachung der Sportler anhand eines elektronischen Meldesystems - könnte allerdings so erhebliche Nebenwirkungen entwickeln, dass es die Doping-Bekämpfung in eine Sackgasse führt.

Spitzenathleten müssen sich inzwischen einem so aufwendigen Kontrollprogramm unterwerfen, ihre Person und ihren Alltag so gründlich durchleuchten und überwachen lassen, dass einige von ihnen mittlerweile dagegen aufzubegehren wagen, obwohl sie sich damit dem Verdacht aussetzen, sie wollten das Selbstreinigungsprogramm ihrer Branche unterlaufen.

Gleich mehrere juristischen Fronten

Es gibt nicht nur mündliche Beschwerden, Sportler würden behandelt wie Schwerverbrecher, sie fühlten sich von einer Art Geheimdienst verfolgt. Inzwischen beschäftigen sich Gerichte mit dem Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur, der unter anderem das Meldesystem und den Strafenkatalog festlegt. Und auch EU-Fachleute nehmen das Regelwerk mit internationalem Gültigkeitsanspruch, das in einer überarbeiteten Version am 1. Januar in Kraft trat, unter die Lupe.

Die Doping-Regulierer müssen sich an mehreren juristischen Fronten behaupten: Es geht um die Frage, ob durch das System die Persönlichkeitsrechte der Athleten verletzt werden. Sogar das EU-Arbeitsrecht könnte die Bestimmungen aushebeln, weil die 365-Tage-Bereitschaft zu überraschenden Doping-Tests keinen Urlaub vorsieht. Die größte Gefahr aber droht dem Kodex durch das europäische Datenschutzrecht. Er könnte kippen, sobald die bürokratischen Mühlen fertiggemahlen haben - und die Doping-Bekämpfung dramatisch zurückwerfen.

Der Generalverdacht ist längst ins Selbstbild integriert

So weit ist es gekommen: Der Hochleistungssport - ein weltumspannendes, lukratives Showgeschäft - handelt nur noch aus der Defensive heraus. Er genießt kein Vertrauen mehr beim Publikum und muss durch permanenten Kontrollhochbetrieb seinen ethisch-moralischen und pädagogischen Anspruch, der ihm die gesellschaftliche Anerkennung sichert, stabilisieren. Dabei hat er wohl das Gebot der Verhältnismäßigkeit aus den Augen verloren.

Der Generalverdacht, gegen den sich Liebhaber, Verfechter und Profiteure des Spitzensports reflexartig zur Wehr setzen, ist längst ins Selbstbild integriert. Das ist nicht erstaunlich: Schließlich haben Sportler in vielen Disziplinen - selbst dort, wo es kein Geld zu verdienen gibt - bewiesen, dass sie bereit sind, jede Lücke zum Doping-Betrug zu nutzen, auch mit solch würdelosen Methoden wie dem Anlegen von Urin-Depots am eigenen Leib oder gar dem Austausch dieser Körperflüssigkeit per Katheter. Die Beobachter ebenso wie die zur reellen Leistung entschlossenen Sportler haben lernen müssen, dass offenbar immer jemand bereit ist, für den Erfolg die Grenzen der Regeln und der Selbstachtung zu überschreiten.

Inszeniertes Räuber-und-Gendarm-Spiel

Als Konsequenz müssen sich die Topleute der Branche vertraglich einem elektronischen Überwachungssystem unterordnen, das einer Strafmaßnahme für Gesetzesbrecher auf Bewährung ähnelt. Ihre Nationale Anti-Doping-Agentur wird zum Großen Bruder, der immer wissen will, wo sie sich aufhalten, und zwar an 365 Tagen im Jahr über 24 Stunden.

Darüber hinaus müssen Vertreter besonders gefährdeter Sportarten zur Vermeidung eines in der Vergangenheit häufig inszenierten Räuber-und-Gendarm-Spiels für jeden Tag des Jahres eine Stunde fixieren, zu der sie von den Doping-Fahndern garantiert an einem bestimmten Ort anzutreffen sind. Sportler, denen die Dokumentation ihres Alltags lästig ist, haben deshalb unter Aufgabe ihrer eigenen Grundrechte sogar schon eine elektronische Fußfessel gefordert - so selbstverständlich sind die rigorosen Kontrollmaßnahmen ihnen inzwischen schon geworden.

Gesellschaftlicher Liebesentzug

Es wäre eine bittere Pointe der Sportgeschichte, wenn ausgerechnet die wilde Entschlossenheit im Kampf gegen Doping dem Hochleistungssport seine Ohnmacht in dieser Frage vor Augen führen würde. Dass man vom Sport nicht verlangen könne, eine Insel der Seligen zu sein, beschwören seine Funktionäre schon seit Jahrzehnten. Nun aber steht er da wie eine Insel der Selbstfixierten, die in ihren eigenen Untugenden gefangen sind. Der deutsche Gesetzgeber hat - begleitet von der intensiven Lobbyarbeit des Deutschen Olympischen Sportbundes - dem Doping-Problem noch nicht einmal die Bedeutung zugemessen, die nötig wäre, um es ins Strafgesetzbuch aufzunehmen.

Lediglich Weitergabe und Handel sind in einem Anhang zum Arzneimittelgesetz unter Strafe gestellt. Die gesellschaftliche Ächtung des pharmazeutischen Sportbetruges ist also wesentlich stärker als die gesetzgeberische. Gegen den gesellschaftlichen Liebesentzug aber muss der Hochleistungssport mit aller Macht kämpfen, denn dadurch verlöre er seine Lebensgrundlage.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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