24. Februar 2003 Naomi Klein: Über Mauern und Zäune - Berichte von der Globalisierungsfront. Campus Verlag, Frankfurt 2003, 303 Seiten, 17,90 Euro.
Wenn Naomi Klein ein neues Buch vorlegt, so darf man gespannt sein. Schließlich landete die bis dahin unbekannte kanadische Journalistin vor knapp drei Jahren mit ihrem Erstlingswerk "No Logo" einen internationalen Bestseller und gewann als bisher jüngste Autorin in Kanada den originellerweise von Price Waterhouse Coopers und der Bank of Toronto gesponserten "National Business Book Award". Bei einem Wirtschaftsbuch wird in aller Regel eher nach dem Nutzwert als nach dem Unterhaltungswert gefragt. Dementsprechend muß man sich bei ihrem neuen Buch "Über Mauern und Zäune" auch darüber im klaren sein, daß es sich um eine Sammlung von Artikel und Reden handelt, die sie seit 1999 geschrieben und gehalten hat - und nicht etwa um ein zweites "No Logo". Ihre gesellschaftskritische Sicht auf die Schattenseiten der Globalisierung hat die heute 32 Jahre alte Tochter eines Arztes und einer feministischen Filmemacherin dabei mitnichten aufgegeben. Im Gegenteil. Die Erfahrungen, die sie bei den Massenprotesten gegen die Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle, gegen die Weltbank in Washington oder bei den gewaltsamen Demonstrationen von Genua gemacht hat, scheinen sie eher radikalisiert zu haben.
Zweifellos hat Naomi Klein seit dem internationalen Erfolg von "No Logo" der Protestbewegung gegen die Auswirkungen der Globalisierung ein Gesicht gegeben. "Über Mauern und Zäune" ist für all diejenigen interessant zu lesen, die sich für fremde Sichtweisen interessieren: andere Sichtweisen auf die Globalisierung, auf wirtschaftswissenschaftliche Theorien und auf die Menschen, die mit den Auswirkungen der Globalisierung leben. Die Autorin beschreibt ihr neues Buch als das "Protokoll eines Lernprozesses", mit dem sie Menschen, die "keine studierten Wirtschaftswissenschaftler, internationale Handelsjuristen oder Patentexperten sind", ermutigen will, an der "Debatte über die Zukunft der Weltwirtschaft" teilzunehmen.
Im Gegensatz zu anderen Autoren, die sich der Globalisierungsdebatte angenommen haben, wie auch Bundesumweltminister Jürgen Trittin mit seinem Buch "Welt Um Welt", hat Naomi Klein eine nicht gerade optimistische Sicht der Dinge. Die Schattenseiten sind es eben, die bei ihr im Vordergrund stehen. Klein prangert an, daß in Sambia auf Anraten der Weltbank eine "Nutzungsgebühr" für den Schulbesuch erhoben werde, was Millionen von Menschen vom Schulbesuch ausschließe, und daß in Südafrika die Bewohner von Soweto gezwungen seien, schmutziges Wasser zu verwenden, weil die Wasserpreise aufgrund der Privatisierung der Wasserversorgung in die Höhe geschossen seien. Sie kritisiert, daß "ständig neue Barrieren" produziert werden, die der "Allgemeinheit den Zugang zu Wissen, Technologien und frisch privatisierten Ressourcen versperren" und meint damit beispielsweise das Beharren der Vereinigten Staaten auf den Urheberrechten an Aids-Medikamenten, die es ärmeren Ländern verböten, patentierte Medikamente billiger herzustellen. "Die Globalisierung steht heute auf dem Prüfstand", schreibt sie, weil Menschen aus Schulen, Krankenhäusern, Arbeitsstätten sowie aus ihren eigenen Bauernhöfen, Häusern und Gemeinden ausgeschlossen würden. Die massive Privatisierung und Deregulierung habe Armeen von ausgeschlossenen Menschen hervorgebracht, deren Dienste nicht mehr benötigt würden und deren Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt würden. Wer die Demonstranten von Seattle nicht als gewaltbereite Aktivisten abtun, sondern ihre Ziele hinterfragen möchte, liest bei Naomi Klein, daß diese nicht etwa "globalisierungsfeindlich", sondern wenn überhaupt "konzernfeindlich" seien. Und daß sie nicht zum "engen Nationalismus" der Vergangenheit zurückkehren wollten, sondern das Handelsrecht enger mit Arbeitsrecht, Umweltschutz und Demokratie verbinden wollen.
Naomi Klein ist eine begabte Autorin und deshalb liest sich zumindest die erste Hälfte der Aufsatzsammlung kurzweilig. Es liegt vermutlich eher an der zu großzügigen Auswahl des Verlages, daß man auf der Hälfte das Gefühl bekommt, die vorgetragenen Betrachtungen schon zu kennen. Gutgetan hätte der Sammlung auch ein Hinweis, vor welchem Auditorium die eine oder andere Rede gehalten wurde. Denn man würde schon gern wissen, vor wem sich die Autorin um die Demokratie sorgt und bezweifelt, daß "freie Märkte freie Menschen schaffen".
Einige Argumente gegen den Freihandel - etwa daß heute 75 Prozent der mexikanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebten, während es 1981 nur 49 Prozent gewesen seien, wünscht man sich mit einer Quelle versehen. In den meisten Fällen wird Klein aber dieser journalistischen Pflicht gerecht, wenn auch Fakten und deren Kommentierung eng miteinander verflochten sind. Wohlstand für alle, mehr Entwicklung, mehr Demokratie - die, wie Klein schreibt, "euphorischen Versprechungen der Globalisierungsbefürworter" - müßten an der Realität gemessen werden. Dafür reicht ihrer Meinung nach die derzeitige Struktur der Antiglobalisierungsbewegung nicht mehr aus. Klein fordert eine politische Rahmenorganisation, die es auf internationaler Ebene mit der Macht der Konzerne aufnehmen könne und zugleich die lokale Selbstbestimmung fördere. Den existierenden politischen Parteien spricht Klein diese Fähigkeit ab. Und zudem würden die wirklichen Siege nicht auf den Barrikaden errungen.
GABRIELE HERMANI
Buchtitel: Über Mauern und Zäune - Berichte von der Globalisierungsfront
Buchautor: Klein, Naomi
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2003, Nr. 46 / Seite 10