Kommentar

Krampflösend

Von Roland Zorn

03. Juli 2008 Es darf weiter Fußball gespielt werden. Dass sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hierfür eine Genehmigung beim Bundeskartellamt abholen muss, zeigt die Absurdität der Situation. Länderspiele bis zum Jahresende gesichert, DFB-Pokalspiele auch – na toll! Der Wettbewerb, in dem die Bonner Behörde zu Hause ist, korreliert nicht ohne weiteres mit dem in den Häusern des Sports hochgehaltenen sportlichen Wettbewerbsgedanken.

Da könnte die Gesetzesinitiative der Bundesregierung, die dem Sport, speziell dem Fußball, seine eigene, noch genauer zu definierende Rechtsautonomie zugestehen will, krampflösend wirken. Allein die Anerkennung der Tatsache, dass der Sport als gemeinnützige Veranstaltung und ökonomischer Betrieb anders funktioniert und organisiert wird als ein Unternehmen in der freien Marktwirtschaft, wirkt erfrischend. Und das erst recht in einem Moment, da sich ganz Deutschland eben erst an der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz begeistert hat.

Nicht die gleichen Regeln wie für Energiekonzerne

Die Besonderheit des Sports zu respektieren, ist im Übrigen keine deutsche Erfindung. Die Freistellung von der Kartellgesetzgebung gilt in den Vereinigten Staaten längst als konstituierendes Element eines ausgewogenen Wettbewerbs in den Profiligen des American Football, des Baseballs oder des Basketballs. Europa tut sich mit der der rechtlichen Einordnung des Sports erheblich schwerer, zumal die Regeln von Land zu Land verschieden sind. Insofern weiß die Bundesregierung, wie behutsam sie vorgehen muss, will sie die im Sinne des Sports angestrebte Novellierung des deutschen Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen mit europäischem Recht verschmelzen.

In Brüssel Überzeugungsarbeit zu leisten auf einem Gebiet, auf dem es bisher keine Ausnahmebestimmungen gibt, dürfte schwer genug fallen. Im Sport mitreden wollen fast alle, dem Sport eine eigene Definition zu geben, dazu mögen sich viele nicht aufraffen. Er ist aber so besonders und einzigartig verfasst, dass sich seine organisierte Wirklichkeit nicht an den Regeln ablesen lässt, die für Energiekonzerne oder Supermärkte gültig sein mögen.

Berlin hat den Ball wieder ins Rollen gebracht

Führte die Initiative der Bundesregierung nur dazu, dass auch diejenigen für einen Moment innehalten, die sich derzeit mit behördlichem Ehrgeiz den mutmaßlichen Gegnern der freien Marktwirtschaft im Fußball auf der Spur glauben, es wäre schon viel gewonnen. Verständnis bei denen, die wissen, wie dieser Sport funktioniert, hat der Bonner Ehrgeiz, einen Wettbewerbsverstoß nachzuweisen, nicht geweckt.

Er mutet undurchschaubar und nahezu quälend an, weil sich seit dem „Hausbesuch“ bei DFB und Deutscher Fußball Liga im Februar so wenig bewegt hat. Berlin hat den Ball mit einem Befreiungsschlag wieder ins Rollen gebracht, Brüssel könnte ihn aufnehmen, und der Fußball darf wieder hoffen, dass weiter, immer weiter gespielt wird – ob mit oder ohne Segen des Bundeskartellamts.



Text: F.A.Z.

 

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