Kommentar Sport

Campiono 2010

11. Juli 2006 Nein, so schnell läßt uns das Thema nicht los. Es gibt noch immer was zu sagen zur Fußball-WM. Zum Beispiel von unseren Lesern, die uns daran erinnern, daß wir - allerdings in einer launigen Glosse - Deutschland als Weltmeister vorhergesagt und dafür einen mathematischen Beleg geliefert hatten. Der ging so: 54 (das Jahr des ersten deutschen WM-Titels) mal 74 (der zweite) minus 1990 (der dritte) ergibt 2006. Nach einer anderen, ähnlich überzeugenden Gleichung hätte Brasilien den Titel holen müssen. Da wußten wir aber alle noch nicht, daß die italienische Zwölfer-Regel (alle zwölf Jahre im Finale, 70, 82, 94, 06, jedes zweite Mal Sieger) tatsächlich funktionieren würde.

Nun allerdings kommt der Clou, auf den uns ebenfalls ein Leser hingewiesen hat. Da Italien den Titel errungen hat, bestehe kein Zweifel mehr: Wer Fußball-Weltmeister werde, entschieden vorher die Esperantisten. Schließlich habe zum dritten Mal nacheinander das jeweilige Gastgeberland des Esperanto-Weltkongresses das Turnier gewonnen: 1998 wurde der Kongreß in der französischen Stadt Montpellier ausgerichtet, 2002 in Fortaleza in Brasilien, und in diesem Jahr kommen ein paar tausend Esperantisten aus aller Welt nach Florenz. Das soll noch Zufall sein? Wir fragen uns: Wie machen die das? Wo findet der Weltkongreß 2010 statt? Kann sich Deutschland noch bewerben?

Fußball und Sprache, das ist wirklich ein tolles Feld. 37 Wörter, heißt es, hat der Brasilianer für bola, den Ball. In Esperanto heißt es futbalo. So viele Wörter wie in Brasilien für ein und dasselbe sind natürlich völlig überflüssig. Aber, wie ein Kollege meint, meist ist es ein gutes Zeichen; nämlich ein Zeichen von Liebe. Die mache immer mehr Worte als nötig. Fußball ist die Weltsprache. Man kann, wer wüßte das nicht, herrlich Fußball spielen mit Menschen, deren Sprache man nicht kennt. Und auch herrlich Fußball schauen und feiern mit Menschen, ohne daß man ihre Sprache spricht. Die Fanmeilen waren der schlagende Beweis. Man versteht sich durch den Fußball. Mit Esperanto ist das alles etwas schwieriger, in knapp 120 Jahren ist die Plansprache nicht gerade ein internationaler Renner geworden. Der Esperanto-Weltbund, der also unter anderem den Fußball-Weltmeister vorherbestimmt, hat eine niedrige fünfstellige Mitgliederzahl. Kostproben ihres Könnens? Materazzi flirtas bone. (Materazzi flirtet gut.). Oder über das Mädchen von der Fanmeile: La bela damo havas bonajn sancojn en flirto. (Die schöne Dame hat gute Flirtchancen.). Die von uns befragte Internet-Übersetzungsmaschine weist unfaßbare Makel auf: Für die Worte Kopfstoß oder Platzverweis finden sich keine entsprechenden Begriffe in Esperanto. Am liebsten ist es uns allerdings sowieso, wenn wir in den nächsten Wochen ungestört La someran atmosferon genießen können. Über die nächste WM machen wir uns dann zu gegebener Zeit Gedanken, zumal jetzt ja klar ist, daß um den Campiono viel zu viel Rummel gemacht wird. Die Esperantisten werden's schon richten.



Text: F.A.Z., 12.07.2006, Nr. 159 / Seite 31

 
Rubriken

Kenianische Läufer

Der hürdenreiche Weg nach Peking

 
Video in voller Größe

Sollte im TV mehr „Randsport“ gezeigt werden?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche