08. September 2009 Chad Ochocinco hat keine Lust mehr. Ich danke und liebe Euch alle, weil Ihr mir gefolgt seid. Ich hoffe, es hat Euch Spaß gemacht, mein wahres Ich kennen zu lernen. Esteban ist raus, steht in Ochocincos letztem Twitter-Eintrag vom Samstag abend, 9.13 Uhr. Und, zwei Minuten zuvor: Wegen der vielen Regeln, die die NFL aufgestellt hat, ist es schwierig für mich, noch Spaß an Twitter zu haben. Ich werde meinen Account löschen.
Die Ankündigung des American-Football-Profis Ochocinco, der sich in seinen Einträgen häufig Esteban nennt, ist ein neues Kapitel in der noch kurzen, aber an kuriosen Anekdoten schon jetzt nicht armen Liaison zwischen dem Twitter-Netzwerk und den Sportlern, die es nutzen.
Abneigung gegen Dopingkontrolleure
So lässt Radprofi Lance Armstrong die Welt regelmäßig in 140 Zeichen an seiner Abneigung gegen Dopingkontrolleure teilhaben. Weil Armstrong eine durchaus selektive Interviewpolitik betreibt, bei der ihm gegenüber kritische Journalisten häufig ohne Gespräch bleiben, ist dem siebenmaligen Tour-de-France-Sieger eine an seinen Kurzbeiträgen interessierte Gefolgschaft gewiss. Am vergangenen Freitag, nach Dopingvorwürfen eines dänischen Wissenschaftlers, fragte sich Armstrong, wie ssdd wohl ins Dänische zu übersetzen sei. Zur Erklärung: Das Akronym steht für same shit, different day.
Doch Ochocincos Twitter-Rückzug ist weit kurioser - und bietet ein viel höheres Unterhaltungspotential. Es ist das vorläufige Ende eines Streits zwischen dem Wide Receiver der Cincinatti Bengals und seiner Liga, der National Football League (NFL), der wichtigsten Football-Liga der Welt. Es ist die Kapitulation des Spielers vor einer Vorschrift, die als Lex Ochocinco ins Regelwerk eingehen könnte: das Verbot, kurz vor, während oder nach Spielen zu twittern.
Twittern im Spiel
Denn die NFL reagierte erst, nachdem Ochocinco angekündigt hatte, eben das zu tun: Twittern im Spiel. Genauer gesagt: Aus der Endzone, dem Teil des Spielfelds, auf dem die Touchdowns erzielt werden. Die Vorstellung, ein Spieler könnte dort das Handy zücken, und den vergangenen Spielzug, überbordende Gefühle oder Grüße an die Daheimgebliebenen auf Twitter zu verewigen, fanden die NFL-Verantwortlichen offenbar wenig erbaulich. Das Verbot kam prompt.
Doch so schnell wollte der in Miami, Florida, geborene Spieler, der früher Johnson hieß und seinen neuen Nachnamen im vergangenen Jahr angenommen hatte (er trägt die Rückennummer 85, auf spanisch ochocinco), nicht klein beigeben. Er kündigte auf der Videoplattform UStream an, wöchentlich einen der ihm auf Twitter folgenden Fans auswählen zu wollen, diesen zum Spiel zu fliegen und auf der Tribüne sitzen zu lassen. Dort solle der Fan auf Ochocincos Handzeichen auf dem Spielfeld achten - sie sollten die Anweisung für einen neuen Eintrag bei Twitter sein.
Die Liga will wirtschaftliche Interessen schützen
Verboten, antwortete die NFL abermals. Kein Spieler, kein Spielerreporter, und auch kein übertragender Fernseh- oder Radiosender dürfe über soziale Netzwerke von den Spielen berichten. Neben der steten Angst, das Spiel könnte der Lächerlichkeit preisgegeben werden, will die Liga so wirtschaftliche Interessen schützen. Schließlich haben die übertragenden Fernsehsender viel Geld für dieses Recht ausgegeben - die Funktionäre fürchten, Fernsehzuschauer an soziale Netzwerke zu verlieren, wenn dort jeder Spielzug per Kurzeintrag zu verfolgen ist.
Doch auch das Verbot des Gebärdentwitterns ließ Ochocinco zunächst nicht seinen Humor verlieren. Dann eben Plan B, kündigte er an - selbstverständlich via Twitter. Und weiter: Meine Mariachi-Band ist sowieso besser. Die reisen mit mir, das wird großartig. Ob dieser Plan, nämlich eine mexikanische Trompetenband mit dem Namen The Estebanos, von Spiel zu Spiel fliegen und von seinen Taten künden zu lassen, noch steht, ob er je ernst gemeint war, ist nach Ochocincos nun verkündetem Twitter-Boykott unklar. Irgendwann zwischen der musikalischen Ankündigung und der Rückzugsannonce vom Samstag muss dem Footballspieler jedenfalls die Lust am Streit mit seiner Liga vergangen sein.
Achtung. Wichtig. Twitter-Warnung.
Dass die wachsende Twitter- und Facebook-Gemeinden unter den Profisportlern den Vereinen und Verbänden allerdings zunehmendes Kopfzerbrechen bereiten, steht fest. Vor Beginn der US Open der Tennisspieler in New York vor acht Tagen, hatte der Veranstalter Hinweisschilder in Umkleidekabinen, in der Spieler-Lounge und im Schiedsrichterbüro anbringen lassen. Die Aufschrift: Achtung. Wichtig. Twitter-Warnung.

Keine Lust, sich das Twittern in der Freizeit verbieten zu lassen: Andy Roddick zu den Regeln der US-Open-Veranstalter
Hintergrund sind Befürchtungen der Veranstalter, Kriminelle könnten sich Twittereinträge von Spielern und Schiedsrichtern zu Nutze machen, um Wetten zu manipulieren. Daher sind Einträge vom Tennisplatz verboten. Zudem sollen Twitter-User unter den Profis vorsichtig mit Einträgen in ihrer Freizeit sein.
Lahme Regeln
Eine Aufforderung, die bei manchem nicht gut ankam. Andy Roddick, Wimbledon-Finalist und als ein Mitfavorit in New York ins Turnier gegangen, nannte die Regeln noch vor dem ersten Ballwechsel lahm. Er twitterte: Ich habe kein Problem mit der Regel während eines Spiels. Allerdings weiß ich nicht, ob uns vorgeschrieben werden kann, was wir in unserer Freizeit machen. Außerdem: Es wäre doch wohl idiotisch, Insider-Informationen per Twitter zu versenden.
Dann allerdings konzentrierte sich der Texaner auf sein Tennis-Spiel. Wenig erfolgreich: In der dritten Runde verlor er überraschend in fünf Sätzen gegen Landsmann John Isner. Auf Roddicks Account allerdings ist davon noch nichts zu lesen.
Nachtrag: Chad Ochocinco hat seinen Twitter-Boykott nach sechs Tagen abgebrochen. Mit den Worten Storm coming und 14 Ausrufezeichen kehrte er am Freitag nachmittag in die Welt der persönlichen Kurzbeiträge zurück. Und schon im zweiten Posting nahm der Football-Profi die Fehde mit der NFL wieder auf: Meine Oma und meine Mam sagen immer, ich sei ein kleiner Engel gewesen. Ob sich das ändert, wenn ich der NFL dieses Jahr das Leben zur Hölle gemacht habe? Wartet's ab.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, twitter.com