Migration nach Maß (9)

Zehntausende folgen dem Ruf des „keltischen Tigers“

Von Claudia Bröll, London

15. August 2006 „Der letzte Ire, der das Land verläßt, macht das Licht aus.“ Dieser bittere Spruch machte Mitte der achtziger Jahre in Irland die Runde. Die Grüne Insel galt als Armenhaus Europas. Hunderttausende kehrten ihrer Heimat den Rücken. Selbst Wirtschaftsfachleute sahen keine rosige Zukunft. Zwanzig Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Das rasante Wirtschaftswachstum des „keltischen Tigers“ zieht diejenigen, die einst das Land verlassen haben, wieder zurück. Außerdem pilgern seit einigen Jahren Zehntausende ausländische Arbeitsuchende aus aller Welt nach Irland, allen voran die Osteuropäer. Das ist eine vollkommen neue Erfahrung für das kleine nördliche EU-Land.

Irland hat gemeinsam mit Großbritannien und Schweden den Arbeitsmarkt sofort für die neuen EU-Staaten geöffnet. Welche Anziehungskraft dies haben würde, hat die Regierung bei weitem unterschätzt. Auf die Bevölkerung gerechnet ist der Zustrom von osteuropäischen Immigranten in keinem Land so groß wie in Irland. Die Unternehmen sind auf die Zuwanderer angewiesen. Ihnen ist das immer noch kräftige Wirtschaftswachstum zu verdanken. Dennoch stehen viele Iren den ausländischen Mitbürgern nicht mehr so einladend gegenüber wie noch vor einiger Zeit.

Üble Mixtur aus Arbeitslosigkeit und starker Inflation

Die Insel war von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein klassisches Auswanderungsland. Zwei Millionen Menschen verließen infolge einer verheerenden Kartoffelpest 1847 das Land. Eine Million starben. Von diesem Aderlaß hat sich Irland bis heute nicht erholt. Im 20. Jahrhundert sorgte die schlechte wirtschaftliche Verfassung für einen konstanten Exodus. Arbeitslosigkeit, starke Inflation, ein hohes Steuerniveau und überbordende staatliche Verschuldung bildeten eine üble Mixtur. Die Auswanderer versuchten vor allem in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich ihr Glück. Die meisten blieben. Bis heute stellen die Iren in Großbritannien die größte Ausländergemeinde.

In den neunziger Jahren jedoch setzte - unterstützt von Reformen, niedrigen Zinsen und kräftigen Beihilfen der Europäischen Union - ein rasanter Aufholprozeß ein. Die Wirtschaft wuchs im Schnitt um 7 Prozent, die Arbeitslosenquote sank von 17 Prozent im Jahr 1987 auf 4 Prozent im Jahr 2003. Das bedeutet faktisch Vollbeschäftigung. Erzielten die Iren je Kopf gerechnet im Jahr 1987 nur 69 Prozent der durchschnittlichen Wirtschaftsleistung in der EU, waren es 16 Jahre später schon 136 Prozent. Heute hat Irland einen der höchsten Lebensstandards in Europa.

„Irland ist heute vollkommen anders“

Das starke Wachstum geht mit einer kaum zu sättigenden Nachfrage nach Arbeitskräften einher. Seit Mitte der neunziger Jahre wandern daher mehr Menschen nach Irland ein als die Insel wieder verlassen. Zuletzt zählte das Statistikamt 70.000 Einwanderer im Jahr gegenüber nur 16.600 Auswanderern. Das ist die höchste Nettozuwanderung seit Beginn der statistischen Erhebung im Jahr 1987. 4,13 Millionen Menschen leben in Irland, 9 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Von ihnen sind 10 Prozent Ausländer, was im europäischen Vergleich zwar nicht besonders viel, für irische Verhältnisse jedoch erheblich ist. Vor 15 Jahren war der Ausländeranteil statistisch kaum meßbar.

„Irland ist heute vollkommen anders als noch vor wenigen Jahren. Es sind Menschen aus allen Ländern hier versammelt. Wenn man die Straßen in Dublin entlang- läuft, findet man kaum noch einen Einheimischen“, erzählt Izabela Chudzicka. Die Polin kam vor vier Jahren nach Irland. Sie moderiert eine Informationssendung für ihre Landsleute auf Polnisch für den Dubliner Fernsehkanal City Channel. Die polnische Gemeinde ist so groß, daß Zeitungen wie die Kirchenzeitung „Irish Catholic“ Seiten auf Polnisch herausbringen. Die Polen sind jedoch nicht die einzigen. Tausende Chinesen haben sich niedergelassen. Ein Teil Dublins wird im Volksmund „Little Africa“ genannt, weil dort so viele Nigerianer afrikanische Souvenirs und afrikanisches Essen verkaufen.

Hoher Bedarf bei boomender Baubranche

Nach den offiziellen Daten stammt der Großteil der Einwanderer, mehr als jeder dritte, aus Osteuropa. Die Polen bilden mit 17 Prozent die größte Gruppe, es folgen die Litauer mit 9 Prozent. Ein Fünftel der Einwanderer ist irischer Abstammung. Es sind vor allem die Kinder und Kindeskinder der einstigen Auswanderer, die sich in ihre alte Heimat aufmachen. Mit jeweils 7 Prozent machen Immigranten aus den alten EU-Staaten und aus Großbritannien einen eher kleinen Teil der Zuwanderer aus. Typischerweise sind die Immigranten männlich, jung, alleinstehend. Bleiben wollen viele nur so lange, bis sie genug Geld verdient haben, um sich eine Existenz in ihrem Heimatland aufzubauen.

Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, gibt es kaum. In der boomenden Baubranche kann der Bedarf an Arbeitskräften gar nicht gedeckt werden. Auch im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft, in Gaststätten und im Dienstleistungssektor wird händeringend Personal gesucht. Das liegt zum einen daran, daß das Stellenangebot größer ist als die Zahl geeigneter Arbeitskräfte. Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Prosperität sind aber auch viele Iren nicht mehr bereit, jede Arbeit zu verrichten. Einfache Arbeiten überlassen sie den Zuwanderern aus Osteuropa, die im Durchschnitt schlechter ausgebildet sind als die Einheimischen.

Arbeitslosenquote blieb bislang konstant

Auch in Irland besteht die Sorge, daß die Ausländer den Iren Jobs wegnehmen und für einen Verfall des Lohnniveaus sorgen könnten. Bisher zeichnet sich dies nicht ab. Wie die irische Zentralbank in ihrem jüngsten Quartalsbericht festgestellt hat, nahm die Erwerbsbevölkerung im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent zu. In gleicher Weise stieg die Beschäftigtenzahl. Das bedeutet, daß nahezu jeder Neuankömmling einen Job fand. Die Arbeitslosenquote blieb konstant. Auch die Löhne kletterten kräftig weiter. In der Bauwirtschaft und im Handel - zwei Wirtschaftszweigen, die besonders viele Einwanderer beschäftigen - stellten Ökonomen in den fünf Quartalen nach der EU-Erweiterung sogar ein rasanteres Lohnwachstum fest als zuvor.

Irland verfolgt wegen des großen Arbeitskräftebedarfs eine liberale Einwanderungspolitik. Für die Bürger der alten und der neuen EU-Staaten steht der Arbeitsmarkt ohnehin offen. Männer und Frauen außerhalb der EU müssen einen Arbeitgeber finden, der eine Arbeitserlaubnis von zunächst einem Jahr beantragt. Antragsteller mit begehrten Qualifikationen und Hochqualifizierte können ein Arbeitsvisum mit einer Laufzeit von zwei Jahren erhalten. Noch vor einigen Jahren wurde kaum ein Antrag auf eine Arbeitserlaubnis abgelehnt. Jetzt dringt die Regierung jedoch darauf, offene Stellen mit Iren oder EU-Bürgern zu besetzen. Der Zustrom von Geringqualifizierten aus Ländern außerhalb der EU soll abebben.

„Die Leute wissen, daß wir Immigranten brauchen“

In Irland angekommen können Einwanderer kaum auf staatliche Unterstützung hoffen. Sozialleistungen und Kindergeld bekommen nur diejenigen, die länger als zwei Jahre im Land leben. Damit soll ein Sozialleistungstourismus verhindert werden. Die Zurückhaltung des Staates stößt jedoch zunehmend auf Kritik. Organisationen wie das Immigrant Council of Ireland, eine unabhängige Lobbygruppe, werfen der Regierung vor, zuwenig zu unternehmen, um die Einwanderer in die Gesellschaft zu integrieren. „Wenn das Wirtschaftswachstum nachläßt, wird sich das bitter bemerkbar machen“, prognostiziert die Sprecherin des Council, Aoife Collins.

Bisher stünden die Iren den Einwanderern wohlwollender gegenüber als die Einheimischen in vielen anderen Ländern. „Die Leute wissen, daß wir die Immigranten brauchen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten“, sagt Collins. Die Stimmung droht jedoch zu kippen. In einer Umfrage der „Irish Times“ sagten zwei Drittel der Befragten, daß „genug“ oder „zu viele“ Arbeitnehmer in Irland tätig sind, und plädierten für eine restriktivere Einwanderungspolitik.

Wohnungsmieten in Dublin legten deutlich zu

Den Traum vom schnellen Geld können sich die Zuwanderer auch in Irland nicht so leicht erfüllen, wie es die Arbeitsmarktstatistiken glauben machen. Die Kehrseite des enormen Zustroms zeigt sich in der Hauptstadt Dublin, in der die meisten Einwanderer ihr Glück versuchen. Angesichts der hohen Nachfrage nach Wohnraum legten die Mieten in den vergangenen Jahren deutlich zu. Auch die Lebenshaltung schlägt zu Buche.

Nach einer UBS-Studie ist Dublin heute die achtteuerste Stadt der Welt. Da viele Einwanderer das mühsam verdiente Geld nach Hause schicken oder sparen wollen, leben sie unter widrigen Bedingungen. Wohngemeinschaften von Dutzenden Polen auf engstem Raum sind keine Seltenheit. Einige finden gar keine Bleibe. Die Situation ist mittlerweile so ernst, daß man in Dublin überlegt, aus hygienischen Gründen öffentliche Duschen aufzustellen.



Text: F.A.Z., 15.08.2006, Nr. 188 / Seite 10
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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