29. Mai 2007 Eigentlich liegt das Ereignis zu weit zurück, um in einer Tageszeitung erstmals darüber zu berichten. Aber in diesen Zeiten sollte keine gute Nachricht unterschlagen werden. Schlechte prasseln genug auf die Sportfreunde ein. Die Dopinggeständnisse ehemaliger und aktiver Radprofis, das Bekenntnis Freiburger Sportärzte, bei der Einnahme verbotener Substanzen behilflich gewesen zu sein, die Sperre gegen vier gedopte osteuropäische Skilangläufer, das brutale Foul des Stuttgarters Meira im DFB-Pokalfinale am Nürnberger Mintal: Bei dieser Summe könnte man meinen, zwischen Sport und Menschen mit Charakterschwächen stünde ein Gleichheitszeichen.
Tut es nicht. Es gibt sie noch, die Gentlemen, denen Fairplay wichtiger ist als der Sieg. Am vergangenen Freitag trug sich in Zagreb Folgendes zu: In der Viertelfinalbegegnung der Tischtennis-Weltmeisterschaften zwischen dem weißrussischen Weltranglistensechsten Wladimir Samsonow und dem chinesischen Weltranglistenersten Ma Lin riss in der Eröffnungsphase der Begegnung ein spektakulärer Ballwechsel die Zuschauer mit.
Es gibt keinen Videobeweis
Samsonow gewann den Punkt mit einem wuchtigen Schmetterschlag einige Meter hinter dem Tisch stehend. Der Ball prallte gegen die Tischkante. Die Fans jubelten, der Schiedsrichter drehte an seiner Zählmaschine zum 5:4 für den Europäer. Da hob Ma Lin respektvoll den Zeigefinger und bedeutete seinem Gegner: Der Ball berührte meiner Meinung nach den Tisch an der Außenseite und nicht an der Oberkante. Der Punkt stünde also ihm zu. Samsonow schüttelte den Kopf. Er war davon überzeugt, dass der Ball korrekt gelandet wäre. Daraufhin wies der Chinese mit dem Zeigefinger nach oben – Richtung Videotafel, wo gerade in Zeitlupe der soeben beendete Ballwechsel wiederholt wurde.
Samsonow schaute hoch und kam zum Schluss – Ma Lin hatte recht. Also ging er zum Schiedsrichter und forderte ihn auf, den Punkt seinem Gegner gutzuschreiben. Der Referee mochte das jedoch gar nicht hören. Er meinte, den Ball an der Oberkante des Tisches landen gesehen zu haben. Und da der Videobeweis im Tischtennis nicht eingeführt ist, blieb er bei seiner Tatsachenentscheidung.
Er schlug den Ball sofort ins Netz
Also griff Samsonow im Sinne seines Gerechtigkeitsempfindens zur Selbstjustiz. Das Spiel wurde mit einem Aufschlag Ma Lins fortgesetzt, und Samsonow schlug den Ball sofort ins Netz – aus Absicht, das war auch für Laien erkennbar. Das Ende der Geschichte: Samsonow verlor die Partie und schied aus. Und die Moral? Ehrlichkeit im Sport zahlt sich nicht aus. Aber Samsonow schläft sicher besser als viele andere und schreckt nicht zurück, wenn er sich im Spiegel betrachtet.
Es gibt noch Gentlemen, denen Fairplay wichtiger ist als der Sieg
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb