17. August 2008 Noch nie zuvor hat ein Sprinter bei einem Wettkampf unter regulären Bedingungen die 100 Meter in weniger als 9,7 Sekunden zurückgelegt. Und noch nie zuvor war es nach einem Sprint-Finale bei Olympischen Spielen auf einer Medientribüne so still wie am späten Samstagabend in Peking. Ungläubiger Schrecken spiegelte sich in den Mienen vieler Fachleute. Es mag ein historischer Moment gewesen sein, als der Jamaikaner Usain Bolt mit einem offenen Schuh ins Ziel getänzelt kam, nach allen Seiten grüßend und vor dem Zielstrich abbremsend, so als gälte es, die Welt mit seiner vollen Leistungsfähigkeit nicht restlos in Angst und Schrecken zu versetzen. Wofür dieser Moment steht, wird sich erst noch zeigen. Vielleicht für eine neue Dimension des Sprints. Vielleicht für den Startschuss der erstaunlichen Erfolgsserie eines infantilen Laufgenies. Und vielleicht für die neue Schamlosigkeit im Hochleistungssport.
Noch vor kurzem hätte man der von vielen Dopingskandalen misstrauisch gewordenen Welt einen solchen Pervers-Lauf wahrscheinlich nicht zugemutet. Der Sprint, einst die Krone der Leichtathletik, galt eine Zeitlang für viele nur noch als ein abartiges Testosteron-Festival, die Teilnehmer als aufgeblasene Pillenschlucker. Doch bei diesen Spielen scheinen die Hemmungen vor der nackten Superleistung gefallen zu sein.
Wer nicht erwischt wird, ist noch lange nicht sauber
Bolts Super-Triumph steht dafür ebenso wie die ungeheuerlichen 25 Weltrekorde im Schwimmen. Zumal sich die Frage stellt, wie schnell der Jamaikaner wohl gelaufen wäre mit einem perfekten Start und vollem Tempo bis zum Schluss. Vielleicht wird er diesen Spielraum nun scheibchenweise bei Sportfesten zu Geld machen. Und alle Welt wird sich an seinem Wunderkörper delektieren.
Dabei weiß jeder aufmerksame Beobachter: Nur ein einziges Argument spricht dagegen, dass diese übermenschliche Leistung ohne pharmazeutische Nachhilfe zustande kam, nämlich die Tatsache, dass es keinen positiven Dopingtest von Bolt gibt. Doch wer nicht erwischt wird, ist noch lange nicht sauber. Es gibt nach wie vor viele Wege, das Testsystem zu unterlaufen. Was man braucht, sind Geld und Knowhow. Allerdings bleiben noch acht Jahre Hoffnung. So lange werden die Dopingproben von Peking konserviert, um sie später nach neueren Erkenntnissen der Analytik noch einmal untersuchen zu können. Hoffnung? Es scheint, als erlebe die ganze Branche gerade einen massiven Rückfall in die Zeiten des großen Schweigens. Selbst der Schwede Arne Ljungqvist hat vor wenigen Tagen den Anti-Doping-Kampf als erfolgreich hingestellt. Man sei den Betrügern dicht auf den Fersen, sagte er. Doch Usain Bolt holt so schnell wohl niemand ein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP