26. Oktober 2009 Transport und Kommunikation sind Schlüsselfaktoren der Globalisierung. Der Einfluss der Transport- und Kommunikationsnetze auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung wird jedoch in der Wirtschaftsgeschichte noch immer stiefmütterlich behandelt. Dem wollen die beiden Sammelbände abhelfen, in denen die Beiträge und Ergebnisse zweier wissenschaftlicher Tagungen aufgearbeitet werden. Ausgangspunkt ist die dramatische Veränderung der Verkehrs- und Kommunikationssysteme in den letzten zweihundert Jahren.
So ist nicht nur die Zahl der Systeme gestiegen. Die Netze sind gewachsen. Durch technischen Fortschritt haben Geschwindigkeiten und Kapazitäten der Transportmittel zugenommen. Die Folge sind drastische Zeitverkürzungen und erhebliche Kostensenkungen gewesen. Das hat zu einer ungeheuren Zunahme der Mobilität geführt, was wiederum zur Überwindung des klassischen Nationalstaates und zur politischen Pluralisierung in der Welt beigetragen hat.
Das alles ist einprägsam in dem von den Historikern Ralf Roth und Karl Schlögel herausgegebenen Band "Neue Wege in ein neues Europa" nachzulesen. Er schildert die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert als Verkehrsgeschichte, die Kommunikationsentwicklung eingeschlossen. Verdienstvollerweise wird auch die Kehrseite funktionierender Transportsysteme in Kriegs- und Katastrophenzeiten mit behandelt. Danach war der Erste Weltkrieg ein Eisenbahnkrieg. Im Zweiten Weltkrieg diente die Deutsche Reichsbahn als Vehikel für Zwangsarbeit und Holocaust.
Ebenso werden die kulturellen Seiten des Verkehrs in Europa beleuchtet, etwa die gesellschaftspolitische Bedeutung von Massenmotorisierung, der Mythos Auto und die Faszination von Geschwindigkeit. Ob Autoverkehr, Bahntransport oder Flugverkehr, die Möglichkeiten scheinen trotz mancher Engpässe noch nicht erschöpft, wie die sich weiter ausdehnenden und verdichtenden europäischen Verkehrsnetze zeigen. Selbst Unfälle und Terroranschläge können offensichtlich diese Entwicklung nicht aufhalten, die Europa wirtschaftlich und zivilisatorisch voranbringt.
Karl Schlögel schreibt in seinem einleitenden Aufsatz "Europa in Bewegung" zu Recht, dass nicht die Politiker in Brüssel das europäische Tempo prägten, sondern die Kräfte der wirtschaftlichen Globalisierung. "In den Alltagsroutinen von Verkehr und Handel, in den genau aufeinander eingespielten Choreographien der Verkehrs- und Logistikunternehmen, die sich Pausen nicht erlauben können, wird Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr der europäische Zusammenhang immer wieder aufs Neue produziert."
Eine engere wirtschaftshistorische Studie ist der englischsprachige Sammelband "Across the Borders" über die Eisenbahnfinanzierung im 19. und 20. Jahrhundert. Er zeigt an vielen interessanten Beispielen, dass Eisenbahnbau jenseits der nationalen Bedeutung immer schon ein grenzüberschreitendes Phänomen war, ein Stück Weltgeschichte. Das gilt vor allem für die Beteiligung europäischer Investoren am Eisenbahnbau in Amerika, in Indien, im Osmanischen Reich, in China oder in Brasilien.
Deutsche Leser wird neben der Geschichte über Aufstieg und Fall des "Eisenbahnkönigs" Bethel Henry Strousberg von Ralf Roth vor allem der Aufsatz des holländischen Historikers Augustus Veenendaal über die Finanzierung der amerikanischen Eisenbahnen interessieren. Er zeigt nicht nur das Ausmaß dieser Transaktionen, sondern schildert auch die Vermarktungsmethoden für Eisenbahnanleihen, die Informationsquellen für Anleger und die nicht ausbleibenden Pleiten und ihre Hintergründe. Er beschreibt die Rolle deutscher Banken in diesem Geschäft, das meist über Frankfurt lief, und den großen Anteil jüdischer Finanziers wie Bonn, Fuld, Hallgarten oder Schiff.
Auch in diesem Sammelband lautet das Fazit, dass man Eisenbahngeschichte als transnationale Geschichte begreifen muss. Zum einen seien die nationalen Bahnnetze immer offene Systeme gewesen mit vielfältigen Verbindungen zu den Netzen der Nachbarländer. Zum anderen hätte ausländisches Kapital durch die damalige Globalisierung der Finanzwelt eine größere Rolle gespielt als bisher dargestellt.
JÜRGEN JESKE
Buchtitel: Across the Borders
Buchautor: Roth, Ralf
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2009, Nr. 248 / Seite 12