Auswanderungswillige

Flexibel sind wir sowieso

Von Andreas Kilb

29. Dezember 2006 Das Rollbergviertel in Berlin-Neukölln gehört zu den sozialen Brennpunkten der Stadt. Der Ausländeranteil in der Neubausiedlung aus den sechziger und siebziger Jahren beträgt vierzig Prozent, die Arbeitslosenquote ist ebenfalls hoch. Ein Viertel der Bewohner ist jünger als achtzehn Jahre. Das „Abziehen“, jener organisierte Straßenraub unter Jugendlichen, der vor kurzem in Kreuzberg Krawalle mit der Polizei auslöste, gehört auch hier zum Alltag. Vor drei Jahren wurde im Rollbergviertel ein Polizist bei einem Einsatz gegen Drogenhändler erschossen. Inzwischen hat sich die Lage im Viertel beruhigt. Eine Idylle ist das Wohngebiet am Rollberg trotzdem nicht.

Mitten im Viertel, im Gemeindehaus an der Morusstraße, liegen die Räume des Diakonischen Werks Neukölln-Oberspree, einer Einrichtung der evangelischen Kirche. Hier finden Migranten, Hartz-IV-Empfänger, Schwangere und andere Rat und Hilfe. Im Obergeschoß hat Eta Abasow ihren Schreibtisch. „Ich bin eine Art Querulantin in diesem Haus“, sagt sie. Eta Abasow ist Auswanderungsberaterin. Sie führt eines von zweiundzwanzig staatlich geförderten Beratungsbüros für Auswanderungswillige in Deutschland - aber nur noch bis zum Ende des Jahres. Dann laufen die Mittel aus, mit denen das Bundesverwaltungsamt ihre Stelle subventioniert, und Eta Abasow muß in die Migrantenberatung wechseln. Der Abschied von ihrer Tätigkeit fällt ihr schwer: „Man will keine Auswanderung“, glaubt sie, „also wird das Geld für die Beratung gestrichen.“

Die tatsächliche Zahl: bis zu einer Viertelmillion

An den Auswanderungszahlen in Deutschland wird das wenig ändern. Im Jahr 2005 hat Eta Abasow gut eintausend Beratungen erteilt, in diesem Jahr waren es schon 1600. Laut Statistik haben 145.000 Deutsche im vergangenen Jahr die Bundesrepublik verlassen, um im Ausland ein neues Leben zu beginnen. Knapp die Hälfte von ihnen war unter dreißig Jahre alt. Die tatsächliche Zahl, vermuten Experten, könnte bei einer Viertelmillion liegen, da viele Auswanderer sich nicht offiziell abmelden. Eta Abasow, die seit sechs Jahren in der Morusstraße arbeitet, hat miterlebt, wie sich die Zahl der Auswanderungswilligen in dieser Zeit verdoppelte. Die Hemmung, Deutschland zu verlassen, habe deutlich abgenommen: „Es besteht wenig Bindung an das Elend hier.“ Einen Ausspruch hört sie immer wieder: „Ich möchte in diesem Land nicht alt werden.“

Eta Abasow, die vor dreißig Jahren als junge Frau aus Polen zugewandert ist, berät vor allem „schuldlos Arbeitslose“ mit abgeschlossener Ausbildung. Ein Viertel ihrer Kunden ist Akademiker, die Hälfte kommt aus handwerklich-technischen Berufen. Der Rest verteilt sich auf Studenten, Schulabgänger auf Praktika-Suche und arbeitslose Ungelernte. Selbst diese, erzählt die Beraterin, bekämen im nahen Ausland ihre Chance: „Ein unqualifizierter Lagerarbeiter kann in Holland Arbeit finden.“ Ist man älter als vierzig, sei es allerdings grundsätzlich schwer, auf dem fremden Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, und von fünfzig an werde es „ganz schwierig“.

Sie kennt die Gemeinplätze - und die Details

Wer zu Eta Abasow kommt, um sich vorgefaßte Meinungen über Auswanderung widerlegen zu lassen, ist bei ihr an der falschen Adresse. Die Lage ist offenbar genau so, wie man es allenthalben liest; nur kennt Frau Abasow auch die Details. Daß deutsche Ingenieure, Architekten und Informatiker in Irland und in England, Krankenschwestern und Pfleger dagegen besonders in Skandinavien gesucht werden, hat man schon gehört, aber die Auswanderungsberaterin vermittelt auch Automechaniker ins Ausland: „In Schweden steht denen alles offen.“ Skandinavische Personalchefs, erklärt sie, seien „total locker“. Anders als ihre deutschen Kollegen legten sie auf Aussehen und Geburtsdatum der Bewerber wenig Wert: „Die wollen objektiv entscheiden.“ Eta Abasow erzählt von einer Potsdamer Familie, der Vater Kfz-Schlosser, die Mutter Krankenschwester, die im Rahmen des EU-Programms zur Förderung grenzüberschreitender Beschäftigung nach Göteborg auswanderte. Beide fanden sofort Arbeit und ein Haus, ihr Kind geht auf eine schwedische Schule.

Geschichten vom Scheitern in der Fremde kennt Eta Abasow kaum. Sie erwähnt den Fall einer jungen Frau, die in einem spanischen Touristenort ein Café eröffnet hatte. „Sie hat es nicht geschafft. Als sie wiederkam, war sie aus allen Sozialsystemen herausgefallen, ohne Kranken-, ohne Rentenversicherung.“ Am Ende landete die Rückkehrerin unter den Hartz-IV-Beziehern. Das sei immer noch viel mehr, als man in jedem anderen Land erwarten dürfe, sagt Abasow: „Nur in Deutschland fällt man so weich.“

Einst war es Fernweh, heute ist es die Arbeit

Fremdsprachenkenntnisse, vor allem im Englischen, seien natürlich eine entscheidende Vorbedingung für Auswanderer. Nach dem Mauerfall, erinnert sich Eta Abasow, seien viele Ostdeutsche ins Ausland gegangen, aber mangels Sprachvermögen rasch wieder zurückgekehrt. „Inzwischen können alle Englisch. Die sind viel herumgekommen und wollen um jeden Preis arbeiten. ,Flexibel sind wir sowieso', sagen sie.“ Für die ganz Jungen und Flexiblen empfiehlt die Auswanderungsberaterin ein dreimonatiges Visum mit Arbeitsberechtigung in Australien. „Dort kann man sich in Ruhe eine Stelle suchen und dann das Visum verlängern lassen.“ Aber auch für ältere Langzeitarbeitslose gibt es Hoffnung: „Wenn Sie Mut haben, gehen Sie einfach nach Skandinavien und suchen sich einen Job. Gastronomie, Call Center, Möbelpacker, Sie finden immer was. Aber Mut gehört dazu.“

Wer den Mut zum Auswandern hat, wird in Berlin bald nur noch eine einzige Ansprechpartnerin finden. Das ist Christina Busch, die als Auswanderungsberaterin im katholischen Raphaels-Werks in der Stresemannstraße am ehemaligen Anhalter Bahnhof sitzt. Christina Busch berät pro Jahr etwa zweitausend Menschen, unter denen etwa fünf Prozent Auslandsrückkehrer sind. Auch sie stellt fest, daß der Anteil der Arbeitsemigranten seit der Jahrtausendwende stark zugenommen hat: „Der klassische Auswanderer, der vom Fernweh getrieben ist, wird vom Arbeitssuchenden abgelöst.“ Gerade in Berlin sei die wirtschaftliche und gesellschaftliche Misere so drückend, daß sich auch alteingesessene Familien zum Weggehen entschlössen. „Gestern waren zwei junge Männer hier, auf dem Weg nach Irland. Die waren einfach müde, sich andauernd zu bewerben und noch nicht einmal eine Antwort zu bekommen. Sie haben auf die Anzeige eines irischen Bauunternehmens geantwortet, sind zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden und haben sofort einen Arbeitsvertrag bekommen. Die konnten ihr Glück gar nicht fassen.“

Die Rückkehr kann hart und schmerzvoll sein

Unter Architekten, berichtet Christina Busch, gibt es ganze Abschlußjahrgänge, die ins Ausland gehen wollen. Auch viele Bauingenieure und medizinische Fachkräfte ließen sich beraten. „Die meisten wollen ins englischsprachige Ausland, nicht wenige auch nach Übersee, nach Kanada, Australien, in die Vereinigten Staaten. Durch den ,Herrn der Ringe' ist auch Neuseeland dazugekommen. Die Leute sehen den Film und sagen sich: Da will ich leben.“

Ganz so einfach, wie es in den Doku-Soaps im Fernsehen aussieht, ist das Auswandern freilich nicht, vor allem dann, wenn in der Fremde etwas schiefgeht. Nach Unfällen oder beim Ausbruch chronischer Krankheiten drängen viele Arbeitsemigranten ins deutsche Gesundheitssystem zurück, nur um festzustellen, daß sie versäumt haben, mit ihrer früheren Krankenkasse eine Rückkehr-Option zu vereinbaren. Manchmal ist dann die Landung in der alten Heimat hart und schmerzvoll.

Immer wieder Wundergeschichten

Auch Christina Busch kann Wundergeschichten von Dauerarbeitslosen erzählen, die jenseits der Grenze ihr Glück gefunden haben. So hätten sich zwei Familienväter, Anfang Dreißig, beide ungelernt, „aber sehr aktiv“, konsequent auf Stellenangebote in Österreich beworben und tatsächlich dort Arbeit gefunden. „Aber das ist ein seltener Fall.“ Weniger selten sei der Fall der arbeitslosen technischen Zeichnerin, die mit einundfünfzig in Deutschland keine Chance mehr hat, in England aber binnen kurzem eine Anstellung findet. Auch Maurer und Schweißer jenseits der Vierzig, die hier bereits als unvermittelbar gelten, fänden in Dänemark und Schweden ihr Auskommen.

Wenn Christina Busch von ihrer täglichen Arbeit erzählt, spürt man ihr Bedauern über den Verlust an Menschen und Fähigkeiten, den das Land durch die Auswanderung erleidet. Dennoch verwendet sie keine Mühe darauf, die Abschiedswilligen zum Bleiben zu bewegen. „Es ist schade, aber ich kann es niemandem verdenken, daß er diesen Schritt geht.“ Im neuen Jahr, schätzt die Auswanderungsberaterin, wird sie wieder viel zu tun bekommen.



Text: F.A.Z., 29.12.2006, Nr. 302 / Seite 31
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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