Internationale Migration

Auswandererregion Lateinamerika

14. Juli 2006 Mauro Camoranesi, der Mann mit dem Zopf, spielte bei der Fußball-Weltmeisterschaft nicht für sein Heimatland Argentinien. Als Nachfahre italienischer Auswanderer erhielt er vor drei Jahren die italienische Staatsbürgerschaft. Ein Einzelfall ist Camoranesi nicht. Wie er haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende Argentinier ihrer Heimat den Rücken gekehrt.

Doch nicht nur im klassischen Einwanderungsland Argentinien, in den meisten Staaten Mittel- und Südamerikas läuft die Geschichte gewissermaßen rückwärts. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die Region das Ziel von Eroberern, Sklaventransporten, Auswandererschiffen und Flüchtlingen. Mittlerweile gilt Lateinamerika einschließlich der Karibik als die Region mit der höchsten Auswanderung weltweit. 25 Millionen Lateinamerikaner, so die Interamerikanische Entwicklungsbank, leben inzwischen außerhalb ihres Heimatlandes.

Politische Flüchtlinge

Kubaner, die vor der kommunistischen Diktatur Castros flohen, bildeten in den sechziger Jahren gleichsam die Vorhut. Ihnen folgten Zehntausende, die sich vor politischer Verfolgung durch die Militärdiktaturen in Chile, Argentinien und Brasilien in Sicherheit brachten. In die Hunderttausende ging die Zahl der Emigranten, die in den achtziger Jahren vor der politischen Gewalt in den zentralamerikanischen Ländern Guatemala, Nicaragua und El Salvador in die Nachbarstaaten Costa Rica, Honduras und Mexiko oder gleich in die Vereinigten Staaten flohen.

Die jüngste Demokratisierung der Region ging für das Gros der Lateinamerikaner indes nicht mit einer Verbesserung ihrer materiellen Lebensbedingungen einher. Auswanderung wurde zum Ventil einer Politik, die mit dem Bevölkerungswachstum und den Anforderungen der Globalisierung nicht Schritt zu halten vermochte.

Mehr als zehn Millionen Mexikaner arbeiten alleine in den Vereinigten Staaten, in Spanien stellen Ecuadorianer mittlerweile die zweitgrößte Einwanderergruppe nach den Marokkanern, mehr als 600.000 Bolivianer suchten ihr Glück in Argentinien und sind mittlerweile mangels Arbeit wieder in das ärmste Land Südamerikas zurückgekehrt.

Milliardenüberweisungen in die Heimat

Doch Lateinamerika ist nicht nur die Region mit der höchsten Auswanderung auf der ganzen Welt. Die Millionen, die nach Norden gegangen sind, überweisen Jahr um Jahr Milliarden nach Süden. Mehr als 53 Milliarden Dollar allein im vergangenen Jahr, Tendenz stark steigend. In einigen kleineren Staaten fließen dank der Überweisungen der Emigranten mittlerweile mehr Devisen ins Land als durch ausländische Direktinvestitionen und öffentliche Entwicklungshilfe zusammen.

Eine neue Entwicklungsstrategie für Lateinamerika ist der private Geldtransfer nicht. Auch ersetzen die Anstrengungen der Millionen Emigranten nicht die Verpflichtungen der Politiker, Armut und soziale Ungleichheit zu verringern. Ein Hoffnungsschimmer sind die „remesas“ dennoch: Die Anzeichen sind unübersehbar, daß sie zum Katalysator der Entwicklung eines Finanzsektors im ländlichen Raum werden, der wiederum die Basis für eine nachhaltige ländliche Entwicklung wäre.



Text: D. D. / Frankfurter Allgemeine Zeitung

 
FAZ.NET Software-Portal

Das Problem. Die Suche. Die Lösung.

Komplizierte Fragestellungen kennt jeder, intelligente Lösungen bietet das Softwareportal auf FAZ.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche