Chinas Wanderarbeiter

Bald 300 Millionen?

14. Juli 2006 Zu Maos Zeiten wollten die chinesischen Kommunisten eine Landflucht verhindern und erfanden das „Haushalts-Registrierungs-System“, das die chinesische Bevölkerung in Bauern und Städter einteilte. Wer als Bauer geboren wurde, mußte sein Leben lang auf dem Land bleiben.

Und nicht nur wurden die Bauern zur Landwirtschaft verpflichtet, sie mußten damit auch auf viele Privilegien verzichten, die die Städter hatten, Krankenversicherung und eine Rentenversicherung und bezuschußte Wohnungen. Doch seit in den neunziger Jahren das System gelockert wurde, hat in China eine Binnenwanderung ohne Beispiel eingesetzt.

„Bäuerliche Arbeitskräfte“

Nach offiziellen Angaben gab es im Jahr 2005 in der Volksrepublik 120 Millionen „Wanderarbeiter“ oder „bäuerliche Arbeitskräfte“, wie sie auf chinesisch genannt werden, westliche Schätzungen sprechen von mehr als 150 Millionen. Die Landwirtschaft kann die Menschen nicht mehr ernähren, die Einkommen der Bauern sind zu niedrig.

Die Wanderungsbewegung geht von Westen, von den unterentwickelten Inlandsprovinzen, nach Osten in die modernen Küstenstädte. Die Regierung rechnet damit, daß in den nächsten 20 Jahren die Zahl der Wanderarbeiter auf insgesamt 300 Millionen steigen wird.

Die meisten Wanderarbeiter zieht die südchinesische Provinz Guangzhou an, die mit ihren vielen Fertigungsfabriken schon den Namen „Werkhalle der Welt“ verdient hat. Der Durchschnittslohn für einen ungelernten Arbeiter vom Land beträgt dort etwa 80 Euro im Monat, für meist sieben Tage die Woche, plus Schlafstelle und Essen. Etwa ein Viertel aller Wanderarbeiter verdingt sich nach einer Studie der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften im Baugewerbe der großen Metropolen.

Ohne Rente und Krankenversicherung

Obwohl Chinas Wanderarbeiter als billige Arbeitskräfte einen guten Anteil am Wirtschaftswunder erbringen, werden sie erst allmählich in den Städten als neue Bürger akzeptiert. Es gibt für sie noch immer keine Renten und nur selten Krankenversicherungen. Erst seit einem Jahr dürfen Kinder von Wanderarbeitern die öffentlichen Schulen in den Städten besuchen.

Doch die meisten tun es doch nicht, das Schulgeld ist zu teuer. Die Wanderarbeiter gelten in den Städten als Quelle der Unordnung und der Kriminalität. Viele Städter würden sie gern wieder zurückschicken, und auch die Stadtverwaltungen sind nicht glücklich über den Ansturm, der die Infrastruktur der Städte belastet.

Doch man weiß, daß man auf die Arbeitskräfte vom Land angewiesen ist und daß im Zeitalter der Marktwirtschaft die Bewegung der Arbeitskräfte nicht verboten werden kann. Die chinesische Regierung hat dieses Jahr erstmals die Verdienste der Wanderarbeiter in einem Sonderbeschluß anerkannt und gefordert, daß sie fair behandelt werden müssen. Die Forderung nach einer gänzlichen Abschaffung des „Haushalts-Registrierungs-Systems“ hat sie noch nicht erfüllt.



Text: P. K. / Frankfurter Allgemeine Zeitung

 
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