Geflügelpest

Erstmals Vogelgrippe-Fall in einer Großstadt

03. März 2006 Erster Vogelgrippefall in einer deutschen Großstadt: Bei einer toten Wildente in Mannheim haben Tests das gefährliche Virus H5N1 nachgewiesen. Eine Drei-Kilometer-Zone um den Fundort gilt als Sperrbezirk. Auch in der Nähe von Berlin ist die Tierseuche aufgetreten. In den brandenburgischen Landkreisen Barnim und Märkisch-Oderland fanden Forscher den Erreger bei einem toten Bleßhuhn und einem Schwan. In Brück bei Potsdam trug ein Turmfalke das H5N1-Virus in sich.

Im Mannheimer Sperrbezirk liegen Teile der Stadtkreise Mannheim sowie Ludwigshafen und damit auch der Chemiekonzern BASF. Auf Produktion und Betrieb habe dies jedoch keine Auswirkungen, sagte eine Unternehmenssprecherin. Das Beobachtungsgebiet im Umkreis von zehn Kilometern umfaßt auch den hessischen Landkreis Bergstraße. Rund um den Sperrbezirk würden lediglich Warnschilder aufgestellt, erklärte ein Sprecher der Stadt Mannheim. „Es ist völlig undramatisch, es werden keine Straßen gesperrt und keine Desinfektionsschleusen aufgebaut.“ Für die Bevölkerung bestünden „überhaupt keine Einschränkungen“, betonte der Sprecher.

Verschärfter Seuchenschutz tritt in Kraft

Allerdings treten in den Schutzzonen an diesem Wochenende die verschärften Schutzmaßnahmen gegen die Vogelgrippe offiziell in Kraft. Dann müssen in einem Umkreis von zehn Kilometern um Vogelgrippe-Fundorte Hunde an die Leine genommen werden, auch Katzen dürfen nicht mehr frei herumlaufen. Im engeren Umkreis von drei Kilometern gilt nach der Bundesverordnung ein Stallverbot für Fremde: Nur wer zum Geflügelbetrieb gehört sowie Tierärzte dürfen den Hof betreten (siehe auch: Video: Seuchenschutz gegen Vogelgrippe ausgeweitet).

Zweieinhalb Wochen nach dem ersten Vogelgrippe-Nachweis auf Rügen wurden am Freitag die Absperrungen am Seuchenherd um die Wittower Fähre aufgehoben. Der seit fast zwei Wochen eingestellte Fährbetrieb über die Boddengewässer wurde wieder aufgenommen. Auch die Bundeswehr hat ihren Einsatz auf Rügen weitgehend beendet, wie ein Sprecher mitteilte. „Die Lage hat sich deutlich entspannt“, sagte die Rügener Landrätin Kerstin Kassner (Linkspartei/PDS). Der Katastrophenalarm bleibt aber weiter bestehen.

Kein erhöhtes Risiko für Menschen

Durch das Auftreten der Vogelgrippe in Deutschland hat sich das Risiko einer für den Menschen gefährlichen Pandemie nicht erhöht, sagte der Virologe Albert Osterhaus von der Universitätsklinik Rotterdam im Bayerischen Rundfunk (BR). „Die Gefahr ist nicht größer geworden. Es ist ein Problem für Geflügel, und wir müssen uns sehr gut dagegen wappnen, aber es ist wichtig zu sehen, daß dies wenig beiträgt zur Entwicklung eines pandemischen Virus.“

Auch für den Bielefelder Epidemiologen Reinhard Bornemann besteht kein Grund zur Panik. Trotz Abermillionen erkrankter Vögel in Asien sei die Zahl erkrankter Menschen sehr überschaubar: Auf der ganzen Welt wurden bisher 174 bestätigte Infektionen registriert, 94 dieser Patienten starben. Daher sei auch durch die am aggressiven Asia-Virus auf Rügen verendete Katze die akute Gefahr einer Infektion von Menschen nicht größer geworden. Ebenso wie der erste Fall in einer Großstadt. „Eine andere Dimension ist das nicht“, kommentierte der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk den Fund, „aber das Virus ist wieder ein Stück mehr an eine große Bevölkerungsgruppe herangerückt.“

Alternative zur Aufstallung gesucht

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer hatte am Donnerstag betont, die Suche nach einem geeigneten Impfstoff für Nutzgeflügel müsse verstärkt werden. Die Forschung zur Weiterverbreitung und zu möglichen Impfstrategien solle forciert werden, sagte Seehofer am Donnerstag in Berlin. Dies solle unter Federführung des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) und der Wirtschaft geschehen. Dies garantiere noch nicht den Erfolg, sagte Seehofer. Eines Tages aber müsse es eine Alternative zur Aufstallung und Keulung von Nutztieren geben.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, sagte, durch die Stallpflicht gerieten vor allem Betriebe mit Enten und Gänsen in finanzielle Bedrängnis. Um die Akzeptanz für die Stallpflicht zu erhalten, müßten Einkommensverluste ausgeglichen werden. Schon am Vortag hatte der nationale Krisenstab von Bund und Ländern beschlossen, daß Katzen in den Vogelgrippe-Sperrzonen im Haus gehalten und Hunde an der Leine geführt werden müssen.

Weiterer Weg der Seuche unklar

Am Freitag wurden in Rumänien sieben neue Geflügelpest-Fälle gemeldet. In Österreich wurde die Vogelgrippe am Freitag auch erstmals im Westen des Landes nachgewiesen. In der Nähe von Bregenz am Bodensee in Vorarlberg sei bei fünf toten Wildvögeln das H5N1-Virus festgestellt worden, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Insgesamt aber ist unklar, welchen Weg das Virus weiter nimmt - geographisch und medizinisch. Alle Prognosen zur weiteren Ausbreitung seien derzeit noch „Kaffeesatzleserei“, sagt der Präsident des Friedrich-Loeffler- Instituts für Tiergesundheit, Thomas Mettenleiter. Er hält es aber für möglich, daß sich die Seuche auf Rügen nicht weiter verbreitet, weil sich mit dem Abzug der Wildvögel die großen Tieransammlungen zerstreuen.

Doch wenn die Vogelgrippe weiter grassiert, wird die Stallpflicht möglicherweise über April hinaus verlängert. Der Bauernverband fordert eine Strategie, wie die Freilandhaltung aufrechterhalten werden kann - und klagt über Einkommensverluste, weil Freilandgeflügel in die Ställe muß. Es gebe Lösungen, mit denen die Tierhalter leben könnten, sagt Agrarstaatssekretär Gert Lindemann und verweist auf Abdeckungen.

Die Bundesregierung hat eine Info-Hotline zur Vogelgrippe eingerichtet. Sie ist erreichbar von 9 bis 17 Uhr unter den Telefonnummern 01888-529-4601, -4602, -4603, -4604, -4605.



Text: FAZ.NET mit Material der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1.3.2006, AP, dpa, Reuters
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z.-Greser&Lenz, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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