05. Oktober 2009 Die Alterssicherung vieler Länder stützt sich heute auf drei Säulen: umlagefinanzierte Staatssysteme, betriebliche Pensionslösungen sowie Elemente der Individualvorsorge. Beschäftigungsprobleme und erwartete Altersstrukturverschiebungen waren vielfach Anlass für Veränderungen, die die Leistungen der Staatssysteme knapper gestaltet und den Akzent stärker auf die - zumeist kapitalgedeckte - Zusatzsicherung gelegt haben.
Während für die Staatssysteme eine Reihe von international vergleichenden Übersichten und Analysen vorliegt, ist die Kenntnislage bezüglich der Zusatzsysteme vergleichsweise dürftig. Dies ist auch deshalb unerfreulich, da sich angesichts der Finanzkrise die Sorgen der Bevölkerung nun gerade auf die kapitalgedeckten Sicherungen richten.
Daher greift man mit Interesse nach dem vorgelegten Band. Er stellt den Versuch einer weltweit orientierten Studie der freiwilligen wie obligatorischen Zusatzsysteme dar. Eine Art ersten Aufschlag in spartanischerer Form hatte es schon 2003 gegeben. Der Band startet mit einer Einführung, die weit mehr als das ist. Sie präsentiert Ländervergleiche für Asien, Europa und Afrika zum Profil von Staats- und Zusatzsystemen und bereitet die Länderberichte vor. Den Hauptteil bilden 58 Länderbeschreibungen. Ein Glossar folgt am Ende.
In dem weltweiten Anspruch liegt der Keim für deutliche Abstriche beim Ergebnis. Manche Länder haben keine Angaben geliefert und entfallen. Gelegentlich sind Angaben nicht vergleichbar aktuell. Auch fallen die deskriptiven Teile manchmal arg stichwortartig aus. Dennoch stellt das Ganze eine nützliche institutionelle Übersicht dar, die von gesetzlichen Grundlagen, Risikoabdeckung, Personenkreis, Finanzierung, Aufsicht, Frühwarnverfahren bei Risiken bis hin zu Regeln für betriebliche Systeme bei Unternehmensfusionen und -zusammenbrüchen geht.
Die Lektüre der Länderprofile wie auch der vergleichenden Übersichten machen deutlich, dass die in der innenpolitischen Debatte recht fundamental erscheinende Polarität "Staat versus Privat" sich bei genauerem Hinsehen oft deutlich relativiert. Dies gilt vor allem dort, wo die Staatskomponente sich im Wesentlichen auf die Basissicherung beschränkt. Häufig werden Zusatzsysteme dann verpflichtend gestaltet und - auch bei Freiwilligkeit - durchweg stark reguliert, so dass man hier eher von "Staat-Privat-Mischwesen" sprechen möchte. Die Passagen zu Schutzmechanismen, Anlageregeln und Frühwarnverfahren bei Risiken mögen etwas den Sorgen entgegenwirken, die angesichts der aktuellen Krise aufgekommen sind. Jedenfalls gilt dies für Ängste vor einem Totalverlust von Ansprüchen.
Nur spartanisch präsentiert werden leider quantitative Angaben. Zwar gibt es einige demographische und volkswirtschaftliche Daten sowie zu Beitragssätzen von obligatorischen Zusatzsystemen. Auf der Suche nach Daten unter anderem zum einbezogenen Personenkreis, den Vermögensvolumina sowie den Leistungsverhältnissen der Zusatzsysteme (nicht zuletzt unter Berücksichtigung der in Deutschland viel zu wenig beachteten Verwaltungs- und Steuerungskosten bestimmter Lösungen) wird man hier nicht fündig. Hier muss man auf andere Analysen der OECD verweisen, die allerdings sich nur auf deren Mitgliedsländer beziehen. Dennoch liefert der Band wichtige Ergänzungen unserer Kenntnislage bezüglich der Zusatzsysteme, der Form nach eher geeignet für die Hand von Experten.
DIETHER DÖRING
Buchtitel: Complementary and Private Pensions
Buchautor: OECD
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2009, Nr. 230 / Seite 14