SPD nominiert Schwan

Schritt für Schritt in die Arme der Linkspartei

Von Berthold Kohler

27. Mai 2008 Was macht eigentlich Andrea Ypsilanti? Die „gefühlte“ Wahlsiegerin von Hessen hatte zur Kür der neuen Herzdame der SPD vor allem zu sagen, dass Frauen es immer schwerer als Männer hätten, sich durchzusetzen. Die arme Frau Ypsilanti. In ihrem Fall war nur eine Frau Manns genug gewesen, den kurzen Marsch der hessischen SPD-Vorsitzenden in die Arme der Linkspartei aufzuhalten.

Da hatte es Frau Schwan wirklich leichter. Sie musste, von Frau Nahles und anderen wieder in Erinnerung gebracht, nur halblaut ja sagen, schon lag ihr die SPD zu Füßen. Einstimmig nominierten Präsidium und Vorstand, Männer wie Frauen, am Montag die Politikwissenschaftlerin als Gegenkandidatin zum Bundespräsidenten Köhler, dem die Parteioberen noch vor nicht allzu langer Zeit auch wegen seiner Popularität eine zweite Amtszeit gönnen wollten.

Die Innenpolitik ist also konsensfähig?

Doch der SPD-Vorsitzende Beck ließ auch diese Angelegenheit so lange schleifen, bis sie seine Partei, insbesondere der linke Flügel, für ihn entschied. Vielleicht glaubt wenigstens Beck selbst seinen Versicherungen, das ganz zufällige Zustandekommen eines Wahlbündnisses mit der Linkspartei in der Bundesversammlung habe keine Bedeutung für die Zukunft der SPD. Die Linken in seiner Partei sind da gedanklich schon viel weiter. Sie nutzten geschickt das brennende Bedürfnis der SPD, wieder in die Offensive zu kommen, um die Annäherung an die Linkspartei voranzutreiben.

Am Ende stimmte sogar Außenminister Steinmeier einer für die Linkspartei wählbaren und ausdrücklich um deren Stimmen werbenden Kandidatin zu – obwohl auch er beteuert, eine Zusammenarbeit mit der Nachfolgerin von PDS und SED sei wegen deren außenpolitischen Vorstellungen ausgeschlossen. Die Innenpolitik ist also konsensfähig?

Es klang fast nach einer SPD-Satire, als Frau Schwan ankündigte, sie wolle der Politikverdrossenheit durch Vertrauensbildung entgegenwirken. Die Partei überlässt ihr dafür reichlich Material. Doch ihre Koalitionsoptionen beschneidet die SPD mit dieser Kampfkandidatur. Die FDP, die Köhler als den eigenen Mann betrachtet, macht sie sich dadurch nicht geneigter. Das Verhältnis zur Union ist nunmehr vollständig zerrüttet. Da bleibt nach der nächsten Bundestagswahl (wie in Hessen) nur der Ausweg, den die SPD angeblich nie und nimmer nehmen will, obwohl ihn einige ihrer Kader schon Schritt für Schritt vorbereiten.



Text: F.A.Z.

Union kritisiert Nominierung Schwans

Ein beachtlicher Preis für die große Koalition

In der CDU ist nach der Nominierung Gesine Schwans als Gegenkandidatin Horst Köhlers die Empörung groß - Konsequenzen für das Regierungsbündnis wollen aber die allermeisten nicht daraus ziehen. Von Wulf Schmiese

SPD nominiert Gesine Schwan

Der Anruf erreichte sie in Mexiko

Lange Zeit sah es so aus, als würden Kurt Beck und die SPD eine zweite Amtszeit Horst Köhlers unterstützen. Dann kamen die Dinge mal wieder anders. Die Selbstachtung der SPD gebiete es, mit einem eigenen Kandidaten anzutreten, hieß es zunächst. Und schnell war wieder Gesine Schwan im Gespräch. Von Günter Bannas, Berlin

Bundespräsidentenwahl

Gesine Schwan tritt an

Der SPD-Vorstand hat die Politik-Professorin Gesine Schwan einstimmig für die Wahl zur Bundespräsidentin aufgestellt. „Ich wäre nicht angetreten, wenn ich nicht eine realistische Chance sähe“, sagte Schwan zu ihren Aussichten in der Bundesversammlung in einem Jahr.

Gesine Schwan

„Ich tue es mit Lust“

Seit Monaten hat sie in internen Gesprächen ihre Bereitschaft zur Kandidatur erklärt. „Vertrauen zu schaffen“, hatte Gesine Schwan 2004 als ihr Leitmotiv angegeben. Nun sagt sie: „Wer mich wählt, hat sich für Demokratie entschieden“- und wirbt ausdrücklich auch um die Stimmen der Linkspartei. Von Günter Bannas

Bundespräsidentenwahl

Merkel kritisiert Schwan-Nominierung

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Nominierung von Gesine Schwan bedauert. Die SPD begebe sich damit in die Hände der Linken. Dies sei nach ihrer Auffassung nicht erfolgversprechend.

Bundespräsidentenwahl

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Die Grünen legen sich für die Bundesversammlung noch nicht fest. Claudia Roth will damit bis zum Herbst warten, bezeichnet Gesine Schwan aber gleichzeitig als „hoch respektabel“ und Horst Köhler als nicht wählbar. Scheinbar ist sie die einzige in der Grünen-Führung, die das so deutlich artikuliert. Von Stephan Löwenstein, Berlin

Bundespräsidentenwahl

SPD nominiert Gesine Schwan - „kein Wahlkampf gegen Köhler“

Nun ist es offiziell: Vorstand und Präsidium der SPD haben sich einstimmig für Gesine Schwan als Präsidentschaftskandidatin ausgesprochen. Die CDU wirft Beck „Führungsversagen“ und „Verzweiflung“ vor und auch die Kanzlerin bedauert die Nominierung.

Bundespräsidentenwahl

Die SPD liefert sich aus

Eine Gegenkandidatur seitens der SPD wäre das erste Rütteln einer innenpolitischen Bewegung, die das Zeug hat, zur Lawine zu werden. Denn für Gesine Schwan bleibt einzig die Hoffnung auf die Grünen und die Linkspartei. Von Georg Paul Hefty

Sachbuch: „Allein ist nicht genug“

Was denkt Gesine Schwan?

Ganz Deutschland diskutiert über Gesine Schwan. Wer die derzeit meistbesprochene Frau des Landes kennenlernen will, lese ihr Buch „Allein ist nicht genug“. Ein gesellschaftlicher Entwurf, eine philosophische Streitschrift über das gute Leben. Von Christian Geyer

Bundespräsidentenwahl

Clement rät von Schwans Kandidatur ab

Der Streit um das Amt des Bundespräsidenten belastet die Koalition immer stärker. Kanzlerin Merkel bezeichnete die Zusammenarbeit als stellenweise „sehr schwierig“. Indes warnte der frühere Wirtschaftsminister Clement (SPD) seine Partei vor einer Kandidatur Gesine Schwans.

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Der Roman, in dem wir leben

Frau Nahles und Kurt Beck mögen glauben, dass eine Kandidatur von Gesine Schwan ein Selbstläufer sei. Doch würde sich die Kandidatin mit den Stimmen der Linkspartei wählen lassen, würde das Verhältnis von SPD und Sozialismus am Ende in einer für Becks SPD unerfreulichen Weise geklärt werden. Von Frank Schirrmacher