Von Christian Schwägerl
23. Oktober 2006 Wer wollte fort von hier? In der Gegend um die Sredzkistraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gibt es fast alles, was das Städterherz begehrt. Cafés reihen sich aneinander, daneben Kinos, Literatursalons, Galerien, Boutiquen, Kreativbüros aller Art. Diese Metropolenmelange hat in Fremdenführern bereits ihren festen Platz, so daß sich die junge, akademisch geprägte, kinderfreudige Einwohnerschaft die Bürgersteige mit Touristen teilt, die auf der Suche nach dem ultimativen Berlin-Gefühl sind.
Doch Bjørn Engeset weiß genau, daß es viele Menschen gibt, die unbedingt wegwollen, ob nun speziell aus Prenzlauer Berg oder aus einer anderen Gegend in Deutschland. Das ist sein Geschäftsmodell. Er ist Personalvermittler für norwegische Unternehmen. Engeset, ein eleganter, glatzköpfiger Mann Ende Dreißig, hat sich vor zwei Monaten in dem Szenebiotop eingerichtet. So stilsicher war er dabei, daß man ihn im Vorbeigehen für einen Kunsthändler halten könnte oder, da Personal-Arena über dem Schaufenster steht, für einen Model-Scout, der unter der hiesigen Jugend nach frischen Gesichtern sucht. Auch für ein skandinavisches Reisebüro wurde sein Laden schon gehalten, und irgendwie stimmt das sogar. Nur Rückfahrscheine gibt es nicht.
Tausend Fjorde im Leuchtkasten
Der schwarze Anzug des Norwegers kontrastiert mit einem weißen Schreibtisch, vor ihm stehen ein Apple-Notebook und eine Gerbera in schlanker Vase. Engeset lockt und vermittelt deutsche Fachkräfte in sein Heimatland, dessen in tausend Fjorden ausgefranste Umrisse dem Passanten aus einem Leuchtkasten entgegenglitzern - als Verheißung für Menschen, die sich im Ausland bessere Chancen ausrechnen als in Deutschland.
Rund 145.000 Deutsche haben allein im vergangenen Jahr das Land verlassen, mehr als je zuvor seit Endes des Krieges. Die Nachricht aus dem Statistischen Bundesamt hat viele schockiert. Erst am Wochenende warnte Ludwig Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, vor einem weiteren Exodus, der zu einem kollektiven Hirnschwund führe, dem vielbeschworenen brain drain. Politiker und Wirtschaftsvertreter zeigen sich besorgt, daß die Mehrzahl der Einwanderer, die nach Deutschland kommen, eher schlecht ausgebildet ist, während die Auswanderer in der Regel bestens qualifiziert sind, als Handwerker, Ingenieure, Ärzte oder Naturwissenschaftler. Die Motive der Auswanderer sind individuell verschieden: Flucht vor Sozialkassenchaos und endlosen Reformen, die diesen Namen kaum verdienen, gibt es ebenso wie den rein privaten Drang, weit weg von daheim ganz neu anzufangen.
Arbeitslose Arbeitsämter
Engeset kann angesichts der Berliner Überschuldung und einer Arbeitslosenquote von knapp zwanzig Prozent nur den Kopf schütteln: Bei uns sind die Arbeitsämter arbeitslos, sagt er. Besonders die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft machen das Land reich und lassen die Nachfrage nach Ingenieuren und Handwerkern aller Art steigen: Unser Problem ist eher, daß wir von ausländischen Fachkräften abhängig sind. An die zehntausend Deutsche seien bereits nach Norwegen ausgewandert. Sie bekommen kostenlose Sprachkurse, das gleiche Gehalt wie Norweger und eine beitragsfreie Krankenversicherung.
Die erste Welle bestand aus Ärzten und Pflegern, die sich von geregelten Arbeitszeiten und guter Bezahlung locken ließen, doch in diesem Sektor ist der Bedarf einstweilen gedeckt. Prozeßingenieur, Chemieingenieur, Instrumenteningenieur, Automatisierungsingenieur: Was in meinem Schaufenster steht, spiegelt die Lage wider. Wir brauchen Ingenieure und noch mal Ingenieure, sagt Engeset. Selbst solche mit Basiskenntnissen soll er seinen Auftraggebern melden. Vorstellungsgespräche finden häufig am Telefon statt, Computerprogrammierer müssen Testaufgaben per E-Mail lösen. Es kann alles sehr schnell gehen, sagt der Anwerber und deutet auf den kleinen Ort Øvre Årdal am Ende des Sognefjords: Da arbeitet jetzt einer, der gerade noch auf diesem Stuhl gesessen hat.
Der Weg in den Norden wird Interessierten in der Sredzkistraße leichtgemacht. Gleich um die Ecke kann man sich in einem Spezialgeschäft mit schwedischer Arbeitskleidung eindecken. Und zur Stärkung für unterwegs bietet sich eine Bäckerei mit dänischen Spezialitäten an. Engeset selbst aber ist froh, in Berlin gelandet zu sein, wo er beinahe allabendlich ins Kulturleben eintaucht. Er schätzt sich glücklich, vom Perspektivengefälle zwischen Deutschland und seiner Heimat gut leben zu können, zumal er auf norwegischem Lohnniveau bezahlt wird. Das Leben in Berlin sei sehr billig im Vergleich zu Oslo. Das vergäßen viele Nordbegeisterte: Die Löhne sind hoch, aber die Lebenshaltungskosten auch.
Text: F.A.Z., 24.10.2006, Nr. 247 / Seite 41
Bildmaterial: CINETEXT