17. November 2008 Seit die Genfer Welthandelsgespräche im Streit abgebrochen wurden, liegt die 2001 begonnene Doha-Runde praktisch im Koma. Der Politikwissenschaftler und Ökonom Razeen Sally von der London School of Economics erklärt in seiner kenntnisreichen und engagierten Studie, welche Vorteile Freihandel bringt. Das ideengeschichtliche Kapitel über die Auseinandersetzung zwischen Protektionisten und Freihändlern gehört zu den besten in Sallys Buch. Allerdings betont er aus polit-ökonomischer Perspektive, welche Widerstände es gibt: Etablierte Produzenten, die Wettbewerber fürchten, tun sich zusammen und beeinflussen die Politik.
Wird das Feilschen um Zollabbau und Marktöffnung in der Welthandelsorganisation (WTO) den Durchbruch bringen? Sally ist skeptisch: Das WTO-Verfahren ist zu kompliziert geworden. Unter den 153 Mitgliedstaaten gibt es zu viele Veto-Mächte, zudem sei die WTO zunehmend politisiert. Je mehr die multilateralen Verhandlungen stocken, desto mehr bilaterale Abkommen werden geschlossen, die Sally skeptisch sieht. Regionale Freihandelsabkommen bedeuten nur in den wenigsten Fällen echten Fortschritt, oft genug sind die Verträge Mogelpackungen. Zudem lenken sie die Handelsströme in bestimmte Richtungen, während allgemeine Liberalisierung sicher mehr Handel und Wohlstand schafft.
Die meisten Staaten sind nur dann zur Öffnung ihrer Märkte bereit, wenn im Gegenzug andere Staaten ihre Märkte öffnen. Von "Reziprozität" sprechen die Fachleute. Sally hingegen betont, dass derjenige profitiert, der sich öffnet. Wie zum Beispiel Deutschland in den fünfziger Jahren, das einseitig (unilateral) die Handelsliberalisierung vorantrieb. Seit den neunziger Jahren kamen die stärksten Impulse zur Handels- und Investitionsfreiheit von China. China sei - wie England im neunzehnten Jahrhundert - "unilateraler Motor für freieren Handel", der große Teile Asiens erfasst hat, betont Sally. Von solchen Beispielen erhofft er sich neue Schübe für mehr Freihandel.
PHILIP PLICKERT
Razeen Sally: Trade Policy, New Century, The WTO, FTAs and Asia Rising. Institute of Economic Affairs, London 2008, 226 Seiten, 12,50 Pfund
Buchtitel: Trade Policy, New Century, The WTO, FTAs and Asia Rising
Buchautor: Sally, Razeen
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2008, Nr. 269 / Seite 12