Menschenfischer am Werk

Die Erfolgsgeheimnisse des deutschen Mittelstands

05. Oktober 2009 Es ist in den vergangenen Jahren viel gerätselt worden über die Erfolgsrezepte der deutschen "Hidden Champions", also mittelständischer Unternehmen vorwiegend aus der Provinz, die es geschafft haben, ohne großen Presserummel Weltmarktführer in klar definierten Marktnischen zu werden (F.A.Z. vom 12. November 2007). Selten haben die Leiter dieser Unternehmen Einblicke in ihre Führungsstile und Führungsprozesse gegeben. Klemens Kalverkamp bildet jetzt eine rühmliche Ausnahme. Er ist Geschäftsführer der international erfolgreichen Grimme Landmaschinenfabrik in Damme (Südoldenburg / Niedersachsen). Seit 150 Jahren existiert dieses Unternehmen, das Weltmarktführer unter den Anbietern von Erntemaschinen ist und sich als innovativer Hersteller von Kartoffel- und Zuckerrübenrodern einen guten Namen in mehr als 80 Ländern gemacht hat.

Grimme entwickelt und produziert Hochtechnologieprodukte, in denen Hydraulik, Mechanik und Elektronik perfekt ineinandergreifen müssen. Dies erfordert sehr viel Wissen, das in vielen Köpfen der Belegschaft beheimatet ist und das zusammengebracht werden muss durch eine - wie Kalverkamp immer wieder betont - ehrliche und offene Echtkommunikation in der gesamten Organisation. Sein Credo für die Führung des Unternehmens lautet daher "Miteinander ernten".

Der Ingenieur und passionierte Tüftler Klemens Kalverkamp geht vor diesem Hintergrund der Frage nach, wie man ein technisch geprägtes Familienunternehmen dauerhaft als Weltmarktführer positionieren kann. Wer das Buch mit der Erwartungshaltung in die Hand nimmt, hier nun endlich die spektakuläre ultimative Zauberformel für den Aufstieg in die "Hidden Champions League" zu finden, wird nach der Lektüre vielleicht etwas enttäuscht sein: Der Erfolg des "German Management" im Mittelstand beruht auf Faktoren wie Priorität langfristiger Orientierung vor kurzfristigem Gewinn, Reinvestition der Gewinne im Unternehmen statt kompletter Ausschüttung, emotionale Verknüpfung zwischen Unternehmensleitung, Mitarbeitern und Kunden, Bündelung des Wissens der Belegschaft und maximale Kommunikationsfähigkeit (und -bereitschaft), Leidenschaft für die eigenen Produkte und die Lösung der Kundenprobleme.

Ganz entscheidend ist für Kalverkamp der Führungsstil im Unternehmen. Die Menschen seien der erste Produktionsfaktor, und ihnen müsse das gegeben werden, was sie brauchen: Anerkennung, Respekt und Wertschätzung. Nur auf dieser Basis könne Vertrauen aufgebaut und ein engagiertes, motivierendes Arbeitsklima geschaffen werden. Der Wert des Unternehmens Grimme liege nicht in erster Linie in seinen Marken, sondern in den Köpfen der Mitarbeiter. Je komplexer die Technik der produzierten Produkte sei, desto mehr komme es auf das konstruktive Zusammenwirken auf der Basis einer deutschen Streitkultur an, die es so in anderen Ländern nicht gebe. Von ausschlaggebender Bedeutung sei dabei die Rolle des Unternehmenschefs: Er müsse mit gutem Beispiel vorangehen, ehrlich sein und das Zusammenwirken in der Organisation orchestrieren. Dies klingt alles nicht unbedingt spektakulär, ist dafür aber höchst wirksam.

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Miteinander ernten - Das Erfolgsgeheimnis des German Management
von Kalverkamp, Klemens
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"German Management" im Mittelstand ist offenbar dadurch gekennzeichnet, dass hier Menschenfischer am Werke sind, die es schaffen, dass im Unternehmen miteinander geredet, miteinander gearbeitet, miteinander geteilt wird und dass die Leistungsträger schließlich beieinander bleiben.

Kalverkamp ist optimistisch, dass die "Hidden Champions" aus Deutschland das Potential besitzen, wegen ihres nicht ohne weiteres kopierbaren Managementstils zu den Gewinnern der Globalisierung zu werden. Zwar könne Technik abgekupfert werden. Das für den dauerhaften Erfolg und Produktinnovationen unabdingbare konstruktiv-kritische Miteinander, wie es in gut geführten deutschen mittelständischen Unternehmen schon seit Jahrzehnten praktiziert werde, könne jedoch nicht in aufstrebende Niedriglohnländer mit einer anderen Kultur transferiert werden. Insofern müssten deutsche Unternehmen die Globalisierung nicht schrecken, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnen würden.

Das von den subjektiven Erfahrungen des Autors geprägte Buch ist für Unternehmer bestimmt und für diese gut zu lesen. Es ist eine ausführliche, kommentierte Fallstudie aus der Praxis für die Praxis, in der der Autor auch seinen Unmut über Fehlentwicklungen im Management großer kapitalmarktorientierter Unternehmen deutlich artikuliert.

Das Buch ist originell aufgebaut. Störend ist allein die Tatsache, dass der Leser sich durch einen kompakten Fließtext arbeiten muss, der nicht durch Graphiken, Tabellen und Checklisten aufgelockert wird. Hier sollte bei einer eventuellen zweiten Auflage nachgebessert werden. Insgesamt ist die Lektüre lohnend für Manager aus mittelständischen, aber auch großen Unternehmen, die ihre Unternehmen, wie auf dem Buchdeckel dargestellt, ins Sonnenlicht führen und im Herbstnebel die dicksten Kartoffeln ernten wollen.

ROBERT FIETEN

Buchtitel: Miteinander ernten - Das Erfolgsgeheimnis des German Management
Buchautor: Kalverkamp, Klemens

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2009, Nr. 230 / Seite 14

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