Im Orkan des Wandels

Ein Sammelband über die Veränderungen in China

19. Oktober 2009 Seit Deng Xiaoping steht vor allem das ökonomische Wachstum im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses über China, einhergehend mit der zunehmenden Bedeutung von Politik, Kultur und Wissenschaft. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die Literatur, die zu den verschiedenen Themen die Regale der Buchhandlungen füllt, kann sinnbildlich für das Wachstum in China gesehen werden.

Was also macht gerade das vorliegende Buch so lesenswert? Es ist aus einer Vortragsreihe über China entstanden, in der einerseits philosophisch-gesellschaftliche Grundfragen thematisiert und andererseits vor allem jene Bereiche diskutiert wurden, die gegenwärtig einen fundamentalen Umwandlungsprozess durchlaufen: Wirtschaft und Recht. Chinas wirtschaftliche Entwicklung, der Handel mit China und die internationale Rolle, die das Land auf ökonomischer wie auch auf politischer Ebene heute einnimmt, ist ohne ein Grundverständnis des Landes nicht möglich.

Das zu vermitteln haben die Autoren dieses Buches verstanden, indem jeder ganz persönlich aus seinem Fachgebiet berichtet. Der Leser erhält auf diese Weise vielfältige Informationen über die Volksrepublik, jenes Land also, das den einen Angst macht, in dem andere aber eine Chance für die Zukunft sehen. So hängt jeder der 16 Aufsätze direkt oder indirekt mit der chinesischen Wirtschaft zusammen, denn Rechtsreformen oder die Entwicklung des Rechtssystems lassen sich von der wirtschaftlichen Entwicklung ebenso wenig trennen wie Fragen zur Entwicklung der Religion oder über die Situation der Frau in China. Aktuell sei hier auf die Kritik der Welthandelsorganisation (WTO) an den in China zum großen Teil noch immer nicht umgesetzten (aber auf dem Papier existierenden) Gesetzen zum Beispiel bezüglich des Schutzes Geistigen Eigentums verwiesen, die das Land bereits vor seiner Aufnahme in die WTO im Jahr 2001 angekündigt hatte.

Einer von mehreren Aufsätzen, die sich ausschließlich wirtschaftlichen Themenstellungen widmen, stammt von dem langjährigen ARD-Korrespondenten Jürgen Bertram: "China im Orkan des Wandels". Seine fachlichen Kenntnisse untermalt er mit persönlichen Eindrücken eines Besuches, zehn Jahre nachdem er China verlassen hatte. So zeichnet er ein Bild der sprunghaften Entwicklung der chinesischen Wirtschaft der vergangenen 25 Jahre. Jürgen Bertram beschreibt zum Beispiel, wie die chinesische Delegation bei einem Staatsbesuch von Helmut Kohl 1984 in der Nähe von Schanghai stolz eine neue ökonomische Errungenschaft präsentierte: die erste private Wäscherei der Region.

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China
von Aschenbrücker, Karin
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Der Tagesschau war das damals sogar einen Bericht wert, denn langsam zeichnete sich ab, dass dies ein Beispiel für die zu erwartende Umorientierung in der chinesischen Wirtschaftspolitik war. So berichtete Bertram damals über den ersten freien Möbelmarkt, die ersten freien Textil- und Gemüsemärkte oder aber über einen privat geführten Schönheitssalon. Schließlich hielt Kentucky Fried Chicken Einzug in Peking, und aus kaum befahrbaren Landstraßen wurden hochmoderne Autobahnen.

Aber parallel berichtete der Autor damals auch über ein anderes Phänomen der chinesischen Wirtschaft: die Misere der Staatsbetriebe. Wie weit scheint das heute zurückzuliegen? Deng Xiaoping hat konsequent Reformen vorangetrieben, China der Welt geöffnet und den Markt in das Zentrum der Wirtschaft gesetzt. So nennt Bertram eine Reihe positiver Entwicklungen von der Vielfalt des Warenangebots bis zu dahin nicht gekannten persönlichen Freiheiten.

Selbst die politische Kultur, auch wenn es noch immer ein Einparteiensystem gibt, wird weitgehend positiv bewertet. Als problematisch sieht Bertram aber, dass der neue Kapitalismus über China mit derselben Radikalität und Vehemenz hinwegfegt, mit denen einst die Umsetzung der kommunistischen Ziele verfolgt wurde. Und das hat bedrohliche Auswirkungen auf die sozialen Strukturen. Das Fazit des Autors ist deutlich: Ohne einen stärkeren Demokratisierungsprozess kann es nicht zu einer Konsolidierung der chinesischen Gesellschaft kommen. Scheitert diese - so lässt sich der Gedankengang fortsetzen -, kann das nur negativ für die wirtschaftliche Entwicklung sein.

Darüber, wo die Volksrepublik China im Demokratisierungsprozess steht, gehen die Meinungen jedoch stark auseinander. Was also auf den ersten Blick als Sammelsurium verschiedener gesellschaftspolitischer Themen anmutet, entpuppt sich schließlich als lesenswerte Lektüre zum Thema "Chinas Wirtschaft im Umbruch".

INDIRA GURBAXANI

Buchtitel: China
Buchautor: Aschenbrücker, Karin

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2009, Nr. 242 / Seite 14

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