26. Juli 2006 Mit seinem bisherigen Arbeitgeber T-Mobile scheint Jan Ullrich offenbar abgeschlossen zu haben. Sonst hätte sich der in die Dopingaffäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verwickelte deutsche Radprofi im Interview mit dem Schweizer Blatt Blick nicht als Arbeitssuchender gemeldet: Er sehe sich für 2007 nach einem neuen Team um und wolle die Tour noch einmal gewinnen, heißt es da trotzig. Dabei hat er ganz andere Probleme.
Der einstige deutsche Radheros hat offenbar gänzlich aus dem Blick verloren, daß gegen ihn Indizien der spanischen Guardia Civil vorliegen, die so schwerwiegend sein müssen, daß sich sein bislang gar nicht so handlungsfreudiger Rennstall gezwungen sah, seinen großen Star und Favoriten einen Tag vor dem Beginn der Tour de France aus dem Verkehr zu ziehen. Ullrich ignoriert, daß es Belege gibt, die nach eingehender Prüfung durch Juristen des Bonner Kommunikationskonzerns offenbar ausreichen, um die fristlose Kündigung auszusprechen; Indizien, die auch der Schweizer Sportgerichtsbarkeit als handfeste Basis dienen müßten, um ein Verfahren gegen den mit Schweizer Lizenz fahrenden Radprofi zu eröffnen. Und die auch den Internationalen Radsportverband (UCI) beschäftigen sollten.
Verschärfung des Ethik-Codes
Ullrich aber führt nun als vermeintlichen Unschuldsbeweis seine weiße Kontrollweste ins Feld, und er jammert, er sei kein Mörder, wenn man ihn fragt, warum er entgegen früheren Bekundungen partout keinen hieb- und stichfesten Nachweis in eigener Sache - einen DNA-Test - führen will. Das Argument, das Prozedere sei entwürdigend, weil man damit auch Verbrecher überführen könne, ist lächerlich. Schließlich könnten dann Tausende, die sich solchen Tests freiwillig unterziehen, ebenfalls mit Empörung verweigern: Ich bin ein armer Arbeiter und kein Straftäter. Wer unschuldig ist, läßt ohne viel Getue eben ein paar Haare oder ein paar Tropfen Speichel.
Natürlich kann man sich - wie Ullrich - auf einen formaljuristischen Standpunkt zurückziehen: Beweist doch erst mal meine Schuld. Das zeigt allerdings nur, daß er - sofern nicht gewichtige Gründe dafür sprechen, weiter zu mauern - nicht begriffen hat, was auf dem Spiel steht. Er ist mit seiner Trotzhaltung zum einen dabei, die eigene Reputation, sein Image in der Öffentlichkeit als großer Sportler zu zerstören. Zum anderen geht es um die Zukunft des Radsports. Das setzt neben hundert Prozent Transparenz auch einen offensiven, glaubwürdigen Umgang der Protagonisten mit einem unliebsamen Thema voraus. Inklusive aktiver Beweisführung.
Der Fall Ullrich - die Probe aufs Exempel
Manche Sponsoren und die Teamchefs der 20 ProTour-Mannschaften sind zum Glück schon einen Schritt weiter. Sie haben gerade eine Verschärfung ihres Ethik-Codes beschlossen. Demnach sollen auch Fahrer, die begründet des Dopings verdächtigt werden oder gegen die deshalb gar juristisch ermittelt wird, in Zukunft für maximal vier Jahre nicht mehr für ProTour-Teams fahren. Das müßte dann im Fall des Falles auch für Jan Ullrich gelten. Wobei die Sache einen Haken hat: Diese Vereinbarung ist nur mündlich geschlossen worden. Wieviel den Teams ihre Solidarität tatsächlich wert ist - der Fall Ullrich könnte die Probe aufs Exempel werden. Sofern der Radprofi nicht doch noch von alleine die Kurve bekommt.
Text: F.A.Z., 26.07.2006, Nr. 171 / Seite 27
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