19. Oktober 2009 "Die beste Reklame ist die, die nicht anpreist, sondern suggeriert." Das erkannte bereits der frühe Hapag-Chef Alfred Ballin, der das hanseatische Unternehmen durch das Geschäft mit der Auswanderung und seine Erfindung des Luxustourismus zur damals größten Reederei der Welt und den Nordatlantik zu ihrer ureigenen Domäne machte. Bereits seit dem Jahr 1898 unterhielt Ballin eine effiziente Werbeabteilung, genannt "Literarisches Büro", wo er Broschüren, Post- und Speisekarten, vor allem aber Plakate eindrucksvoll mit den Motiven seiner zuletzt 175 Schiffe von den besten Marinemalern gestalten ließ.
"Die einander ergänzende Wirkung von Bild, Wort und Schrift sollte die vollkommenste Wirkung erzielen", befand der Erfolgsreeder. Dauernd und überall müsse die Hapag gegenwärtig sein. Ballin wusste, was er tat, nicht zuletzt mit Blick auf seinen jahrelang schärfsten Konkurrenten Norddeutscher Lloyd in Bremen, den er schließlich erfolgreich vereinnahmte.
Auch andere große europäische Schifffahrtsgesellschaften wie die britische Cunard Line, die französische Compagnie des Messageries Maritimes, die belgische Red Star Line oder die niederländische Koninklijke Paketvaart Maatschappij schliefen nicht. 200 faszinierende Plakate aus dem emsigen Marketing der großen internationalen Reedereien für ihre einträglichen Ozeanriesen in rund 100 Jahren versammelt jetzt ein üppiges, großformatiges, in Hongkong gedrucktes Buch.
Die dort gezeigte einzigartige Kollektion der in Monaco ansässigen Gabriele Cadringher spiegelt den Wandel in Kunst, Werbekommunikation und Design. Sie gibt zugleich chronologisch schifffahrtsnahe Auskunft zu technik-, industrie- und sozialhistorischen Entwicklungen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die neuartige Verbindung von Wort und Bild im Gefolge der Lithographie machte Plakate kostengünstig und visuell beeindruckend zum wichtigsten Massenkommunikationsmittel der anbrechenden Moderne. Wie hochempfindliche Seismographen meldeten die bunten Blätter auf den Straßen der schnell wachsenden Städte sozioökonomische Veränderungen und den wechselnden Kunstgeschmack. Der rasche Wandel der Zeiten lässt sich nicht zuletzt an den technikaffinen Schiffsplakaten ablesen.
Im 19. Jahrhundert wurde die Abbildung der Schiffe noch gern ergänzt durch Informationen über die befahrenen Routen. Auf den Jugendstilplakaten nahmen die Ozeandampfer bereits bedeutend mehr Raum ein. In der anschließenden Epoche des Art déco appellierten Plakatkünstler wie der Franzose A. M. Cassandre mit hochstilisierten, eleganten Entwürfen - etwa für die "Normandie" oder die "L'Atlantique" - immer stärker an die Phantasie der Betrachter. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Transatlantikverkehrs in den sechziger Jahren passte sich das Plakatdesign erfolgreich dem Zeitgeschmack an.
Das Ende der Ära der großen Liniendampfer signalisiert unwillentlich das letzte Schiffsplakat im vorliegenden Buch. Dort präsentiert die Compagnie Générale Transatlantique die "SS France - Le plus long paquebot du monde" als winziges, langgestrecktes Spielzeugboot wie eine Krawattennadel auf einer immensen Trikolore. Das Plakat stammt aus dem Jahre 1962. Seitdem hat längst in ungeahnten Ausmaßen das schnellere, billigere Flugzeug den Linienverkehr zwischen den Kontinenten übernommen.
Die stolzen alten Ozeanriesen sind sämtlich von den Meeren verschwunden - untergegangen, abgewrackt oder stillgelegt. Stattdessen bevölkern Kreuzfahrtgiganten als schwimmende Hotelburgen der Freizeit- und Vergnügungsindustrie die Ozeane. Die nostalgische Schönheit überkommener Schiffsplakate allerdings weckt nach wie vor Fernweh, und der Mythos mächtiger Schiffskörper, die durch stürmische Wellen pflügen, hat nichts von seinem Charme verloren - vielleicht weil das gängige Reisen so viel hastiger und unromantischer geworden ist.
ULLA FÖLSING
Buchtitel: Schiffsplakate 1873-1962
Buchautor: Cadringher, Gabriele
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2009, Nr. 242 / Seite 14