Verblühende Landschaften

Überraschende Erkenntnisse der Wirtschaftsgeographie

12. Oktober 2009 Jedes Jahr veröffentlicht die Weltbank einen Weltentwicklungsbericht mit thematischem Schwerpunkt. Dieses Mal behandelt er die Wirtschaftsgeographie. Dabei ist fast atemberaubend, wie es ein internationales Autorenteam geschafft hat, Analysen und Empfehlungen in klarer Sprache zu formulieren, hervorragend in Texten, Grafiken und Tabellen aufzubereiten und dabei dem Fach wichtige neue Anstöße zu geben. Vor uns liegt das bedeutendste wirtschaftsgeographische Werk seit Paul Krugmans "Geography and Trade" von 1991.

Der letztjährige Nobelpreisträger begründete damals die "Neue Ökonomische Geographie" mit der Beobachtung, dass es entgegen den neoklassischen Modellen eine räumliche Dimension der Volkswirtschaft gibt. Ein Paradigmenwechsel. Von nun an wurde eine Mobilität der Produktionsfaktoren unterstellt und die wichtige Rolle von Transportkosten berücksichtigt. Der vorliegende Bericht, der unter der Leitung des aus Indien stammenden Wissenschaftlers Indermit Gill entstand, entwickelt darauf basierend neue überraschende Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen.

Zentral ist die Schlussfolgerung, dass die Politik Marktwirkungen, die qualifizierte Arbeitskräfte zusammenführen, nicht bekämpfen sollte. Die herkömmliche Wirtschaftsanalyse impliziert, dass die Arbeitskräfte dorthin wechseln sollten, wo ihre Fähigkeiten rar sind. In der Realität scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Humankapital zieht in Gegenden, wo es bereits reichlich vorhanden ist. Der Grund: Qualifizierte Arbeitskräfte profitieren von der Nähe zueinander. "Politiker betrachten diese wirtschaftliche Unausgewogenheit in aller Regel mit Unbehagen", heißt es.

Im kommunistischen Russland beispielsweise habe die Regierung versucht, den wirtschaftlichen Anteil der alten Industriegebiete um Sankt Petersburg, in der Landesmitte und im Ural von 65 Prozent auf 32 Prozent zu verringern - durch zwangsweise Verlagerung der Produktion in den Osten. Dadurch erhöhte sich der Anteil des Ostens an der Wirtschaftsproduktion von 4 Prozent im Jahre 1925 auf 28 Prozent gegen Ende des Kommunismus. Der Zusammenbruch des Regimes wurde durch die räumliche Ineffizienz beschleunigt. "Wenn Regierungen derart auf den Ausgleich innerstaatlicher Disparitäten bedacht sind, gefährden sie die Wettbewerbsfähigkeit und riskieren den Kollaps", schlussfolgert der Weltentwicklungsbericht. Beweist die Wirtschaftsgeographie hier, weshalb die Forderung des Grundgesetzes nach einer Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland besser nicht verfolgt werden sollte?

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Eine weitere überraschende Erkenntnis lautet: Sinkende Transportkosten intensivieren den Handel mit benachbarten Ländern stärker als mit weit entfernten Ländern. Der Grund: Der Handel beruht zunehmend auf der Nutzung von Skaleneffekten und nicht auf unterschiedlichen Ressourcenvorkommen. Die Politik sollte daher zur Förderung von rückständigen Gebieten vor allem die Verringerung von Handels- und Transportkosten forcieren: "In Anbetracht von Skaleneffekten und ihrer Interaktion mit der Mobilität von Arbeitskräften und Waren gilt es, die herkömmlichen Ansichten bezüglich der Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum zu revidieren."

Diese Aufforderung des Berichts wendet sich nicht nur an Politik und Zivilgesellschaft, sondern auch an die wirtschaftsgeographische Forschung selbst. Sie hat sich in den letzten Jahren zu viel mit Theorie und Empirie beschäftigt und zu selten praktische Empfehlungen abgegeben. Damit sich das ändert, sei der diesjährige Weltentwicklungsbericht insbesondere auch Studenten und Schülern empfohlen. Die englische Originalfassung kann kostenfrei von den Websites der Weltbank heruntergeladen werden.

JOCHEN ZENTHÖFER

Buchtitel: Weltentwicklungsbericht 2009
Buchautor: Weltbank

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2009, Nr. 236 / Seite 12

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