Twitter-Wahn

One-Million-Follower-Baby Kutcher

Von Marco Dettweiler

Ashton Kutcher hat auch einen ganz schön langen Mittelfinger

Ashton Kutcher hat auch einen ganz schön langen Mittelfinger

17. April 2009 „Wie viele Freunde hast du?“ ist eine beliebte Frage bei Nutzern des sozialen Netzwerkes wer-kennt-wen.de. Es ist ein Sport geworden, Freunde zu sammeln - unabhängig davon, ob man ein nachhaltiges Interesse an ihnen hat oder eine eingeschlafene Beziehung wieder aufwecken will. Verfolgt man in dem Netzwerk wirklich soziale Ziele, wird man mit den Sammlern nicht konkurrieren können. Wer will schon mehrere hundert Freunde haben? Ein Account in einem sozialen Netzwerk verändert schließlich die Eigenschaften von Menschen nicht, sondern fixiert sie nur in formalisierten Webeinträgen.

Der Sammlerwahn beschränkt sich nicht nur auf wer-kennt-wen.de. Auch bei Twitter breitet sich der Virus aus, mit möglichst vielen Followern protzen zu wollen. Analog zum Wer-kennt-alle-Netzwerk heißt es hier häufig im analogen Umfeld: „Wie viele Follower hast du?“ Es gibt mittlerweile „Follow-him!“-Aufrufe von bekannten Twitterern, die versuchen einen Teil ihrer Verfolger anderen zu vererben. Aktuelles Beispiel: „Neu neu neu: Casual Followfriday - aus meinen Replies der nächsten zehn Minuten wähle ich zufällig zehn Followempfehlungen aus“. Und anscheinend funktioniert es sogar. Selbst wenn man selbst dazu aufruft.

„Victory is ours!!!!!!!!“

Always online

Always online

Prominentes Beispiel für dieses Macho-Gehabe ist die Twitter-Wette zwischen Schauspieler Ashton Kutcher und dem amerikanischen Fernsehsender CNN. Demi Moores Ehemann hatte CNN herausgefordert. Er würde schneller eine Million Follower haben als CNN. Kutcher erreichte die Zielmarke etwa eine halbe Stunde vor dem Konkurrenz-Twitter - mit einem Vorsprung von 1761 Followern. Seinen Sieg verkündet er als Tweet: „Victory is ours!!!!!!!!“. Der nächste Tweet, „YOU GUYS are AMAZING“, verweist auf ein Video, indem Kutcher mit Frau und Freunden zu sehen ist, wie sie den millionsten Follower herbeiwünschen, um die Wette schließlich zu gewinnen.

Demi Moore hält sich dabei ungewohnter Weise im Hintergrund - mit einem Schoßhündchen in ihren Armen. Kutcher schreit fortwährend in die Kamera und feuert die Twitter-Gemeinde an. Mit Schreien, Sekt und einem Scheck über 100.000 Dollar an eine Malaria-Stiftung krönt Kutcher seinen Sieg. Es folgt eine Rede, in der er unter anderem von einem Schlag gegen die etablierten Medien spricht, weil ein Schauspieler schneller eine Million Follower sammeln könne als ein amerikanischer Nachrichtengigant.

Demi Moore macht das schon besser

Im Internet werden altbewährte Begriffe wie „Freund“ durch neue Ausdrücke wie „Follower“ ersetzt und sollen zugleich die gleiche Bedeutung haben. In den gern kritisierten Medien nennt man die Follower immer noch Leser und als Autor ist man manchmal froh, dass einem nicht Millionen Leser folgen, weil man weiß, mit welchen Inhalten und Methoden man sie sich fängt und was der Preis ist. Ashton Kutcher hat auf jeden Fall momentan vermutlich mehr Follower als Zuschauer. Denn seine letzten Filme waren keine Publikumserfolge.

Seine Frau Demi Moore macht das schon besser. Sie hat bei Twitter mit zirka 550.000 Followern zwar gerade mal halb so viele Freunde wie ihr Mann. Dafür zieht sie Millionen Zuschauer in die Kinos - Filmfreunde eben.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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