Von Anno Hecker
06. Mai 2008 Endlich haben die Deutschen eine Ehrenhalle für ihre Spitzensportler. Der Satz wird den Initiatoren nicht gefallen. Ruhmeshalle, Walhalla, so einen urdeutschen Heldenhügel wollen sie nicht. "Hall of Fame" soll der virtuelle Gedenkplatz heißen. So schwingt weniger Pathos mit. Überhaupt sind die Macher bemüht gewesen, keine Angriffsfläche zu bieten. Schließlich soll die "Hall of Fame" ein Beitrag zur Anerkennung des verdienten Sportlers in der Gesellschaft sein.
Aber schon vor der Feier in Berlin hagelte es Kritik. Die Ossis schimpfen. Weil unter den ersten vierzig Aufgenommenen nur ein ehemaliger DDR-Sportler zu finden ist. "Viele glauben, Erfolge im Osten sind mit unsauberen Mitteln erreicht worden", sagt der ausgewählte ehemalige Schwimmer Roland Matthes. "Der DDR-Sport wird systematisch an den Pranger gestellt."
Rudolf Harbig kommt aus Dresden - und war NSDAP-Mitglied
Das unausgewogende Verhältnis zugunsten der Wessis mag Verfechter der Plattmacher-These bestätigen. Allerdings verweisen die Organisatoren auf ihre Kriterien: Abgesehen von den acht Gewinnern der "Goldenen Sportpyramide" wurden nur Verstorbene gewürdigt. Die meisten DDR-Stars sind zwar, Gott sei Dank, noch zu lebendig für eine posthume Ehrung.
Es gibt aber schon ein paar, die das Zeitliche längst gesegnet haben. Ihre Zeit wird hoffentlich kommen. Spätestens, wenn die Berührungsängste überwunden sind. Davon abgesehen verhindert die ideologisch verbrämte Ost-West-Sicht den Blick auf gesamtdeutsche Details. Kommen nicht Erich Rademacher aus Magdeburg und Werner Seelenbinder aus Stettin? Helmut Schön und Rudolf Harbig aus Dresden? Leider hat der Wunderläufer mit seinen Hall-of-Fame-Kollegen Willi Daume und Josef Neckermann die Mitgliedschaft in der NSDAP gemein.
Auf dem Olymp kann sich kein Mensch auf Dauer halten
Den perfekten Sportmenschen wird man weder hüben noch drüben finden. Dass es versucht wird, hängt mit dem Missionseifer der Sportfunktionäre zusammen. Ostler wie Westler arbeiteten über Jahrzehnte eifrig am Bild vom übermenschlichen Athleten. Sie sind Reklame gelaufen für die Überzeugung, Gold auf der Brust spiegele automatisch ein reines Herz und ein unbeugbares Kreuz.
Der Olympionike als Sinnbild der Gesundheit und Tugend! Längst weiß man, dass politisch Verirrte, dass Spitzel, Opportunisten, Kranke und wandelnde Apothekerschränke Gold gewannen. Alle wurden sie auf den Olymp gehoben, auf eine Höhe, in der sich keiner aus Fleisch und Blut auf Dauer halten kann.
Die Hall of Fame macht eine dauerhafte kritische Auseinandersetzung möglich
Die Initiatoren der Hall of Fame gehen ein Wagnis ein. Jahr für Jahr werden nun drei Kandidaten auf ihre Eignung geprüft. Damit hat der deutsche Sport, ob er nun will oder nicht, erstmals in seiner Geschichte den Boden bereitet für eine immer wiederkehrende kritische Auseinandersetzung mit dem Heldentum.
Vielleicht wird dabei mancher aus allen Wolken fallen. In so einer Erdung steckt aber die Chance, Sportler von einer unglaubwürdigen Überhöhung zu befreien. Insofern trägt die Hall of Fame zu einer Aufarbeitung bei, der sich der Sport immer wieder entzogen hat.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
Mosley gewinnt Prozess gegen ![]()
DFL-Modell abgelehnt: Kartellamt besteht auf Free-TV am frühen Abend
Hans Geyer im Interview: Anschläge sind extrem simpel“
Sollte im TV mehr Randsport gezeigt werden?
