Das Tier im Konsumenten

Robert Reich schreibt über den Superkapitalismus

28. Januar 2008 "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust." Dieser Stoßseufzer ist - glaubt man dem amerikanischen Ökonomen Robert Reich - nicht alleine Goethes Faust vorbehalten. In seinem Buch vertritt er die These, dass wir zweigeteilte Wesen sind. In unserer Brust schlagen das Herz eines Konsumenten und das eines Bürgers. Und in unserer globalisierten Gegenwart kann es schon mal zu heftigen Herzrhythmusstörungen kommen.

Dem Konsumenten gefällt sehr gut, was er in der Welt da draußen sieht. Im Supermarkt kann er zwischen gefühlt 300 Sorten Zahnpasta wählen, zu Hause steht ein Computer mit Internetanschluss, und dank des medizinischen Fortschritts kann er sich eines langen Lebens erfreuen. Dem Bürger dagegen graut vor so mancher Entwicklung. "Der Kapitalismus reagiert heute besser auf unsere individuellen Bedürfnisse als Verbraucher, doch die Demokratie reagiert schlechter auf unsere gemeinschaftlichen Bedürfnisse als Bürger", konstatiert Reich. Im Wettstreit der Systeme ging der Kapitalismus zwar zu Recht als Sieger hervor. Die Erfolge des kapitalistischen Systems führten jedoch zu einer wachsenden Ungleichverteilung.

Trotz dieser Diagnose betreibt Reich keine Kapitalismusschelte. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Arbeitsplatzunsicherheit, Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung - all dies sei nicht auf ein Versagen des Kapitalismus zurückzuführen. Manager täten bloß, was sie nach den geltenden Spielregeln tun müssen. "Die Aufgabe des Kapitalismus besteht darin", schreibt Reich, "den Kuchen zu vergrößern." Wie dieser Kuchen aber verteilt wird, sei Sache der Gesellschaft, Aufgabe der Demokratie.

Hier aber liegt der Hund begraben. Denn Reichs These lautet: Der Kapitalismus ist stärker geworden, die Demokratie schwächer. Die Aufgabe der Demokratie sei es, Spielregeln für das Gemeinwohl aufzustellen, So könnte die Politik durchaus Gesetze erlassen zum besseren Schutz der Umwelt oder der Arbeitnehmer, schreibt Reich, der unter Bill Clinton Arbeitsminister war. Das würde den Wachstumskuchen zwar etwas verschlanken und den Verbraucher und Anleger in uns grollen lassen. Als Bürger aber würden wir uns wohler fühlen.

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Der Superkapitalismus
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Kurz zusammengefasst erzählt Reich - flott, unterhaltsam und pointiert - folgende Geschichte: Als in Amerika noch wenige Konzerngiganten das Wirtschaftsgeschehen bestimmten, einigten diese sich mit der Regierung darauf, wie der Wohlstandskuchen verteilt werden solle. Das sorgte für Berechenbarkeit, allerdings um den Preis mangelnder Innovation und eingeschränkter Wahlmöglichkeiten für Anleger und Verbraucher.

Dann aber kamen die siebziger Jahre: Technologien, im Kalten Krieg entwickelt, wurden zivil genutzt. Unternehmen wurden innovativer, internationaler und konkurrierten miteinander. Handelsriesen drückten die Preise, die Kaufkraft der Verbraucher wuchs. Fonds bündelten Kapital und forderten steigende Renditen. Der rauhe Wind des Wettbewerbs begann zu wehen und wehte auch die Lobbyisten nach Washington. "So kam es, dass der Superkapitalismus den demokratischen Kapitalismus verdrängte", schreibt Reich.

Er schreibt über Amerika. Doch Ähnliches ist überall zu beobachten. Auch wir wollen mit billigen Handys telefonieren, sind aber empört, wenn Nokia nach Rumänien umzieht. Wir gehen bei Wal-Mart auf Schnäppchenjagd, trauern aber über den Tante-Emma-Laden, der für immer zusperrt. Reich deckt solche Scheinheiligkeiten auf. Statt populärer Schuldzuweisungen hat er für seine Leser nur eine unbequeme Wahrheit parat: "Wir als Bürger müssen Unternehmen daran hindern, die Spielregeln selbst festzulegen." Und das Konsumenten-Tier in uns zähmen.

HENRIKE ROSSBACH

Buchtitel: Der Superkapitalismus
Buchautor: Reich, Robert

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2008, Nr. 23 / Seite 12

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