15. Juni 2009 Wilhelm Röpke (1899 bis 1966) war vor allem ein mutiger Mann. Als die Weltwirtschaftskrise in den frühen dreißiger Jahren Deutschland in ihren Griff nahm und die radikalen politischen Kräfte von ihr profitierten, trat er als überzeugter Liberaler für staatliche Konjunkturpolitik ein. Auch als der Siegeszug der Nationalsozialisten nicht mehr aufzuhalten war, kämpfte Röpke publizistisch gegen die braune Diktatur - was ihn im Jahre 1933 in die Emigration zwang.
In Genf, und damit nicht zwingend in Reichweite der Nazis, verfasste er in den frühen vierziger Jahren seine liberal geprägte sozialphilosophische "Trilogie", deren Bände über die Grenze nach Deutschland geschmuggelt wurden. Und auch nach dem Kriege blieb Röpke ein unerbittlicher Kämpfer für sein Verständnis von Marktwirtschaft und Freiheit - sei es gegenüber zur Planung neigenden Politikern, sei es gegenüber anderen Liberalen wie Friedrich von Hayek in der Mont-Pelèrin-Gesellschaft.
"Marktwirtschaft ist nicht genug" heißt der Titel einer von dem Röpke-Biographen Hans Jörg Hennecke herausgegebenen, klug und verständnisvoll zusammengestellten Aufsatzsammlung, die zugleich als Motto für das Werk Röpkes stehen kann. Röpke war ökonomisch ein Liberaler mit recht konservativen Wertvorstellungen. Im Unterschied zu Hayekianern betrachtete Röpke Markt und Wettbewerb als Institutionen, die moralische Ressourcen aufzehren können. Daher brauche der Mensch eine geordnete Gemeinschaft, innerhalb deren er moralische Ressourcen wieder aufbauen könne, war seine Überzeugung. Röpke fürchtete ungebildete Menschenmassen, er verachtete zubetonierte amerikanische Großstädte und Naturlandschaften verschandelnde Skilifte in den Alpen. Seine Ideale waren die seines Erachtens durch die moderne Gesellschaft gefährdete abendländische Kultur und der kernige Schweizer Handwerker mit Familie und Vorgarten in einer mittelgroßen Stadt in den Bergen.
Die Aufsatzsammlung enthält bekanntere Beiträge wie die Diagnose zur deutschen Wirtschaftspolitik aus dem Jahre 1950, "Europa - Einheit in der Vielfalt" (1958) und den trotz aller Kritik gegenüber dem Werk des Briten leicht melancholischen Keynes-Nachruf (1946). Aber auch Kleinode wie Röpkes Erlebnisse als Soldat in einer Schlacht im Ersten Weltkrieg oder sein Nachruf auf die Frakturschrift haben in dem Band Platz gefunden. Als erster Zugang zu Röpkes Denken und Schreibstil ist die Sammlung sehr gut geeignet. Schließlich enthält das Buch den erfreulichen Hinweis, dass das 2007 gegründete Wilhelm-Röpke-Institut eine mehrbändige Werkedition anstrebt.
Auf einer Tagung des in Erfurt ansässigen Instituts beruht der von Heinz Rieter und Joachim Zweynert herausgegebene Konferenzband, der Aufsätze von Röpke-Kennern enthält. Während Röpke heute wahrscheinlich noch am ehesten als ein zwischen Ordoliberalismus und konservativer Kulturkritik oszillierender Sozialphilosoph und Publizist bekannt ist, stellt Elisabeth Allgoewer seine wichtigste wissenschaftliche Leistung vor. Sie besteht in einer durch die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre beeinflussten Konjunkturtheorie. Ihre Grundaussage lautet, dass in den meisten Fällen Krisen als notwendige Korrekturen vorangegangener Exzesse zu verstehen sind und keinerlei Staatseingriffe bedürfen. In seltenen Fällen entsteht jedoch eine "sekundäre Depression" mit so schweren wirtschaftlichen Schäden, dass Konjunkturpolitik notwendig wird.
Röpkes Konjunkturtheorie ist seit langem in Vergessenheit geraten, aber vielleicht motiviert die aktuelle Krise den einen oder anderen Ökonomen dazu, noch einmal darauf zu schauen. Ansonsten enthält der Band Beiträge unter anderem zum Verhältnis Röpkes zur kulturellen und ökologischen Ökonomik sowie seine Haltung gegenüber der europäischen Integration.
Was sagt uns Röpke heute? Manches, was der gebürtige Niedersachse schrieb, ist zeitgebunden und heute kaum mehr nachvollziehbar. Seine späten Schriften, zum Beispiel sein letztes Buch "Torheiten der Zeit", zeigen einen Mann, der sich in seiner eigenen Epoche - und das waren die Jahre vor 1968 (!) - nicht mehr zurechtfand. Ebenso passt Röpkes ausladender, gelegentlich arg pathetischer Schreibstil, der sich vor allem in seinen Büchern findet, kaum mehr ins 21. Jahrhundert, auch wenn seine Sprache eine reiche Bildung verrät und in ihren besten Momenten immer noch beeindruckt. Obwohl er durch seine Bücher erst richtig bekannt wurde, überzeugt Röpke eher als Verfasser von Aufsätzen und längeren Zeitungsartikeln.
Andererseits ist Röpkes Wissenschaftsverständnis derart unmodern, dass ihm eine vielversprechende Zukunft prophezeit werden kann. Verantwortungsvolle Ökonomik war für ihn eine Moralwissenschaft und keine Spielwiese für folgenlose mathematische Kunststücke. In den Mittelpunkt der Ökonomik gehört der Mensch, und der ist keine rationalistische Maschine. Der gute Ökonom weiß um die Bedeutung von Institutionen. Wenn die minusküle Röpke-Renaissance unserer Zeit nicht zur Heiligenverehrung degeneriert, sondern als Ausgangspunkt für ein modernes Forschungsprogramm genutzt wird, kann sie noch schöne Ergebnisse bringen.
GERALD BRAUNBERGER
Buchtitel: Wort und Wirkung
Buchautor: Rieter, Heinz
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2009, Nr. 135 / Seite 12