21. April 2008 Der 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik wirft seine Schatten voraus. Jörg Lichter, Christian Neßhöver und Katharina Slodczyk haben darauf reagiert und Beiträge für eine Serie im "Handelsblatt" als Buch zusammengefasst. Die Autoren bieten keine wissenschaftliche Wirtschaftsgeschichte, sondern vielmehr ein Panorama der Entwicklung in den vergangenen sechs Jahrzehnten. Für jedes Jahr seit 1945 wird ein Ereignis herausgegriffen. Mithin kommt nicht die Vogel-, sondern die Froschperspektive zum Tragen. Das führt zwar bisweilen dazu, dass der volkswirtschaftliche Überblick verlorengeht, ist aber unterhaltsam und birgt interessante Einblicke.
Die Bedeutung Amerikas für die ökonomische Entwicklung in Deutschland zeigte sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit vor allem während der Berliner Luftbrücke, als die Bevölkerung gleichsam vor dem Hungertod gerettet wurde, und beim Marshallplan. Dabei flossen innerhalb von vier Jahren im Rahmen des "European Recovery Program" 12,4 Milliarden Dollar nach Westeuropa, als der Jahresetat der Vereinigten Staaten gerade 40 Milliarden Dollar betrug. Die Römischen Verträge von 1957 bildeten in der Tat die "Geburtsstunde der Europäischen Union". Dass Ludwig Erhard indes das Jahr 1963 repräsentieren soll - damals übernahm er die Kanzlerschaft -, ist wenig überzeugend, weil Erhard zuvor mit der Währungsreform sowie als Wirtschaftsminister und Vater des Wirtschaftswunders eine viel größere Wirkung entfaltete.
Auch die Schattenseiten werden angesprochen. Das Jahr 1973 mit der Ölkrise markiert das Ende der fetten Jahre: "Die Bundesrepublik muss 1974 für ihre Ölimporte knapp 23 Milliarden DM ausgeben - 152,7 Prozent mehr als 1973. Dem Fiskus fehlen Riesensummen, die eigentlich für Reformen eingeplant waren." Unter diesen Umständen wirkte die elfprozentige Lohnerhöhung im öffentlichen Dienst doppelt fatal. Und im folgenden Jahr stieg die Zahl der Arbeitslosen erstmals über die Millionengrenze. Kann man Parallelen zu heute sehen?
Wie dem auch sei, wer die Zeit seit 1945 überblickt, dem springt die Bedeutung der Aufbaugeneration direkt ins Auge. Diese Pioniere der Industrie prägten die Wirtschaft viel stärker, als wir es heute im Zeitalter der angestellten Manager wahrhaben.
RALF ALTENHOF
Buchtitel: Wunder, Pleiten und Visionen
Buchautor: Lichter, Jörg
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2008, Nr. 93 / Seite 14
