24. August 2009 Peking. In Milan Kunderas Roman Der Scherz wird der Student Ludvik Jahn unfreiwillig zum Feind der Kommunisten, weil er eine scherzhafte Bemerkung auf eine Postkarte kritzelt. Das klingt altmodisch. Wahrscheinlich hätte der Student Ludvik heute eine E-Mail verschickt oder einen Kommentar auf Facebook hinterlassen.
Vielleicht hätte er auch einen Sinn für Nostalgie und würde einen Brief schreiben. Wie dem auch sei, das Medium ist jedenfalls nicht die Botschaft, sondern nur ihr Überbringer. Das zeigt auch eine Begebenheit aus dem modernen China. Sie klingt wie eine dieser Triumphgeschichten über die Macht der neuen Medien und des sogenannten Web 2.0. Aber am Ende kommt dann doch die gute alte Post wieder ins Spiel.
Autopsie in Auftrag gegeben
Am Nachmittag des 15. Juli betreten fünf Polizisten die Geschäftsräume einer Firma in Fuzhou, der Hauptstadt der südchinesischen Provinz Fujian. Sie gehören zum städtischen Verwaltungsdistrikt Mawei, und sie kommen, um den Blogger Guo Baofeng mitzunehmen. Sie konfiszieren seinen Computer und nehmen ihm sein Mobiltelefon weg. Dann bringen sie ihn in die Mawei-Polizeistation. Was hat Guo Baofeng, auch bekannt unter seinem Internet-Pseudonym amoiist, getan? Seit einiger Zeit hatte es in Fujian Gerüchte gegeben über einen Fall behördlicher Vertuschung eines üblen Verbrechens.
Schon am 11. Februar dieses Jahres war Yan Xialong, eine junge Frau, in einem Krankenhaus der Provinz an Blutungen im Unterleib gestorben. Die Krankenschwestern sprachen mit dem Vater. Sie sagten: Deine Tochter wurde vergewaltigt. Nicht nur einmal, gleich mehrfach, von fünf oder sechs Männern. Doch die Behörden erkennen den ersten Befund nicht an: Es habe keinerlei Anwendung von Gewalt gegeben. Sie ändern ihr Urteil auch nicht, als die Mutter eine Autopsie in Auftrag gibt und dafür 5000 Yuan, gut 500 Euro, auf den Tisch blättert. Die Blutungen werden danach offiziell mit einer missglückten Schwangerschaft der jungen Frau begründet.
Manche vermuten, dass die beschuldigten Männer mit den Behörden gute Beziehungen pflegen. Der Vorfall erregt die Internetgemeinde. Die ist noch aufgeputscht von der Geschichte der Kellnerin Deng Yujiao, die einen örtlichen Kader, der sich ihr gegen ihren Willen sexuell näherte, mit einem Obstmesser erstochen hatte. Ein Gericht klagte sie wegen Mordes an, doch viele vermuteten Notwehr. Die nationale Aufregung, die der Fall im Internet auslöste, führte schließlich zu ihrer Freilassung.
Aus Sicht der Internetfreunde (wangyou) war es ein Sieg, den sie gerne wiederholen wollten. Yan Xialong, noch unglücklicher als Deng Yujiao . . ., schreiben sie in die Foren, als die Kunde von der mutmaßlichen Vergewaltigung die Runde macht. Auch Guo Baofeng, der Blogger amoiist, beteiligt sich. Er bekommt ein Video zugespielt, in dem die Mutter der Toten weinend und im breiten Dialekt der Region die Vertuschung des Mordes an ihrer Tochter beklagt.
Der Polizist gegenüber von mir schlief ein
Die Behörden wollen eine Internetkampagne wie im Fall Deng Yujiao verhindern. Schon seit einiger Zeit bemüht sich die chinesische Führung verstärkt darum, das Internet unter Kontrolle zu bekommen. Sie sieht eine Krise der öffentlichen Meinung aufziehen, weil sie im Netz immer seltener die Richtung vorgibt. Sie verschärft die Überwachung und die Internetzensur. Nachdem Guo Baofeng das Filmmaterial auf eine ausländische Website geladen hatte, werden er und fünf andere Blogger festgenommen.
Als echter Internetfreak berichtet amoiist später auf seinem Weblog, was dann geschah: Als die Polizisten in Mawei angekommen waren und mit der Befragung begonnen hatten, legt einer von ihnen das Mobiltelefon zwischen sich und Guo Baofeng auf den Tisch. Dort bleibt es zunächst mehrere Stunden in Reichweite seines Besitzers liegen. Irgendwann ist für Guo Baofeng der richtige Moment gekommen, sich unbemerkt das Telefon zu fingern: Es war etwa fünf Uhr morgens am 16. Juli, die Polizisten hatten mich mehrere Stunden lang befragt und waren sehr müde. Der Polizist gegenüber von mir schlief ein, und der andere, der hinter mir saß, war so in sein Computerspiel vertieft, dass er mir keine Aufmerksamkeit schenken konnte, berichtet Guo Baofeng.
Sie sammelt keine Freunde auf Facebook
Der junge Mann nutzt die Gelegenheit, tippt hastig einen Notruf in sein Telefon und schickt ihn über Twitter hinaus in die Welt. Twitter ist ein Dienst für Kurzmitteilungen im Internet, der jedem Benutzer nur 140 Zeichen zur Verfügung stellt. Für einen Notruf ist das mehr als genug. Ich bin von Mawei-Polizisten verhaftet worden, SOS, schreibt Guo Baofeng. Und dann noch: Bitte helft mir, ich habe mir das Telefon genommen, als die Polizei schlief. Es sind die einzigen Nachrichten, die er senden kann, dann wird ihm das Telefon wieder weggenommen.
Danach bleibt Guo Baofeng zwei Wochen lang stumm. Freunde und Blogger sind besorgt, sie wollen Guo helfen. Aber wie? Die chinesische Polizei hat keinen Twitter-Account, und sie sammelt keine Freunde auf Facebook. Aber eine Postadresse hat sie.
Chinesische Post arbeitet immer noch reibungslos
Ein südchinesischer Blogger ruft die Aktion Eine Person, eine Postkarte ins Leben. Hunderte Karten flattern der Polizei in Mawei ins Haus. Guo Baofeng, Deine Mama möchte, dass Du zum Essen nach Hause kommst, steht darauf. Mit der Formulierung fordern die Absender auf subtile Art die Freilassung des Bloggers. Es ist eine Anlehnung an ein im chinesischen Internet derzeit populäres Sprüchlein.
Seither haben sie die Aktion auch auf andere Inhaftierte ausgeweitet. Es werden Hunderte Karten verfasst, an den kürzlich festgenommenen Rechtsanwalt Xu Zhiyong, den für dreieinhalb Jahre inhaftierten Bürgerrechtler Hu Jia oder die gerade vor Gericht gebrachten Erdbeben-Aktivisten Huang Qi und Tan Zuoren; kurzum an jeden, der in Haft gelandet ist, weil er seine Meinung gesagt und für die Wahrheit gekämpft hat. Zum Beweis machen die Verfasser Fotos der ausgefüllten Postkarten und veröffentlichen sie im Internet: Komm nach Hause, Deine Mutter wartet mit dem Essen.
Nach 16 Tagen wurde Guo Baofeng aus der Haft entlassen. Er glaubt, dass die Polizei dem öffentlichen Druck nachgegeben hat. In seinem Weblog schreibt er später, dass Twitter ihn aus den Händen der Polizei gerettet habe. Aber ohne die haufenweise verschickten Postkarten säße er wohl immer noch im Gefängnis - auch wenn ihn keine davon persönlich erreicht hat. Und während Twitter in China von den Zensoren blockiert wird, arbeitet die chinesische Post immer noch reibungslos.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, REUTERS