09. November 2009 Jedem drittklassigen Politiker geht der Spruch flott von den Lippen: Die globalisierte Wirtschaft brauche globale Regeln. Aber was ist damit genau gemeint? Welche Bereiche sollten reguliert werden? Was kann der Wettbewerb selbst regeln, wo braucht man staatliche, internationale Eingriffe? Horst Siebert, der langjährige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, hat sehr gründlich über die Frage nach einer geeigneten Ordnung für die Weltwirtschaft nachgedacht. Fast zehn Jahre arbeitete er an dem Buch "Rules for the Global Economy", das nun, nach seinem überraschenden und viel zu frühen Tod im Juni, postum erschienen ist.
Sein letztes Buch ist in gewisser Weise Sieberts institutionenökonomisches Vermächtnis, die Summa eines liberalen Ökonomen, der in der Freiburger Tradition zwischen Eucken und Hayek stand. Er warnt vor dem "orwellschen Traum eines Gesellschaftsplaners, der in technokratischer Manier eine Ordnung konzipiert". Vielmehr ergeben sich die Regeln aus einem Prozess von Versuch und Irrtum, sie sind Produkt eines institutionellen Wettbewerbs. Siebert war Realist. Er schreibt, dass neue Regeln meist erst dann entstehen, wenn eine kleine oder große Katastrophe eingetreten ist, ein Krieg, eine Wirtschaftskrise oder Umweltschäden. Der Fortschritt resultiert aus "pathologischem Lernen".
So bemühte sich die Welt nach den protektionistischen Irrungen der zwanziger und dreißiger Jahre um eine bessere Welthandelsordnung, wie sie mit Gatt und WTO über die Jahre tatsächlich geschaffen wurde. Für Siebert ist dies ein Beispiel für ein weitgehend gelungenes Regelwerk, das allen Beteiligten größeren Nutzen stiftet, als wenn sie in opportunistischer Weise handelten.
Gute Regeln zu finden ist besonders dort schwierig und wichtig, wo marktwirtschaftliches Handeln durch externe Effekte verzerrt ist, also Schäden bei Dritten auftreten, oder wo es um "öffentliche Güter" geht. Welche Möglichkeiten gibt es, grenzüberschreitende negative Einflüsse zu reduzieren, welche Probleme entstehen durch mögliches Trittbrettfahrerverhalten? Von hohem aktuellen Interesse ist das Kapitel über das Weltklima. Auch dieses kann als ein "globales öffentliches Gut" verstanden werden. Siebert hat schon in den siebziger Jahren wichtige Pionierarbeit zur Umweltökonomik geleistet.
Ohne der verbreiteten Klimahysterie zu verfallen, zeigt er nüchtern die Optionen auf, die es für ein internationales Abkommen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes gibt. Wie die meisten Ökonomen plädiert Siebert für ein globales Handelssystem für Emissionszertifikate. Doch wer soll wie viele Zertifikate erhalten? Je nachdem, wie die Zuteilung gewählt wird, ergeben sich gewaltige Umverteilungseffekte und sehr unterschiedliche Anreize und Kosten. Auch zum globalen Finanzsystem, dessen Kollaps Siebert in den Anfängen noch miterlebte, enthält dieses Buch einige kluge Ansätze für ein neues Regelwerk.
PHILIP PLICKERT
Buchtitel: Rules for the Global Economy
Buchautor: Siebert, Horst
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2009, Nr. 260 / Seite 14