Das menschliche Atom

07. April 2008 Wie entstehen Börsenbooms oder -kräche? Wie verbreiten sich Gerüchte, Modetrends, wie entstehen Hysterien? Die herkömmliche Ökonomie hat ihre liebe Not mit solchen Massenphänomenen - selbst wenn man das Verhalten eines einzelnen Menschen korrekt erfasst und analysiert, so ändert sich doch alles, wenn viele Menschen mit verschiedenen Interessen, Neigungen und Strategien aufeinandertreffen. "Econophysics" oder "Sozialphysik" nennt sich die Disziplin, die sich dem Studium sozialer Massenphänomene widmet.

Die Grundidee lautet, Ideen, Methoden und Modelle aus der Physik auf soziale Prozesse anzuwenden - mit einer einfachen Analogie: So wie nicht einzelne Atome, sondern erst deren Zusammenspiel dazu führt, dass ein Diamant funkelt, eine Substanz leitet oder isoliert, so ist es erst das Zusammenspiel vieler einzelner Akteure, die ein soziales Phänomen entstehen lassen und steuern.

Mark Buchanan betrachtet Menschen als Atome mit sozialer Substanz, wie er schreibt, und erklärt damit soziale Prozesse. So wie das Chaos auf atomarer Ebene zu exakter Ordnung auf thermodynamischer Ebene führe, führe das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Strategien und Interessen zu einer Ordnung auf sozialer Ebene - aus vielen Tausenden Einzelmotiven wird eine Welle, eine Mode, eine Hysterie, ja sogar ein Genozid. Die Liste der Beispiele, die Buchanan gibt, ist lang und beeindruckend: Völkermorde, die Entstehung von Gettos, Bevölkerungswachstum, Einkommensverteilung, Geisterstaus - all solche Phänomene werden in den Augen der Physiker fast zu Naturerscheinungen. Es ist nicht der Einzelne, der einen Völkermord anzettelt, sondern es sind die vielen Einzelschicksale und -absichten, die zusammen das verhängnisvolle Sozialgebräu entstehen lassen, das zu scheinbar unerklärlichen Phänomenen führt. Die freien, unvorhersehbaren Handlungen der Menschen auf individueller Ebene verdichten sich auf kollektiver Ebene zu einem Ganzen, das Buchanan zufolge mathematischen Mustern von überraschender Präzision unterliegt.

Eines dieser Muster ist das sogenannte Potenzgesetz, das Buchanan auf die Verteilung von Armut und Reichtum anwendet - die Verteilung der Einkommen lasse sich durch eine einfache Verteilungsformel nachbilden, die man auch in biologischen oder physikalischen Phänomenen anwendet. Der Erfolg oder Misserfolg vieler menschlicher Aktivitäten hänge mit Blick auf dieses Potenzgesetz weniger vom jeweiligen Wissen oder Können ab, sondern sei häufig der simplen Logik solcher Verteilungsgesetze unterworfen.

Diese Überlegungen zeigen die Eleganz, aber auch die Gefahr solcher Ideen: Wer so denkt, gleitet rasch in mathematischen Fatalismus und Determinismus ab. Auch die Kritik Buchanans an der traditionellen Ökonomie ist überzogen und beruht teilweise auf etwas fragwürdigen Vorstellungen des Autors von Ökonomie. Beispielsweise ist seine Idee, dass die Reichen ihre Macht ausnutzen, um die Konkurrenz zu verschärfen, seltsam - wer Macht hat, schaltet Wettbewerb aus, statt ihn zu verschärfen.

Auch die Aussage, dass die meisten ökonomischen Theorien trotz ihrer ausgefeilten mathematischen Kunstgriffe auf "ziemlich peinliche Weise" gescheitert seien, ist recht überheblich für ein Forschungsprogramm, das erstens bei der Formulierung seiner Modelle auch auf urökonomische Prämissen und Ideen zurückgreift und zweitens erst durch die massive Rechnerkraft möglich geworden ist, mit deren Hilfe man Tonnen von Daten für mathematisch anspruchsvolle Simulationen verarbeitet.

Wie so oft bei neuen Ideen überschätzt hier eine neue Denkschule ihre eigenen Möglichkeiten und schöpft ihre Kraft aus dem Bildersturm auf die alte Schule - zumeist vergeht eine Weile, bis die neuen Erkenntnisse mit den alten Ideen verheiratet werden und dann erst ihre wahre Produktivität entfalten.

Die Ideen, die Buchanan beschreibt, sind interessant und spannend, wenngleich er nicht immer bei der Sache bleibt, ab und an etwas weitschweifig ist und die Analogie zur Physik doch oft auf der Strecke bleibt. Das Buch ist trotz einiger offenbar auch übersetzungsbedingter Mängel (so wird die Stringtheorie als "Fadentheorie" übersetzt) leicht zu lesen, wird dabei aber auch bisweilen zu leichtfüßig und weitschweifig. Als Einstieg eignet es sich durchaus, und der wird auch nötig sein: Wir werden in den kommenden Jahren noch viel über Sozialphysik sprechen.

HANNO BECK



Buchtitel: Warum die Reichen immer reicher werden und Ihr Nachbar so aussieht wie Sie
Buchautor: Buchanan, Mark

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2008, Nr. 81 / Seite 14

 
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