Von Stefan Herber
18. Juni 2009 Das Radio ist tot, der Podcast lebt. So ähnlich könnte es in den kommenden Jahren durch das Internet tönen. Wo das Radio seine Schwächen hat, überzeugen die Radiosendungen auf Abruf. Die Sorge, die Lieblingssendung zu verpassen, ohne Aussicht auf eine Wiederholung, nervige Werbepausen oder störende Jingles im Fünf-Minutentakt sind beim Podcast kein Thema. Der Nutzer lädt sich einfach eine Sendung aus dem Internet herunter, spielt sie auf seinen MP3-Player, nimmt sie überall mit hin, ruft sie so oft und wann immer er möchte ab. Ein weiterer Vorteil: Er kann selektiv hören und das in der Regel kostenlos.
Das Wort Podcast setzt sich aus den Wörtern Broadcast und dem bekannten MP3-Player iPod zusammen. Geboren wurde das auch als Audioblogging bekannte Format im Jahr 2000, als der amerikanische Publizist Tristan Louis erstmals das Konzept vorstellte. Durch den Softwareentwickler Dave Winer wurde 2003 dieses Konzept umgesetzt und erhielt durch Ben Hammersley seinen Namen. Als Pionier dieses Formates gilt der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry mit seinem Podcast „Daily Source Code”. Inzwischen gibt es weltweit über 125.000 Podcast-Angebote.
Meine ganz eigene Spielwiese
In Deutschland sind Podcasts sehr beliebt. Sie haben sich in der Internetgemeinde bereits etabliert. Eine prominente deutsche Podcasterin ist Larissa Vassilian, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Annik Rubens und ihrem Podcast „Schlaflos in München”. Sie selbst bezeichnet ihre Sendung als ihre ganz eigene Spielwiese, bei der es kein Format, keine Themen- oder Längenvorgabe gibt. Die einzige Vorgabe sei für sie der Spaß an der Sache: Das ändert sich natürlich über die Jahre: das können Portraits, Interviews, Kino- und Buchkritiken oder einfach mal Geschimpfe darüber sein, was mir in meinem Alltag begegnet. 'Schlaflos in München' ist ein sehr persönlicher, sehr privater Podcast, in dem ich all die Geschichten unterbringe, die ich in meinem Leben als Journalistin nicht unterbringen kann, so die 33-Jährige.
Zum Podcasting ist Annik Rubens eher durch Zufall gekommen: Ich war im Internet unterwegs und stöberte nach Radiomoderatoren, die ich als Teenager gehört habe. Gefunden habe ich leider keinen, stieß aber auf Adam Curry und der machte eben so etwas, dass sich Podcasting nannte. Ich hörte mir ein paar Sendungen an und nach etwa ein bis zwei Wochen wollte ich wissen, wie das technisch funktioniert. Der Gedanke zu Bloggen, was einem wesentlich geringeren Arbeitsaufwand entspräche, kam ihr trotz ihrer Vergangenheit als Print-Journalistin nie: Ich weiß bis heute nicht warum. Das Bloggen wäre für mich doch viel näherliegend gewesen, aber ich spiele eben gerne mit Technik und mit der Stimme. Vielleicht liegt es daran. Beim Ausprobieren wurde ohne große Intention Schlaflos in München geboren, von dem sie anfangs nicht einmal glaubte, dass ihn jemand hören wird.
Die Faszination, sein eigener Programmchef sein zu können
Wie sich schnell herausstellte, lag Annik Rubens mit dieser Einschätzung falsch. Seit dem Launch von Schlaflos in München im Jahr 2005 konnte das Format Erfolge feiern: Im selben Jahr wurde der Podcast mit dem amerikanischen Podcast Award in der Kategorie Non-English Winner ausgezeichnet. 2006 folgte der Ehrenpreis des Deutschen Podcast-Award und 2008 der European Podcast Award in der Kategorie Personality. Heute erreicht die Sendung regelmäßig über 10.000 Hörer.
Annik Rubens fasziniert, dass man als Hörer sein eigener Programmchef ist: Als Hörer kann ich mir aus der ganzen Welt, in den verschiedensten Sprachen teils professionelle Inhalte von Firmen, teils Inhalte von Privatmenschen zu den unterschiedlichsten Themen zusammensuchen. Ich habe eine unendliche Auswahl an Inhalten. Sie selbst habe regelmäßig zwischen 80 und 90 Podcasts abonniert. Festes Programm sind dabei die Filmkritiken von BBC 5 Live mit Mark Kermode, der Podcast von SWR1 Leute, sowie alte Hasen wie die Couchpotatoes als auch die Chicks on Tour. Mehr darüber wollte sie uns dann aber nicht verraten: ich kriege regelmäßig auf den Deckel, wenn ich die einen erwähne und die anderen nicht, sagt sie scherzhaft.
Die Suche nach interessanten Podcasts
Generell muss man zwischen den bereits erwähnten Audio-Podcasts und Video-Podcasts unterscheiden. Beide Formate können informativer Natur oder schlicht Spaßangebote sein. Während die Audio-Podcasts einer kleinen Radiosendung gleichen, sind Video-Podcasts viel mehr kurze Filmchen oder Beiträge, die man häufig auch bei YouTube findet. Beide Formen von Podcasts lassen sich als Stream oder als Download abrufen, oder können mittels RSS-Feed abonniert werden.
Wo aber findet man interessante Podcasts? Eine gute Übersicht verschiedenster Formate bietet die Seite www.podcast.de. Hier kann man sich durch Rubriken wie Podcast-Charts und Neue Podcasts klicken, aber auch Angebote via Schlagwörter suchen. Besonders beliebt in der Podcast-Gemeinde sind Wissenssendungen wie „Quarks & Co” und „Galileo”, ebenso die Comedy-Formate „Dittsche” und „Switch Reloaded”, jeweils vom WDR und von Pro Sieben. Auch Nachrichten-Sendungen wie die „Tagesschau” oder Zeitschriften wie Men´s Health sind inzwischen als Podcast vertreten. Seit 2006 wendet sich Bundeskanzlerin Angela Merkel wöchentlich in ihrem Video-Podcast zu Wort und berichtet darüber, was die Bundesregierung aktuell bewegt.
Das alles können Podcasts nicht
Wolfgang Schmitz, Hörfunkdirektor des WDR sieht in Podcasts keine Konkurrenz zum Radio: Beim Radio schätzen viele, immer live dabei zu sein. Man schaltet das Radio an und ist Teil einer großen Community, die zur selben Zeit dasselbe Programm hört, man erfährt Aktuelles dann, wenn es passiert, bekommt Warnhinweise zu dem Zeitpunkt, zu dem sie wirklich relevant sind, und kann bei Höreraktionen seine Meinung sagen oder Preise gewinnen - das alles können Podcasts nicht.
Sicher sei allerdings, dass Podcasts bereits heute ein fester Bestandteil unserer Medienlandschaft sind und wohl auch bleiben. Laut Schmitz ermöglichten Podcasts den Hörerinnen und Hörern die Perlen unserer Programme zu hören und das, wann und wo sie es wollen, beim Joggen genauso wie bei der Hausarbeit oder beim Faulenzen am Strand. Aus zahlreichen Rückmeldungen wisse man, das unser Podcast-Angebot für die Nutzer ein toller Service ist, so Wolfgang Schmitz. Demnach sei der Podcast vielmehr ein Begleitmedium des Hörfunks, eine Ergänzung zum eigentlichen Radioprogramm.
Ob das Podcasting nun das Bloggen ablösen wird, lässt sich auf Grundlage der momentanen Situation im Netz schwer einschätzen. Es werden mittlerweile zwar Blogbeiträge durch Podcasts ergänzt. Doch die Produktion eines Podcasts ist nach wie vor aufwendiger als das Verfassen eines Blogbeitrags. Für den Rezipienten sind Podcasts dennoch eine spannende Alternative zu einem reinen Textbeitrag.
Wie starte ich meinen eigenen Podcast?
Unabhängig von den großen Podcasts von Medien und Verlagen, kann jeder seinen eigenen Audio-Podcast produzieren. Für den Anfang braucht es dabei nicht viel: Mikrofon, Computer mit DSL-Zugang, Audio-Software und Webspace auf einem Server, um dort die MP3-Dateien zur Verfügung zu stellen.
Ein Mikrofon für den Rechner lässt sich in jedem Computer- oder Elektrofachgeschäft für wenige Euro kaufen, die meisten Notebooks haben sogar eines integriert. Eine passende Audio-Software zum Aufnehmen und Schneiden der Beiträge lässt sich kostenlos im Internet finden, wie zum Beispiel auf www.podifier.com, www.easypodcast.com oder www.audacity.sourceforge.net.
Wer beabsichtigt, regelmäßig eine Sendung zu produzieren, sollte über eine eigene Homepage nachdenken, um sich und seinen Podcast zu präsentieren. Dabei reicht es, ein Weblog anzulegen, das das Einbinden von MP3-Dateien unterstützt. Besonders beliebt und benutzerfreundlich ist hierbei Wordpress.de, das es dem Nutzer zusätzlich erlaubt, sein eigenes Layout zu gestalten. In jedem Falle ist es wichtig, den Podcast so ins Netz zu stellen, dass er auch gefunden wird. Das geschieht am besten mittels RSS-Feed. Hierzu kann man sich beispielsweise auf www.podhost.de registrieren, seine MP3-Datei hoch laden und eine kurze Beschreibung zur Sendung einfügen. Eine ausführlichere Anleitung der ersten Schritte und worauf beim produzieren von Podcasts zu achten ist, findet man auf „Schlaflos in München”.
Waren irgendwelche Begriffe unklar? Dann schauen Sie doch mal in unser Social-Media-Lexikon.
Bildmaterial: Sebastian Widmann