28. September 2009 Vor knapp vier Jahrzehnten starb der greise Schwerindustrielle Friedrich Flick. Er hatte zwei Mal eines der größten deutschen Industrieimperien in Familienbesitz geschaffen, einmal in den Jahrzehnten vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Nazizeit und dann noch einmal in der Bundesrepublik mit einer Daimler-Benz-Beteiligung als Kernstück. Flick war Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte ihm zu Lebzeiten "ein großes und staunenswertes Lebenswerk" bescheinigt. Auf der Trauerfeier in Düsseldorf 1972, die einem Staatsbegräbnis ähnelte, würdigte ihn Hermann J. Abs, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, mit den Worten: "Flick - das sind im Namen konzentriert die Anfangsbuchstaben von Fleiß, Loyalität und Ideenreichtum, basierend auf Concentration und Kenntnis."
Mit Blick auf damalige linke Kritiker des Konzerngründers meinte er, ein abschließendes Urteil müsse man einer späteren, objektiveren Geschichtsschreibung überlassen. Er ahnte nicht, dass der Name Flick nur einige Jahre später im Mittelpunkt eines politischen Skandals stehen sollte, wie schon einmal in der Weimarer Republik.
Flick war nicht nur ein genialer Konzernschmied gewesen, sondern auch ein skrupelloser Virtuose der Macht. Mit seinem Geld hatte er politischen Einfluss genommen, wo immer es ihm nützlich erschien. Er war kein Nazi, aber Parteimitglied und hatte in der Hitler-Zeit alle Möglichkeiten genutzt, die die "Arisierung" jüdischer Betriebe, der Raub ausländischen Eigentums und der Einsatz von Zwangsarbeitern boten. Er war Hitlers größter Rüstungsfabrikant gewesen. Ein amerikanisches Militärtribunal hatte ihn nach dem Krieg als sogenannten Kriegsverbrecher verurteilt, was er nie verstanden und akzeptiert hatte.
Sein "staunenswertes Lebenswerk", das er hinterließ und als "industriellen Erbhof" sah, blieb im Gegensatz zu anderen deutschen Industrievermögen nicht lange erhalten. Es gab Erbauseinandersetzungen und beim Konzernumbau einen Parteispendenskandal, die Flick-Affäre, der die Bundesrepublik erschütterte. Schließlich verkaufte 1985 sein inzwischen ebenfalls verstorbener Sohn Friedrich Karl Flick als Haupterbe die Unternehmen und setzte sich steuersparend nach Österreich ab, wo er, wie auch seine Nachkommen, von allen weiteren Anfechtungen verschont blieb.
In der Bundesrepublik ist die deutsche Vergangenheit jedoch nicht vergangen. Seit den achtziger Jahren ist eine kritische Aufarbeitung von Unternehmensgeschichte in der Nazizeit in Gang gekommen, ausgelöst durch die Debatte über Zwangsarbeiterentschädigung. Damit mussten sich diejenigen Enkel des Gründers auseinandersetzen, die nur Nebenerben sind, wenn auch mit Millionenvermögen: Der Jurist und Kunstforscher Gert-Rudolf Flick ("Muck"), der unternehmerisch tätige Kunstsammler Friedrich Christian Flick ("Mick") und die Literaturwissenschaftlerin Dagmar Ottmann geborene Flick. Sie sind die Kinder des gleichfalls verstorbenen älteren Flick-Sohns Ernst-Otto, der 1961 von seinem Vater aus dem Konzern gedrängt und abgefunden worden war.
Als Gert-Rudolf Flick 1996 einen Flick-Lehrstuhl für ein College in Oxford stiften wollte, stieß er auf heftige Ablehnung, verzichtete schließlich und bekundete in einem offenen Brief "tiefe persönliche Scham" über das Wirken des Großvaters. Im Jahr 2001 folgte er wie seine Schwester Dagmar anonym einer Aufforderung der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft (Zwangsarbeiterstiftung) nach einer "moralischen Geste", sprich nach ein paar Millionen.
Der Bruder Friedrich Christian lehnte dieses Ansinnen dagegen ab und gründete seine eigene F.C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz in Potsdam. Als er jedoch dann seine umfangreiche Sammlung von Gegenwartskunst in ein Museum einbringen wollte, geriet er erneut unter Druck. In Zürich stieß sein Vorhaben auf empörte Ablehnung. Von "Blutgeld" war die Rede. Schließlich gelang es ihm 2004, nach erheblichem öffentlichen Wirbel, seine Sammlung als Leihgabe in Berlin auszustellen.
Die Schwester Dagmar distanzierte sich jedoch in einem offenen Brief von dem Projekt. Damit werde von der eigentlichen Auseinandersetzung mit dem Unrecht abgelenkt. Ihr Bruder trage auf diese Weise nicht zu einem Neubeginn der eigenen Familiengeschichte bei. Sie selbst habe dagegen schon 2001 eine wissenschaftliche Untersuchung der Flick-Historie in Auftrag gegeben. Der Eklat führte dazu, dass der kunstsammelnde Bruder die Flick-Collection in eine Friedrich Christian Flick-Collection umbenannte. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Träger der Museen gab ebenfalls eine wissenschaftliche Untersuchung in Auftrag, an deren Finanzierung sich Flick beteiligte. Schließlich spendete Friedrich Christian Flick entgegen seiner ursprünglichen Haltung 2005 noch fünf Millionen Euro an den Zwangsarbeiterfonds.
Obwohl zuerst in Auftrag gegeben, ist die von Dagmar Ottmann finanzierte und jetzt vorliegende Studie nun das dritte Buch über Flick geworden. Autoren sind vier Historiker unter Federführung von Norbert Frei von der Universität Jena. Bereits 2007 erschien von dem Historiker Kim C. Priemel "Flick - eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik". 2008 wurde von dem renommierten Institut für Zeitgeschichte im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das große und materialreiche Werk "Der Flick-Konzern im Dritten Reich" veröffentlicht. Im Vergleich zu diesen beiden Werken bringt die dritte Flick-Studie nichts grundlegend Neues. Sie schildert, wenn auch flotter geschrieben, Leben und Werk des alten Flick und die Konzerngeschichte bis zum Verkauf.
Während es aber in den anderen Werken in erster Linie um wissenschaftliche Aufarbeitung geht, hat das dritte Buch über Flick auch eine unübersehbare gesellschaftspolitische Stoßrichtung anknüpfend an die Kapitalismuskritik der siebziger Jahre. Das wird vor allem in dem Schlusskapitel "Eine deutsche Karriere" deutlich. Danach verkörpert der alte Flick wie kein anderer "das Drama der deutschen Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert". Das geht schon deswegen fehl, weil Flick unter der Ruhrelite ein Außenseiter war, anders als die viel typischeren Krupps. Fragwürdig ist auch die Behauptung, der Flick-Skandal sei "ein Beschleunigungsfaktor jener massiven Veränderung des altbundesrepublikanischen Systems (gewesen), die in der Verstetigung der Grünen ihren Anfang nahm und die sich nach dem Ende der DDR als verschärfte Erosion der Volksparteien fortsetzte".
Ohne Zweifel und zu Recht ist die deutsche Öffentlichkeit kritischer geworden, nicht zuletzt, weil die Generation der Betroffenen allmählich ausgestorben ist und die Rücksichtnahmen früherer Jahre entfallen. Die Autoren sehen darin noch mehr: "Die Generation der Achtundsechziger, die noch zu Anfang der Achtziger politisch eher am Rande agierte, ist nicht zuletzt durch ihren Part im Abendrot der Ära Flick in der Bundesrepublik angekommen."
Die Geschichte des Flick-Konzerns wird gedeutet als Geschichte des Wandels der politischen Öffentlichkeit in Deutschland. Das entspricht wohl den Intensionen der Auftraggeberin Dagmar Ottmann. Sie wollte, wie es in ihrem offenen Brief hieß, die Flick-Historie nach dem Krieg als "Geschichte der Verdrängung" aufgearbeitet sehen und wissen, ob das Flick-Vermögen, dessen Miterbin sie ist, durch eine Kontinuität alter Mentalitäten, Netzwerke und Seilschaften weiter gemehrt wurde. Das Ergebnis liegt nun vor.
JÜRGEN JESKE
Buchtitel: Flick - Der Konzern, die Familie, die Macht
Buchautor: Frei, Norbert
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2009, Nr. 225 / Seite 12