Von Evi Simeoni
20. November 2007 Und? Wie steht's? Die häufigste aller Sportfragen ist vielfältig anwendbar. Zum Beispiel auch so: Wie steht es eigentlich im Vergleich zwischen Arzneimittelindustrie und dem Anti-Doping-Kampf? Schwer zu schätzen. 10:1 vielleicht für die Pharmaindustrie, wenn man das Ergebnis großzügig für den Anti-Doping-Kampf auslegt.
Etwas mehr als 25 Millionen Dollar beträgt in diesem Jahr das Budget der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in Montreal, die das globale Problem des Arzneimittelmissbrauchs im Sport in den Griff kriegen soll. Etwa das Zehnfache im Jahr ließ sich vor kurzem noch mit einem einzigen gelungenen Erythropoietin-Präparat umsetzen, das nicht nur Nieren- und Krebspatienten, sondern auch Radprofis und Skilangläufern zu mehr roten Blutkörperchen verhilft.
Ein paar Liter Wasser, eine Handvoll Aspirin
So ein klassischer, nur schwer nachzuweisender Leistungssteigerer ist ein echter Umsatzbringer. Und die Konsumenten sind leidensfähig. Zwar brach in der seriösen Medizin der Absatz der berühmten Epo-Medikamente des amerikanischen Biotech-Unternehmens Amgen jüngst wegen der Angst vor Nebenwirkungen ein. Bei Hochleistungssportlern hingegen muss die Industrie solche umsatzschwächenden Selbstschutzmechanismen nicht fürchten. Ein paar Liter Wasser, eine Handvoll Aspirin und vielleicht ein Kopfstand hier und da gelten als probate Gegenmaßnahmen.
Stellen wir uns also den Anti-Doping-Kampf in einem Boxring vor: ein 100 Kilo schwerer Epo-Riese gegen einen zehn Kilo leichten Sauberkeits-Zwerg. Keine Chance für den Zwerg, der ja nicht nur gegen die Verbreitung von Epo kämpfen muss, sondern gleichzeitig gegen jede Art von Leistungsmanipulation im Sport - am Horizont wirft schließlich schon der 1000-Kilo-Riese Gendoping seinen bedrohlichen Schatten. Darum erntete der scheidende Präsident Richard Pound beifälliges Nicken, als er am Rande der Wada-Konferenz in Madrid erklärte, man müsse verrückt sein, wenn man glaube, dass man mit 25 Millionen Dollar im Jahr das weltweite Doping-Problem lösen könne.
Sponsorensuche bei der Pharmaindustrie?
Zumal die Wada, deren Budget jeweils zur Hälfte von den Regierungen in aller Welt und von der olympischen Bewegung finanziert wird, in ernsthaften Finanzschwierigkeiten steckt. Grund dafür ist der Verfall des amerikanischen Dollars, durch den sie zuletzt fast zwanzig Prozent ihrer Finanzkraft einbüßte. Nur durch die Auflösung von Rückstellungen kann der Betrieb aufrechterhalten werden. Und wenn es so weitergeht, leiden nächstes Jahr Forschungs- und Testprogramm. Und jeder Einspruch gegen ein inakzeptables Verbandsurteil vor dem Internationalen Sportgerichtshof wird zur Existenzfrage.
Was also tun? Beitragserhöhungen sind nur eingeschränkt möglich. In Madrid verloren sogar einige kleine Länder wegen finanzieller Säumigkeit ihr Stimmrecht. Bleibt die Sponsorensuche. Und wo? Vielleicht bei der Pharmaindustrie? Der Vorschlag hält sich hartnäckig, selbst Pound dachte in Madrid laut darüber nach. Doch hat sich dieser Erwerbszweig bisher weder mit freiwilligen Warnhinweisen noch mit Markern zur Erleichterung von Tests hervorgetan. Und zur Unabhängigkeit der Wada trüge eine solche Liaison auch nicht unbedingt bei. Es wird also wohl nichts werden mit der Verbotsliste sponsored by Amgen. Obwohl: Die Lacher hätten die Beteiligten damit auf ihrer Seite.
Text: F.A.Z., 20.11.2007, Nr. 270 / Seite 32