Peking 2008

Gold für Tibet

Von Evi Simeoni

17. März 2008 Eines muss festgehalten werden: Die Sportler, die im August bei den Olympischen Spielen an den Start gehen wollen, haben sich den Austragungsort Peking nicht ausgesucht. Wenn es nach ihnen gegangen wäre bei der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 2001 in Moskau, hätte wohl ein anderer Bewerber das Rennen gemacht. Vielleicht Paris. Oder Toronto.

Dann hätten die Athleten und Funktionäre nun, fünf Monate vor der Eröffnungsfeier, nicht wieder eine Boykott-Diskussion am Bein. Sie könnten frisch und fröhlich laufen und springen, so als gäbe es keine Unterdrückung, kein Leiden und keine Menschenrechtsverletzungen auf dieser Welt.

In der Isolation erkennen sie ihre Bedeutung nicht

Doch Spitzensport ist nicht einfach nur Spitzensport. Spitzensport ist auch Politik - das merken die Stars der Szene allein schon daran, wie intensiv sie von Politikern aller Couleur umworben werden. Die Macht des Spitzensports ist die riesige Aufmerksamkeit und Sympathie, die ihm auf dem ganzen Globus entgegengebracht werden. Allein schon deshalb war die Vergabe der Spiele an Peking eine politische Handlung.

Es geht nicht nur um wirtschaftliche Vorteile. Die Olympier gaben einer Diktatur, welche die Menschenrechte missachtet, die Chance, in einer gigantischen Propaganda-Schau für sich zu werben. Und konnten nur hoffen, dass sich das Land im öffentlichen Fokus öffnen würde. Der IOC-Funktionär, der behauptet, er sei nichts als ein Sportsfreund, der den Gedanken des Fair Play in die Welt hinaustragen will, täuscht deshalb die Welt über seine wahre Rolle. Und der Sportler, der das Recht reklamiert, seine Wettbewerbe auf einer spannungsfreien Insel auszutragen, hat den Kontakt zum Weltgeschehen verloren. Insofern ist etwas falsch an der strikten Fokussierung der Hochleistungsathleten auf ihre Ergebnisse und Ziele. In der Isolation können sie ihre gesellschaftliche Bedeutung nicht erkennen. Sie irren, wenn sie glauben, man müsse sie davor schützen, von politischen Einflüssen berührt zu werden.

Die Sportler leben in einer vermeintlich elitären Traumwelt

Was aber würde geschehen, wenn den Athleten mit der Entzündung des olympischen Feuers ein Licht aufginge? Wenn sie erkennen würden, dass es Menschen gibt, denen die politischen Machtverhältnisse noch viel größere Opfer abverlangen als den Verzicht auf eine Medaillenchance? Welch große Wirkung sie hätten, würden sie politisch offensiv, zeigen allein schon die Versuche der britischen und australischen Sportfunktionäre, ihren Athleten für die Spiele einen Maulkorb zu verordnen.

Es ist ja wahr: Die Erfahrung lehrt, dass Olympia-Boykotte keine praktischen Effekte auf die Politik haben. Wie aber würden die chinesischen Machthaber reagieren, wenn ein kritischer Athlet nach dem anderen seine in Peking gewonnene olympische Medaille dem unterdrückten tibetischen Volk widmen würde? Und wie das IOC? Auch Massen-Disqualifikationen wegen unerlaubter politischer Äußerungen könnten diese Kräfte nicht aufhalten. Doch so wird es nicht kommen. Die Sportler leben in einer vermeintlich elitären Traumwelt. Und da wollen sie - und sollen es nach dem Willen der Mächtigen auch - bleiben.



Text: F.A.Z., 18.03.2008, Nr. 66 / Seite 28

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