Freihandel und Gewinn

13. Mai 2008 Sein Lehrbuch "Principles of Political Economy" (1848) war lange ein Standardwerk der Wirtschaftswissenschaften, der Essay "On Liberty" (1859) brachte ihm den Ruf eines der größten Philosophen seiner Zeit ein. Marx, der die bürgerlich-kapitalistischen "Vulgärökonomen" sonst derb beschimpfte, zollte Mill sogar gewissen Respekt. Schon im jungen Alter von 23 oder 24 Jahren, wie die nun wieder herausgegebenen fünf Aufsätze belegen, hat sich Mill mit glasklarem analytischem Verstand an einige der heikelsten Fragen der damaligen Wirtschaftswissenschaft gemacht, auf die er originelle und weiterführende Antworten gab.

Am spannendsten liest sich der Aufsatz zum Freihandel und zur Verteilung der Gewinne daraus - in Zeiten der verschärften Globalisierung ein wieder heiß diskutiertes Thema. Nach David Ricardo bietet der freie Güteraustausch zwischen zwei Ländern klare wirtschaftliche Vorteile selbst dann, wenn das eine Land deutlich teurer produziert als das andere; entscheidend ist, dass sich jeder auf seine relativen Stärken, den komparativen Kostenvorteil, konzentriert. So erwachsen beiden Seiten Vorteile aus dem Handel.

Über die Verteilung der Gewinne sagte Ricardo hingegen nichts. Mill tastete sich in seinem Aufsatz an die in den "Principles" ausgebaute Theorie heran, dass die Preiselastizität der Importnachfrage - so der moderne Ausdruck - über das Austauschverhältnis und damit die Aufteilung des Wohlfahrtsgewinns entscheiden. Diese Erkenntnis war wohl der originellste Beitrag Mills zur Wirtschaftstheorie. Mit einfachen Rechnungen - meist am Beispiel des Handels zwischen England und Deutschland - zeigte Mill, dass Schutzzölle die Wohlfahrt des "geschützten" Landes mindern.

In anderen Aufsätzen machte sich Mill Gedanken über Konsum und Produktion, Profit und Zins sowie die Unterscheidung zwischen "produktiven" und "unproduktiven" wirtschaftlichen Tätigkeiten. Seit den Physiokraten hatte sich die Wirtschaftswissenschaft an dieser Frage abgearbeitet; Mill übernahm von Smith die problematische Arbeitswertlehre, schwächt allerdings einige ihrer Widersprüche ab. Für den heutigen Leser sind die differenzierte Argumentation und das Innovative der Positionen Mills oft nicht leicht zu verstehen. Hier helfen die Kommentare des deutschen Herausgebers Hans G. Nutzinger und seiner Assistenten von 1975, darunter der heutige Daimler-Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff.

Insgesamt unterstreichen die frühen Aufsätze die Bedeutung Mills, den Nutzinger allerdings als Wegbereiter eines "freiheitlichen Sozialismus" sehen will, weil Mill in seinen "Principles" die Frage der Verteilung des Wohlstands von dessen Produktion trennen wollte. In seinen jungen Jahren war Mill eindeutig der liberalen Denkrichtung zuzuordnen, später entdeckte er eine gewisse Sympathie für sozialistische Ideen.

Kritiker wie Maurice Cowling haben sogar behauptet, dem aufklärerischen Impetus in Mills "On Liberty" liege in Wahrheit ein elitär-bevormundender Säkularismus zugrunde. Die frühen Aufsätze des jungen Ökonomen mit ihrem allgemeinen Plädoyer für Wirtschafts- und Handelsfreiheit lassen davon noch nichts ahnen.

PHILIP PLICKERT



Buchtitel: Einige ungelöste Probleme der politischen Ökonomie
Buchautor: Mill, John Stuart

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2008, Nr. 110 / Seite 16

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